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Kunst zum Staunen, Handeln und Kaufen

Die 47. Art Basel ist braver und zurückhaltender als ihre Vorgängermessen, sie bietet dennoch viel museale Qualität.

Die grösste Kunstmesse der Welt ist zurück: Die Art Basel 2016. Hier: Die Arbeit «Zome Alloy» von Oscar Tuazon auf dem Messeplatz.
Die grösste Kunstmesse der Welt ist zurück: Die Art Basel 2016. Hier: Die Arbeit «Zome Alloy» von Oscar Tuazon auf dem Messeplatz.
Jerome Depierre
Eine Besucherin in der Arbeit «Appearance of Crosses» von Gil El Anatsui und Ding Yi.
Eine Besucherin in der Arbeit «Appearance of Crosses» von Gil El Anatsui und Ding Yi.
Florian Bärtschiger
«Ascenseur» der brasilianischen Künstlerin Laura Lima.
«Ascenseur» der brasilianischen Künstlerin Laura Lima.
Florian Bärtschiger
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Tausende warteten im Regen. Man hätte sich ein Zelt für die Schlange gewünscht, die sich um elf Uhr vormittags vom Eingang der Rundhofhalle bis zu den Tramgeleisen erstreckte. Denn alle Taschen wurden gescannt. Wie am Flughafen. Das dauert. Bis man nass ist. Und der Service kann nicht grenzenlos sein.

Dem Besucher der Art geht es ja sonst nicht schlecht. Ihm werden fast alle Wünsche von den Augen abgelesen. Und die Hostessen und Türsteher, die den Kunsthandelsplatz bewachen, sind von ausgesuchter Höflichkeit. Auch dann, wenn sie mal Nein sagen, das haben wir selbst erlebt.

Das Atrium der Rundhofhalle ist so etwas wie die Kantine der Art. Hier ist heuer überall von Streetfood die Rede. Englisch natürlich. Italian Streetfood oder Japanese Streetfood oder so. Man geht eben bei der Art voll mit der Zeit. Unsere Kritik betrifft das Preis-Leistungsverhältnis: Die Bratwurst, die wir uns über Mittag zu Gemüte führten, war, trotz ihres astronomischen Preises von 8.50 Franken, weder Streetfood noch Fastfood, sondern schlicht und einfach kalt.

Man hätte sie zurückgeben müssen. Hat man aber nicht. Man hat sie runtergewürgt und ging dann brav wieder rein auf die Kunstpirsch.

Ein Maul wie ein Tellereisen

Am Anfang, also zwei Stunden vor dieser Wurstigkeit, wären wir bei der New Yorker Galerie von Peter Freeman beinahe über eine riesige, rostige Stahlfrau gestolpert, die ihre Schenkel und Brüste nach allen Gesetzen der Gravitation vor uns ausbreitete. Wir haben ihre Kurven, wie man das bei Skulpturen so macht, von hinten und vorne bewundert und schliesslich in ihr Gesicht geschaut, wo nichts als ein weit aufgesperrter Mund uns anblaffte. Das Maul sah, nein es sieht wohl für den Besucher, der heute und morgen und bis zum Ende der Art hier vorbei spaziert, wie eine Falle für Wildtiere aus, ein Tellereisen, das kräftig und grausam zupackt, wenn einer hier stolpern sollte.

Willkommen im Reich der Gegenwartskunst. Die Frauenskulptur stammt übrigens von Thomas Schütte, der vor drei Jahren in der Fondation Beyeler schon zeigte, dass es ihm die weibliche Anatomie angetan hat. Er ist nach wie vor im Geschäft. Und er wird, wenn wir uns nicht täuschen, mit zunehmendem Alter bissiger.

Der Stand der Galerie Thomas aus München lädt dagegen zu einem komfortablen Bad in der Kunstgeschichte. Deutsche Kunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es da zuhauf. Von Max Pechstein leuchtet uns ein wundervolles Bildnis einer gewissen Charlotte Cuhrt aus dem Jahre 1910 an. Die junge Frau trägt einen roten Rock und schaut aus grossen, melancholischen Augen. Ein Superbild, das aber im Frühjahr 2015 bei einer Auktion von Sotheby’s durchgefallen ist, wie wir aus dem Internet erfahren. Es sucht noch immer einen Käufer, der bereit sein müsste, wohl gegen eine halbe Million Franken hinzublättern. Daneben hängt bei Thomas ein kleiner Oskar Schlemmer, mit zwei Köpfen und zwei Akten, der sich hervorragend in jedes kunstsinnige Interieur einfügen dürfte. Und wenn man sich umdreht, dann sieht man Max Ernst, Fernand Léger, Alexej von Jawlensky. Es ist wie in einem kleinen Museum.

Kleine und grosse Museen

Überhaupt bilden die Galerien der Art Basel im Erdgeschoss wieder einmal so etwas wie ein Weltmuseum auf Zeit. Da fehlt es nicht an berühmten Namen, die einem helfen bei der Orientierung. David Zwirner aus New York zeigt zum Beispiel einen zwei Meter hohen Stapel von Donald Judd neben einem schneeweissen Robert Ryman, der zumindest aus der Entfernung an eine weiss verputzte Wand erinnert. Es sind zwei bedeutende Werke, angesichts deren es einem leidtut, nicht selbst ein Museum zu sein. Oder mindestens über ein Budget zu verfügen, mit dem solche Sachen erworben werden könnten.

