«Wir hoffen, wieder mehr zum Zug zu kommen»

20 Jahre gibt es das Ensemble Phoenix bereits. Jürg Henneberger erzählt über Erfolge mit Neuer Musik und die Zukunft am Theater Basel.

Freiheit und Vielfalt. Jürg Henneberger findet es spannend, Musik nach immer neuen Prinzipien zusammenzusetzen und auf die Bühne zu bringen.

Freiheit und Vielfalt. Jürg Henneberger findet es spannend, Musik nach immer neuen Prinzipien zusammenzusetzen und auf die Bühne zu bringen.

(Bild: Pino Covino)

Herr Henneberger, viele Orchester werden gegründet und verschwinden bald wieder. Das Ensemble Phoenix Basel behauptet sich aber seit 20 Jahren als eine der schweizweit führenden Neue-Musik-Formationen – was ist der Grundstein des Erfolgs?
Unser Ensemble ist ja nicht von heute auf morgen entstanden. Ursprünglich war da das Ensemble der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) Basel, das mein damaliger Klavierlehrer Jürg Wyttenbach gegründet hatte.

Das war kein etabliertes Orchester, aber es spielten immer in etwa dieselben Musiker mit. 1996 kam das Theater Basel auf uns zu. Ich sollte unter anderem eine Aufführung von György Kurtágs «Troussova»-Liedern in der Produktion «The Unanswered Question» von Christoph Marthaler leiten.

Ich erklärte, dass ich dieses anspruchsvolle Werk nicht mit dem Basler Sinfonieorchester aufführen könne, der Probeaufwand wäre zu gross – ich brauchte Spezialisten.

Also riefen Sie die Musiker der IGNM.
Ja. Wir traten damals als «Kurtág-Ensemble» auf. Wir hatten Erfolg, und einige unserer Musiker wurden vom Theater immer wieder engagiert, unter anderem für Bernd Alois Zimmermanns «Die Soldaten». Diese und andere Umstände machten die Gründung eines festen, institutionalisierten Ensembles für Neue Musik in Basel notwendig.

Die Organisationsarbeit sollte so auf mehrere Schultern verteilt werden. Die künstlerische Leitung bestand von Anfang an neben mir aus dem Flötisten Christoph Bösch und dem 2016 leider verstorbenen Schlagzeuger Daniel Buess.

Wo fand die Taufe von «Phoenix» statt?
Das Gründungskonzert fand am 12. Dezember 1998 auf der Kleinen Bühne des Theater Basel statt. Wir erhielten bald auch Subventionen, die uns halfen, eine Konzertsaison mit Kompositionsaufträgen und anderes zu finanzieren.

Ihre Heimstätte ist aber nicht das Theater Basel, sondern Gare du Nord.
Die Gründung dieses Zentrums für Neue Musik 2002 war ein Glücksfall. Wir machten in der Gare du Nord weiter viel Musiktheater, zum Beispiel Helmut Oehrings «Gunten» oder Francesc Prats «Sieben Silben».

Und neben der Oper?
Wir haben andere Schwerpunkte, die uns am Herzen liegen. So etwa elektronische Musik, spartenübergreifende Projekte. Für den Bereich Noise (ein Musikgenre, das mit Geräuschen arbeitet, Anm. d. R.) prägend war Daniel Buess. Die «Blanko»-Abende unserer Konzertreihe gehen auf ihn zurück.

Immer im Juni spielen wir mit Künstlern zusammen, die keine herkömmliche Partitur abgeben, sondern anders, zum Beispiel improvisierend oder mit Soundfiles arbeiten.

Zugleich wächst die Konkurrenz durch immer neue, junge Ensembles.
2009 habe ich ja mit dem Komponisten und Posaunisten Mike Svoboda und dem Saxofonisten Marcus Weiss an der Musikhochschule den Master-Studiengang für Zeitgenössische Musik ins Leben gerufen.

Als Folge davon formieren sich Studierende und Studienabgänger zu Ensembles und sammeln so Praxiserfahrung. Wie die Zukunftsaussichten dieser Ensembles sind, steht auf einem anderen Blatt. Wir sehen dadurch keine Konkurrenz, sondern eine Bereicherung.

Die Neue Musik wird den Nimbus des Akademischen einfach nicht los. Haben Sie damit auch zu kämpfen?
Das wird zeitgenössischen Kulturschaffenden seit Jahrhunderten vorgeworfen, was wir aber weder so wahrnehmen noch leben. Publikumsseitig können wir in den letzten Jahren einen steten Besucherzuwachs verzeichnen.

Zudem ist das Publikum durchmischter, es kommen immer mehr junge Leute. Gare du Nord hat sich überregional als Ort etabliert, an dem kulturell Wichtiges stattfindet. Je nach Programm scheuen wir auch ausgefallene Lokalitäten nicht, spielen in Garagen, im Wasser oder auch mal Klassisches in einer Bar.

Neue Musik war im 20. Jahrhundert lange ideologisch geprägt. Heute scheint alles möglich: Von Sprechgesang über Mikrotonalität und Elektronik bis zu spartenübergreifenden Konzepten. Ist hier nicht was verloren gegangen: eine Basis, auf die sich Musiker und Hörer verständigen können?
Im Gegenteil, ich finde die Freiheit spannend: Stets aufs Neue zu erforschen, was für Ordnungsprinzipien erfunden werden, und dann zu versuchen, die Musik nach diesen Prinzipien zusammenzusetzen und auf die Bühne zu bringen.

Gibt es eine Kompositionsweise, die Sie besonders überzeugt?
Ich mag die Vielfalt. Immer wieder bin ich von der Musik von Georg Friedrich Haas fasziniert. Er arbeitet gerne mit Spektralklängen, Obertönen.

Das bedeutet für uns Musiker, dass wir die temperierte Stimmung hinter uns lassen und in neuer Weise aufeinander hören müssen.

Das Ensemble Phoenix war in der Anfangszeit häufiger am Theater Basel zu erleben, heute eher selten. Warum?
In den 90er-Jahren wurde am Theater Basel mehr Neue Musik aufgeführt als heute; die Basler Oper war ein Epizentrum zeitgenössischen Opernschaffens. Ab der Ära Georges Delnon war dies weniger der Fall ... In der letzten Saison unter der Intendanz Andreas Becks waren wir bei der Operette «Die Blume von Hawaii» dabei.

Wir nehmen das als Anlass zur Hoffnung, unter dem designierten neuen Intendanten Benedikt von Peter, der sich insbesondere durch das moderne Opernschaffen einen Namen gemacht hat, wieder mehr zum Zug zu kommen.

Was steht bei Phoenix als Nächstes an?
Ein Programm mit Musik von Rudolf Kelterborn und zwei seiner ehemaligen Kompositionsschüler. Kelterborn, der an der Musik-Akademie Basel gelehrt hat, ist vor einiger Zeit zu mir gekommen und hat mir eine neue Partitur in die Hand gedrückt.

Er fühle sich uns verbunden, wir hätten ihm und vielen anderen Komponisten grosse Dienste erwiesen. Wir freuen uns ausserordentlich, das Geschenk nun zum Klingen zu bringen.

Jürg Henneberger, 1957 in Luzern geboren, ist Gründer und Leiter des Ensembles Phoenix. Seit 1989 lehrt er in verschiedenen Funktionen an der Musikhochschule Basel. Konzert: «Rudolf Kelterborn und seine Schüler», So und Mo, jeweils 20 Uhr, Gare du Nord. www.garedunord.ch

Basler Zeitung

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