Raffiniertes Spiel mit den Konkreten

Eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern nutzt die reduzierte Formensprache auf ihre Weise. Zu sehen in der gelungenen Ausstellung «Konkrete Gegenwart» im Haus Konstruktiv Zürich.

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Ewa Hess@askewa

Muss das ein schönes Gefühl gewesen sein, als die Avantgardekünstler in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts neue Formen für neue Menschen ­forderten! 100 Jahre später ist das Selbstverständnis des Homo sapiens arg angeknackt: Die Aussicht, bald durch in jeder Hinsicht flinkere Automaten ersetzt zu werden, sitzt uns im Nacken. Nicht neu, sondern veraltet kommen wir uns vor, und was neue Formen anbelangt... Wer glaubt heute noch an diese? Nach 100 Jahren wiederholter Tabubrüche meinen wir, schon alles gesehen zu haben.

Ist also die Zuwendung der neuen Kunst zu den konkret-konstruktiven Idealen der Aufbruchzeit des 20. Jahrhunderts, die uns gerade im Haus Konstruktiv mit einer überwältigenden Menge an Beispielen vorgeführt wird, der Ausdruck einer Sehnsucht nach dem revolutionären Impetus von damals?

Um das Fazit vorwegzunehmen: Nein. So kommt es einem nicht vor. Bei dem unter den zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern zu beobachtenden Ausbruch der neuen Liebe zur Geometrie handelt es sich eher, meint man am Schluss des ­Parcours, um so etwas wie ein Mantra der neuen Künstlergenerationen. Eine Besinnung auf alteingespielte Rituale und universelle Parameter, zwecks Beruhigung der disruptiv strapazierten Nerven.

Verspielte Gegenwartskunst

Zwischen der anfänglichen Frage und der finalen Feststellung liegen allerdings drei Stockwerke wunderbarer, unterhaltsamer, verspielter und nachdenklicher Gegenwartskunst, die durchaus raffiniert mit der konkreten ­Tradition spielt. Die Direktorin des Hauses Konstruktiv, Sabine Schaschl, die auch Kuratorin dieser Ausstellung ist, hat ganze Arbeit geleistet und den Werken zur bestmöglichen Entfaltung verholfen.

Sie besetzen ganze Räume – wie das hinreissend immersive Spiegelkabinett des Deutsch-Iraners Timo Nasseri. Oder ­klettern den Treppenschacht hoch – wie Esther Stockers Holzlatten-Kaskade mit eigentümlicher Sogwirkung. Wiederum andere Künstler, wie der Österreicher Herbert Hinteregger, dürfen ihre Leinwände effektvoll bis zur hohen Decke hinaufstapeln.

Die Ausstellung beginnt – und nichts könnte besser ausgewählt sein – mit einem Stuhl. Oder eher mit ihrer Hundert. Wie eine Armee stehen sie in Reih und Glied, weisse Exemplare des Designklassikers moderner Prägung, wie er weltweit in Wohngemeinschaftsküchen oder um Esstische junger Familien steht.

Die Rede ist von der «Ameise» des dänischen Designers Arne Jacobsen. Dieser Stuhl, am Anfang der 1950er-Jahre aus dem avantgardistischen Geist der Reduktion geboren, gehört zu den «heiligen Objekten» unserer Zeit (wie das Tom Wolfe formulierte). Im Haus Konstruktiv muss man sich natürlich sofort auch Max Bills «Kreuzzargenstuhl» dazudenken, der zur gleichen Zeit wie Jacobsens «Ant» entstanden ist, und ebenfalls immer noch in Serie produziert wird.

Das Original aus der Kopie

In ihrer Arbeit «Copy Right», die sich im Erdgeschoss pittoresk breitmacht, bemächtigt sich nun die dänische Künstlergruppe Superflex einer grossen Menge unauthorisierter Kopien des Sitzklassikers ihres Landsmanns und sägt diesen leicht stümperhaften Fälschungen originalgetreuere Formen hinein. So entstehen aus den Kopien wieder Originale, und das Konzept der juristisch geregelten Wiederholung (also copyright) wird pfiffig durch den Kakao gezogen. Aber eben, waren Jacobsen und Bill noch vom hehren Ideal einer gesellschaftlich konstruktiven «guten Form» beseelt, steht bei Superflex am Ende des – eigentlich gelungenen – sozialen Prozesses nur noch eine müde und arg desillusionierte Geste.

Etwas frischer und kraftvoller sind die Haltungen der Künstler, die Geometrie und ihre Spiel­arten als Puffer bei der Bewältigung der durch Globalisierung bedingten Kulturzusammenstösse nutzen. Der Libanese Walid Raad beispielsweise, der in seiner schönen Objektserie «Letters to the Reader» die Schattenformen imaginärer arabischer Kunstwerke in die Oberflächen reinsägt – und damit die Schwierigkeit signalisiert, arabische Kunst in westlich geprägten Museen auszustellen. Timo Nasseri nennt seinen orientalisch anmutenden Spiegelraum direkt «Florenz-Bagdad» und spielt mit dem Titel auf die Unterschiede zwischen der extrovertierten westlichen und der meditativen östlichen Kunst an.

«Stimmt es noch, Siri?»

Geblendet vom verführerischen Funkeln seiner Spiegeldreiecke, denkt die Besucherin an die der Ausstellung vorangestellte Maxime «Nichts ist konkreter als eine Linie, eine Farbe, eine Fläche» des Avantgarde-Theoretikers Theo van Doesburg. Und gerät in Versuchung, ihr iPhone aus der Tasche zu ziehen und «stimmt das noch, Siri?» ins Mikrofon zu fragen.

«Konkrete Gegenwart» im Haus Konstruktiv, bis 5.5.

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