«Man verweigert eine Konfrontation»

Theaterknatsch am Rhein: Der Basler Bürgerrat sperrt seinen Gemeindesaal für die Aufführung des Stücks «Breiviks Erklärung» von Milo Rau. Im Interview nimmt der Regisseur Stellung.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Herr Rau, Ihr Stück «Breiviks Erklärung» ist die blosse Wiedergabe der Verteidigungsrede des rechtsextremen Massenmörders. Was beabsichtigen Sie damit? Die Verteidigungsrede wurde tausendfach getwittert und in winzigen, dekontextualisierten Auszügen zugespitzt wiedergegeben. So wurde eine Rede dämonisiert, die eigentlich als Ganzes nur eins ist: banal und langweilig. Sie strotzt vor rechtsnationalen Gemeinplätzen. Wer die Rede liest, ist schockiert, nicht schockiert zu sein. Breivik ist ein irrer Mörder, klar – aber seine politische Ideologie ist nicht überraschend und ziemlich gewöhnlich.

Wie bereits andernorts haben Sie in Basel Mühe, einen Aufführungsort für das Stück zu finden – Ausdruck der Brisanz des Stücks oder nur ärgerlich? Die erste Absage letzten Herbst vom Nationaltheater in Weimar war eine intellektuelle Herausforderung, weil dadurch eine Diskussion über Rechtsradikalismus, die Grenzen der Kunst und so weiter angestossen wurde. Danach nutzte sich das aber leider etwas ab, und die Debatte wurde streckenweise repetitiv.

Warum wollen Sie das Stück in Basel nochmals aufführen? Das hat zwei Gründe: Der Veranstalter Boris Nikitin hat mich darum gebeten, er wollte das Stück unbedingt im Rahmen seines Festivals diskutieren – zu Recht, wie sich jetzt zeigt. Andererseits hat «Breiviks Erklärung» wegen der darin geäusserten Begeisterung für die Minarettinitiative ja auch einen klaren Schweiz-Bezug.

Wie beurteilen Sie das Verhalten des Basler Bürgerrats? Der Rat hat wohl einfach nach München geschaut, wo mich bereits das Haus der Kunst kurzfristig ausgeladen hatte, und dann nachgezogen. Sobald eine Institution eine repräsentative Funktion hat, wird sie vorsichtiger, sie will missverständliche Vorführungen vermeiden. Ich persönlich halte das Vorgehen für ungeschickt. Man verweigert eine Konfrontation, die deshalb ja nicht verschwindet.

Ist Ihr ideales Theater ein Agitationstheater? Ich halte nichts von Agitation auf der Bühne. Privat bin ich ein klassischer Linker, und ich glaube, dass ich damit gar nicht so falsch liege (lacht). Als Künstler hingegen versuche ich, einen objektiven Standpunkt einzunehmen, und ich arbeite mit allen zusammen. Das habe ich in Moskau zuletzt wieder getan, wo die Leute sich fragten, ob ich nun ein Faschist sei oder doch ein Liberaler.

Über Ihre Inszenierungen sagten Sie kürzlich selbst: «Solche Versuche interessieren nur ein paar Politiker und Feuilletonisten.» Und machen trotzdem weiter. Das Theater ist eine altertümliche Kunstform, zugegeben. Mit einer Aufführung erreicht man im besten Fall 300 Leute. Aber es ist immer noch ein Ort, an dem Vertiefung und Reflexion stattfinden können, die in den Medien buchstäblich keinen Platz haben. Dinge, die simpel wirken, in Zusammenhänge setzen und so in ihrer wahren Komplexität zeigen: Das ist Theater.

baz.ch/Newsnet

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