Wir haben uns danach etwas aufhalten lassen von der New Yorker Galerie von David Nolan, der seine Koje mit einem schrägen, comichaften Bild von Jonathan Meese aufmacht, das einen rauchenden und colthaltenden John Wayne zeigt. Überflüssig, darauf hinzuweisen, dass der Colt grosse Ähnlichkeiten mit einem Penis hat. David Nolan zeigt aber auch Jorinde Voigt mit ihrer radikal verschiedenen Malerei: Auf weissem Hintergrund lässt die Frank­furterin (Jahrgang 1977) bunte Kreisflächen und Formen schweben, die an menschliche Organe wie Herz und Leber erinnern. Das Bild ist wie ein Blick in den Kosmos, aber federleicht und hell und wunderbar ausbalanciert. Es soll eine emotionale Karte zeigen, eine Abstraktion, bei deren Zeichnung die Künstlerin, wie wir von der Galerie erfahren, auch auf Theorien des Psychoanalytikers Jacques Lacan Bezug genommen habe. Es kostet zwischen 40?000 und 50?000 Franken, wenn wir das recht mitbekommen haben.

Putzende und fallende Frauen

Bei der Skarstedt Gallery aus London und New York werden die Gefühle dann handfester: Hier entdecken wir einen Eric Fischl, der eine leicht turbu­lente Szene zwischen einem Mann und einer Frau erzählt, die sich in einer Kunstgalerie befinden. Daneben hängt ein schöner Cy Twombly aus dem Jahre 2004 mit weissen Farbschlieren auf braunem Untergrund. Und als wir die Koje der nächsten Galerie betreten, es ist Jablonka aus Köln, befinden wir uns vor einer Frau aus Acrylglas, die auf den Boden stürzt. Sie stammt, der Zufall will es, ebenfalls von Eric Fischl, der dazu auch noch das passende Ölbild liefert: eine Putzfrau beim Staubsaugen vor einer stürzenden Frauenskulptur.

Wir schlendern weiter und entdecken bei Richard Gray, einer Galerie, die in New York und Chicago zu Hause ist, Bilder von Lucio Fontana, Ed Ruscha und Jim Dine sowie jene mannsgrosse Statue, die uns schon vor einem Jahr aufgefallen ist: Die schwarze Bronze- skulptur, die an die bekannten Statuen auf den Oster-Inseln erinnert, ist von Jaume Plensa und hat den Titel «Duna’s Dream». Wir werden ihrer weissen Schwester im Laufe unseres Rundgangs bei einer anderen Galerie begegnen, was weiter nicht erstaunt, denn in der Regel lassen sich Künstler ja von mehreren Galerien vertreten.

Die neue Bescheidenheit

Es fällt auf, dass der Auftritt der Galerien an der diesjährigen Art etwas bescheidener ist als in vergangenen Jahren. Das Angebot ist ganz allgemein etwas braver als auch schon, etwas weniger grell, etwas leichter konsumierbar. Dennoch begrüsst uns bei Marl­borough aus New York eine kleine Armee von kopflosen Bronzefiguren. «Standing Figures» ist eine der wenigen Grossinstallationen, die man in diesem Jahr auf den Stockwerken der Rundhofhalle sieht. Das furchteinflössende Werk stammt von der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz, die für ihre Skulpturengruppen berühmt ist.

Bei Mnuchin (New York) wird es dann ganz minimalistisch mit Carl André, Frank Stella und Brice Mardens «First Window Painting» (1981), das gestern für 4,5 Millionen Dollar verkauft worden ist. Die Galerie Landau führt einen zuverlässig zurück in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei Two Palms ziehen einen fünf Fotos von Richard Prince in ihren Bann, daneben ist eine schöne Gemeinschaftsarbeit von Elisabeth Peyton und Matthew Barney zu entdecken. Von Jenny Holzer hängt bei Cheim & Read ein Bild aus ihrer CIA-Brief-Serie, zudem ein atemberaubend expressives Werk von Joan Mitchell aus dem Jahre 1958. White Cube wiederum inszeniert Mona Hatoum mit Arbeiten, die zurzeit auch in der Tate Modern zu sehen sind.

Von Christo bis zu den Flaneuren

Es gäbe noch viel zu erzählen. Von Alexander Calder, den viele Galerien im Angebot haben. Von Maria Lassnig, Paul McCarthy und Louise Bourgeois bei Hauser & Wirth. Von Christo bei Annely Juda oder einem elf Meter breiten Gerhard Richter bei Marion Goodman. Von den beiden Japanerinnen auch, die mit ihre Hüten und ihren Blumenkleidern wie Kunstwerke aussehen. Von den lockeren und sportlichen jungen Männern, die von Beruf Sohn zu sein scheinen. Von den Sammlern mit dem grossen Portemonnaie, die gerne zu zweit aufkreuzen, entweder mit Frau, Geliebter oder einem kunstsinnigen Freund. Von den Galeristen, die ohne mit den Augen zu zucken, horrende Preise nennen, wenn man danach fragt. Oder von den langbeinigen Elfen, die überall herumstehen, seien es Kundinnen oder Verkäuferinnen.

Manchmal hat man beim Kunstshopping ja den Eindruck, dass jene Schönheit, die man auf den Bildern der Gegenwartskunst vielleicht etwas vermisst, sich statt dessen ganz real vor den Bildern tummelt. Jedenfalls gibt manch ein Flaneur freimütig zu, dass er nur wegen der Leute gekommen sei, die Bilder hätte er längst über.

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