«Wenn er sich verbeugte, dann nie vom Podium aus»

Nachruf

Michael Haefliger, Leiter des Lucerne Festival, über seine Zusammenarbeit mit Claudio Abbado – und wie es nach dessen Tod mit dem Lucerne Festival weitergeht.

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Martin Ebel@tagesanzeiger

Herr Haefliger, Sie haben viele Jahre mit Claudio Abbado zusammengearbeitet. Was bedeutet sein Tod für Sie persönlich? Es ist schwer, die Beziehung zu Claudio Abbado mit Worten zu erklären. Denn wir haben nicht viele Worte gemacht. Natürlich, wir haben uns oft gesehen, Projekte zusammen entwickelt, zusammen gegessen. Aber er war nicht sehr redselig. Mit ihm gab es viele ruhige, sehr spezielle Momente, sehr schöne Momente. Er hat mich sehr beeindruckt durch seine Noblesse, seine elegante, unprätentiöse Art des Künstlerseins; er mochte den Starkult nicht. Ich weiss, dass ihm sein Garten in Sardinien wichtig war, er war sehr eng mit seinen Pflanzen. Aber geredet hat er darüber eigentlich nicht.

Und bei der Programmarbeit? Ohne Worte geht es da doch nicht.
Er wusste immer, was er wollte. Aber über die Programme haben wir viel und lange diskutiert, und da war er immer offen für die Vorschläge anderer. Er war ja ein suchender Mensch, der Weg war für ihn nie abgeschlossen. Er liess sich gern inspirieren und war bis zum Schluss ein Lernender. Auch seine Interpretationen waren ja nie abgeschlossen oder absolut wie die mancher Kollegen. Das führte auch beim Orchester manchmal zu Überraschungen.

Da sind wir beim Dirigenten Abbado. Sie haben ihn oft erlebt, bei Proben, bei Aufführungen. Was war das Besondere an ihm?
Auch hier wusste er immer genau, was er wollte und was nicht. Aber er sah sich in einer integrierenden Rolle, als Primus inter Pares, auch als Dirigent immer als Teil eines Ganzen, nicht abgehoben oder herausgehoben. Das zeigte sich sogar in Kleinigkeiten: Wenn er sich verbeugte, dann nie vom Podium aus, sondern immer in einer Linie mit den Musikern. Das war seine Lebensphilosophie.

Was bedeutet der Tod Claudio Abbados für das Lucerne Festival?
Einen Claudio Abbado können Sie nicht ersetzen. Aber es war sein eigener Wunsch, dass die Projekte weitergehen. Wir werden versuchen, seinen Geist zu erhalten, ihm verpflichtet, ihn ehrend. Es wird jemand Neues geben müssen, der in seine Fussstapfen treten muss, der aber auch neue Wege gehen wird.

Ganz konkret: Beim Osterfestival und im Sommer sind Konzerte mit Claudio Abbado programmiert.
Diese Konzerte werden stattfinden. Wer sie leiten wird, dazu möchte ich jetzt noch nichts sagen. Wir werden in den nächsten Tagen bekannt geben, wie es weitergeht.

Ist mit diesem Tod eine Ära zu Ende?
Das kann man sagen, bei aller Skepsis gegenüber dem Begriff Ära. Aber vielleicht kann man auch sagen, dass die Ära über seinen Tod hinausreichen wird. Ich meine besonders sein Bekenntnis zur Jugend, seine Unvoreingenommenheit ihr gegenüber und sein Anspruch, auch mit Jugendorchestern Weltklasseniveau zu erreichen. Und das hat er auch erreicht.

baz.ch/Newsnet

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