Vorsicht – gefährliche Kunst!

Mit einem Sonnenblumenkern-Teppich zum Herumtollen wollte der chinesische Künstler Ai Weiwei Besucher der Londoner Tate Modern beglücken. Doch das Glück währte nur drei Tage.

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Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Es sollte ein Kunstwerk werden, das sich der Berührung erschloss. Ein Touchy-Feely-Objekt sozusagen, das man sich durch die Finger rieseln lassen konnte. Ein grau-weisser Sandstrand, den man betrat, auf dem man herumspazierte, auf dessen Kieseln man sich niederliess. Auf dessen immenser Fläche man, bei näherer Betrachtung, der Individualität jedes einzelnen Sandkorns gewahr wurde. Auf dem einem kluge Gedanken zum Verhältnis zwischen China und dem Westen, dem Einzelnen und der Massengesellschaft, beharrlicher Handarbeit und automatisierter Produktion, Klischee und Realität, Freiheit und Repression kommen sollten.

Die Sandkörner waren genau genommen Sonnenblumenkerne. Noch genauer: Sie waren Porzellanteilchen, die vorgaben, Sonnenblumenkerne zu sein. Hundert Millionen davon hatte der chinesische Künstler Ai Weiwei aus seiner Heimat in die Tate Modern in London schaffen lassen. Seine «Sonnenblumensaat» in der berühmten Turbinenhalle des Museums sollte die Installation dieses Winters werden: ein tausend Quadratmeter grosser und zehn Zentimeter tiefer Sonnenblumenkern-Teppich, einladend zum Betreten, zum Betrachten, zum neugierigen Aufrühren; ein magisches Feld, ein Kraftakt, eine künstlerische Grosstat, ein politisches Statement, etwas für die ganze Familie.

Verhängnisvoller Staub

Das war die Idee. Und die Idee war gut. Aber dass sie so gut war und unmittelbar Tausende von Kunstfans anzog, wurde ihr zum Verhängnis: Das Herumtollen der Besucher auf dem Kunstwerk nämlich erzeugte Staub – durch die Reibung der Porzellanteilchen. Der Staub aber, fand die Tate, könne gefährlich sein, wenn er inhaliert werde. Also wurde das Kunstwerk am vierten Tage nach der Installation von Sicherheitsexperten des Museums gesperrt.

Seither können Besucher, die eigens wegen Weiwei angerückt sind, den Sonnenblumenkern-Teppich nur noch aus der Ferne inspizieren. Am Absperrband endet, so sorry, die Erfahrung mit dem lockenden Objekt. Zu oft hat die Tate in den letzten Jahren Personen, die sich im Zusammenhang mit experimentellen Schaustücken verletzten, Schadenersatz bezahlen müssen. Eine Massenklage wegen inhalierten Porzellans wollte sie offenkundig nicht riskieren: auch wenn frustrierte Museumsgäste wegen «so viel Bevormundung» grimmig fluchen und Fachleute wie der Edinburgher Professor Ken Donaldson versichern, dass «keinerlei Gefahr besteht für Personen, die geringen Mengen solchen Staubes kurzfristig ausgesetzt sind».

Ausstellen zum Gebrauch

Mitfühlendes Tate-Personal offeriert seit dem Zugangsverbot wenigstens das eine oder andere Porzellanstückchen aus der Tabuzone zur persönlichen Begutachtung. Lässt einen prüfen und sehen, dass sie alle tatsächlich verschieden sind. Zwei Jahre lang hat Weiwei sage und schreibe 1600 Kunsthandwerker aus der Stadt Jingdezhen beschäftigt, um diese kuriosen Teilchen hervorzubringen. Sie wurden sonnenblumenkernmässig geformt, im Ofen gebrannt, mit ein paar Pinselstrichen versehen, erneut gebrannt, gesammelt, verpackt und – 150 Tonnen schwer – nach London verschifft, wo sie der Künstler in besagter Turbinenhalle «zum Gebrauch» ausstellen wollte.

Nahrung für die Ärmsten

An tieferer Bedeutung fehle es seiner «Sonnenblumensaat» nicht, erläuterte Weiwei zu Beginn der Show wissbegierigen Betrachtern. Von Mao Zedong war die Rede, dem sich seinerzeit auf stilisierten Propagandabildern die Gesichter Chinas «wie Sonnenblumen der Sonne» zuwandten. Sonnenblumenkerne seien zudem damals auch noch in grösster Armut verfügbare kleine Imbisse gewesen, die man sich brüderlich geteilt habe, meint Weiwei. Auch an die kunstfertige Porzellan-Tradition der alten Stadt Jingdezhen habe er anknüpfen wollen, die längst von zeitgenössischer Massenfabrikation an die Wand gedrängt worden sei.

Chinesische Geschichte, westliche Modernisierung, das Individuum in einem Meer von Menschen und von Massenware – das alles hat er mit seinen Porzellan-Kernen aufzeigen wollen. Nun ist es, auch zu seinem grössten Bedauern, unmöglich geworden, sich im Saatbeet der hundert Millionen Kerne in der Tate Modern des kostbaren Einzelnen durch eigene Annäherung zu versichern. Fern ist der Strand gerückt, man starrt auf seine weite Fläche, die leer ist ohne Menschen, ohne Chance zur Interaktion. Mehr als sechs Monate lang soll Weiweis «Sonnenblumensaat» die Turbinenhalle zieren. Es ist eine gewaltige Leere, die einen da anfällt, in diesem Tempel globaler Kultur in London.

Bis 2. Mai 2011. Vom 28. Mai bis zum 21. August 2011 wird Ai Weiwei im Fotomuseum Winterthur zu sehen sein.

Tages-Anzeiger

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