Das Treffen der «chichi artfucks»

Hintergrund

Heute eröffnet die Art Basel Miami Beach, der wichtigste Kunstevent der USA. Während sich reiche Kunstsammler um einen Platz auf der richtigen Gästeliste kümmern, rüstet die Occupy-Bewegung zum Protest.

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Nina Merli@nmerli

«Besetzt und befreit die Art Basel!» Unter diesem Motto wollen die Empörten aus Miami Beach heute Abend gegen die seit 2002 stattfindende Kunstmesse protestieren. Denn schliesslich wird die floridianische Küstenstadt in den nächsten Tagen von genau jenem einen Prozent der Bevölkerung belagert, das den Occupy-Anhängern ein Dorn im Auge ist: den Reichen dieser Welt.

Aus diesem Grund werden die beiden Künstlerinnen Andrea Bowers und Olga Koumoundouros eine öffentliche Kunstinstallation aufbauen – und zwar mitten auf Miamis exklusiver Shoppingmeile Collins Avenue, auch Millionaires Row, also Millionärs-Strasse genannt.

Um Kunst geht es schon lange nicht mehr

Die Installation ist eine Homage an das Umoja Village, eine Barackensiedlung, die 2006 in Miami aus Protest gegen den Mangel an billigem Wohnraum erbaut wurde und während sechs Monaten 150 Obdachlose beherbergte. Das Replikat des ehemaligen Shanty Towns sehen die Organisatoren als einen Teil der Art Basel Miami. Man wolle damit auf die immer stärker werdende Kommerzialisierung der Kunstwelt aufmerksam machen, in der es schon lange nicht mehr um Kunst gehe, heisst es auf der Facebook-Seite der Occupy-Miami-Bewegung.

Und man muss den Empörten teilweise recht geben. Die Art Basel Miami hat sich in den letzten Jahren zu einem fixen Termin in der Agenda von reichen Lifestyle-Aficionados entwickelt, die jeweils in der ersten Dezemberwoche nach Miami reisen, um das Sehen-und-gesehen-Werden zu zelebrieren. Obwohl die Messe offiziell erst heute eröffnet wird, fiel der Startschuss für den Zirkus der Eitelkeiten bereits Anfang Woche.

Ferraris und Champagner

Den Auftakt machte am Dienstag das «Interview Magazine» gemeinsam mit Ferrari: An einem exklusiven «By Invitation Only»-Anlass in einem von den Stararchitekten Herzog und de Meuron designten Parkhaus wurde der neue Ferrari 458 Spider vorgestellt. Mit Kunst hatte der Event natürlich auch zu tun: Der Künstler Marco Brambilla präsentierte eine 3-D-Videoinstallation.

Gestern Abend besuchten die Vips die «Pre Opening Night» – ausschliesslich für geladene Gäste – und anschliessend lud laut dem «Miami Herald» Rupert Murdochs Frau Wendi zu einem von Louis Vuitton gesponserten Strand-Barbecue ein. Die Party hatte sie gemeinsam mit der russischen Kunstförderin, der Millionärin Dasha Zhukova, organisiert.

Und während sich die älteren Semester an der Party von Kunstsammler und Immobilien-Tycoon Aby Rosen und seiner Frau Samantha Boardman tummeln und erste Kunstdeals abschliessen können, darf sich deren Nachwuchs mit Champagner an einer von Dom Pérignon gesponserten Party volllaufen lassen. Oder man schaut, dass man eine Einladung für die inzwischen legendäre «White Cube»-Poolparty des Londoner Galeristen Jay Jopling bekommt, die auch dieses Jahr im privaten Memberclub SoHo Beach House stattfindet.

«chichi artfucks»

Während die Messebesucher sich fieberhaft um einen Platz auf der richtigen Gästeliste bemühen, mobilisieren sich die Empörten via Facebook und Twitter, um im ganzen Blitzlicht-Rummel den Focus wieder auf die Kunst und durch sie auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken: die sozialen Missständen in unserer Gesellschaft. Doch die Occupyer sind sich nicht in allen Punkten einig. Während Aktivist Jeff Weinberger auf Facebook bedauert, nicht in Miami zu sein, um diesen ein Prozent «chichi artfucks» mal gehörig Angst einzujagen, nimmt Dennis Hernandez die wohlhabenden Kunstsammler in Schutz: «Wer bist du, um zu bestimmen, wie die Reichen ihr Geld ausgeben sollen? Wenn sie es für Kunst ausgeben wollen, so sollen sie es dafür auch ausgeben.»

Und so, schreiben andere Blogger, habe die Art Basel Miami auch ihr Gutes: Während der Kunstmesse habe es so viele Independent-Partys und Konzerte wie sonst nie im Jahr. Es scheint, als ob es am Ende weder den Messe-Besuchern noch den Anti-Messe-Aktivisten tatsächlich um die Kunst geht, sondern es wollen alle – das reiche ein Prozent und die nicht reichen 99 Prozent – vor allem eines: ein bisschen Spass haben.

baz.ch/Newsnet

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