Bilder präsentiert – aber keine Transparenz

Kommentar

Seit mehr als zwei Jahren wussten die Behörden von dem riesigen Münchner Kunstfund. Etwaige Erben der ursprünglichen Besitzer kontaktierte man nicht – und auch jetzt verhält man sich defensiv.

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Philippe Zweifel@delabass

Nun herrscht Gewissheit über den Umfang der Sammlung, die in der Wohnung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt gefunden wurde. Die Behörden haben 1406 Werke beschlagnahmt. Im Vorfeld der heutigen Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund wurde spekuliert, woher Gurlitts Vater die Kunstwerke hatte.

Während entartete Kunst meistens aus staatlichem Besitz stammt, also legal erstanden wurde, ist die sogenannte Raubkunst den jüdischen Besitzern oft unter Druck abgenommen worden. Eine eingesetzte Kunstexpertin bestätigte heute, dass ein Grossteil des Fundes aus den Beständen der entarteten Kunst stammt. Ob weiter auch Kunstwerke darunter sind, die den jüdischen Besitzern verfolgungsbedingt entzogen wurden, wird nun abgeklärt.

Von den über 1400 Kunstwerken präsentierten Hoffmann und die Ermittler nur elf. Zwar wurde eine Liste mit allen gefundenen Kunstwerken angefertigt, aber diese wird nicht öffentlich zugänglich gemacht. Eine Flut von angeblichen Besitzern würde die Interessen der echten Anspruchsberechtigten verletzen, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Wer ein Bild vermisse, solle sich melden.

Häufige Begleiterscheinung

Dass die Staatsanwaltschaft nicht selbst in Kontakt mit den Erben enteigneter Sammler getreten ist, erstaunt. Seit mehr als zwei Jahren wussten die Behörden von dem Kunstfund – Opferverbände und Forscher sind entsprechend empört über die staatliche Geheimhaltung. Zumal 200 Bilder gefunden wurden, die als Raubkunst auf der «Lost Art»-Suchliste eingetragen sind. Nun, wo der Fall publik wurde, wäre laut den Opferverbänden erst recht mehr Transparenz angezeigt.

«Der Fall Gurlitt und der behördliche Umgang mit den aufgefundenen Kunstwerken scheinen symptomatisch für den Umgang mit NS-Raubkunst zu sein», sagt Rüdiger Mahlo, Vertreter der Claims Conference, gegenüber «Zeit online». Die Organisation kämpft seit Jahrzehnten für die Restitution jüdischen Eigentums, das während der NS-Zeit geraubt wurde. «Die Tatsache, dass die Nachricht des Fundes erst heute an die Öffentlichkeit dringt», so Mahlo, «unterstreicht, dass mangelnde Transparenz eine häufige Begleiterscheinung der Restitution von Kunst- und Kulturgütern ist.»

Tatsächlich wurde im Rahmen der sogenannten Washingtoner Erklärung empfohlen, dass Länder in Museen und Kunstsammlungen nach Werken suchen lassen, die während der Nazi-Zeit beschlagnahmt worden waren. So sind sowohl in den Niederlanden als auch in Österreich die Bestände seit Jahren gesichtet.

baz.ch/Newsnet

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