Zum Hauptinhalt springen

Wenn die Bühne Geschichten erzählt

Halb Laufsteg, halb Kampfarena: Die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst baut Ungewöhnliches im Zürcher Opernhaus.

Rebecca Ringst inmitten ihres Bühnenbilds für «L’incoronazione di Poppea» im Zürcher Opernhaus.
Rebecca Ringst inmitten ihres Bühnenbilds für «L’incoronazione di Poppea» im Zürcher Opernhaus.
Doris Fanconi

Auf einer idyllischen Waldlichtung hat die laufende Zürcher Opernsaison begonnen, auf einer leuchtenden Plexiglas-Ellipse wird sie enden. Aber so unterschiedlich diese Bühnenwelten sind, eines haben sie gemeinsam: Die 43-jährige Berlinerin Rebecca Ringst hat sie erfunden.

Ringst ist schon vor Jahren ganz oben in der Opernwelt angekommen, regelmässig arbeitet sie mit Regiestars wie ­Calixto Bieito und Barrie Kosky zusammen. Dabei ist sie ein Chamäleon geblieben, man erkennt ihre Bühnenbilder durchaus nicht auf den ersten Blick. Auf den zweiten aber schon, hält sie in einem Opernhaus-Zimmerchen dagegen: «Meist verwandeln sich meine Bühnen im Lauf einer Aufführung, sie erzählen die Geschichte mit.» Und sie sind raumgreifend, in allen Richtungen: «Bühnen sind fast so hoch wie Kathedralen, warum soll man das nicht nutzen?»

Ja, warum nicht? Diese Frage stellt sich Rebecca Ringst immer wieder, und häufig führt die Antwort zu ungewöhnlichen Lösungen. Um nur ein paar Zürcher Beispiele aufzuzählen: In Bernd Alois Zimmermanns «Soldaten» sass das über hundertköpfige Orchester auf der Bühne hinter den Sängern (die man so weit besser hörte als in diesem Werk üblich). In Prokofjews «Der feurige Engel» dagegen bespielten die Sänger ein mehrstöckiges Gerüst, wobei die Protagonistin Ausrine Stundyte «so wild und mutig war, dass wir sie bremsen mussten».

Publikum auf der Bühne

Auch in der bevorstehenden «Incoronazione di Poppea» wird wieder einiges anders sein als gewohnt. Da wird nicht nur das Orchester mitten in der Plexiglas-­Ellipse platziert, also zwischen den Sängern; es gibt auch Publikum auf der Bühne. Das ist ökonomisch sinnvoll, weil das Bühnenbild die ersten zwei Parkettreihen «frisst», die so wieder kompensiert werden können. Auch der Dirigent Ottavio Dantone freut sich, weil gerade in Barockopern der enge Kontakt zwischen Musikern und Sängern wichtig ist. Und schliesslich passt es inhaltlich, weil man sich als Schauplatz für diese Produktion «eine Mischung aus Laufsteg und Kampfarena» ausgedacht hat: Da gehört das Publikum nun mal mit ins Bild.

Die Idee mit der Arena kam von Rebecca Ringst, jene mit dem Laufsteg von Calixto Bieito, die Kombination hat beide überzeugt. So sei es oft, sagt Ringst: «Ich weiss, was ihn interessiert, und er merkt, wenn ich aus etwas noch mehr herausholen kann.» Diese Arbeitsweise liegt ihr, das reine Umsetzen von fertigen Konzepten wäre nichts für sie: «Als Bühnenbildnerin bin ich die Erste, die dem Haus etwas abliefern muss; also bin ich auch die Erste, die sich wirklich intensiv mit einem Stück befasst. Und natürlich denke ich die Regie da immer schon irgendwie mit.» Wenn sie einen Raum entwirft, stellt sie sich immer vor, wie ihn die Sänger nutzen können, «und ich mache durchaus konkrete Vorschläge in den Proben».

Auch von den Kostümen hat sie klare Vorstellungen, «ich bin für die Kostümbildner wohl ziemlich nervig». Schliesslich hat sie selbst einst in dieser Sparte angefangen, nachdem sie die Aufnahmeprüfung an die Berliner Kunsthochschule nicht bestanden hatte. Damals suchte sie eine Praktikumsstelle, «zu Hause sitzen und Aktzeichnen üben, da wäre ich wahnsinnig geworden». Und weil sie gut nähen konnte, kam sie über einen Bekannten, der als Kostümbildner assistierte, ans Deutsche Theater Berlin.

Dass sie ans Theater passt, war dann schnell klar. Der Wahnsinn hinter der Bühne, die vielen verschiedenen Leute, die zusammen etwas stemmen, «das hat mich gepackt». Es folgte ein Studium in Kostüm- und Bühnenbild in Dresden, «da habe ich rasch gemerkt, dass mich die Bühne mehr interessiert». Sie steht nun mal lieber in einer Werkstatt, als dass sie shoppen geht. Holz und Stahl sind ihr als Materialien näher als Stoff. Und auch die Vielfalt der Herausforderungen reizt sie: Statik und Akustik, Technik und Psychologie – «da kommt vieles zusammen».

Viel Teamwork auch, viel Erklären und Kompromisse suchen. Mit Bühnentechnikern, die ein Budget einzuhalten haben. Mit Sängerinnen, die nicht schwindelfrei sind. Die Bühne werde meist besser, wenn man sie den Realitäten anpassen müsse, sagt Rebecca Ringst.

Ein Flair für Gerüste

Manchmal läuft aber auch alles wie gewünscht. Dann schafft das Zürcher Opernhaus extra für die «Poppea» lu­xuriöse Lichtelemente an (immerhin in standardisierten Formen, sodass man sie später wieder verwenden kann). Und die Sänger sind «so jung und schön und frisch und kraftvoll» – Ringsts enthu­siastische Adjektivliste geht noch eine ganze Weile weiter.

Die Begeisterung gilt auch dem Stück. Barockopern und zeitgenössische Werke seien ihr am liebsten, sagt Rebecca Ringst, «alles zwischendrin wirkt auf mich so künstlich». Zum Glück tut sie es nicht – und hat für Barrie Koskys Berliner-Zürcher-Koproduktion von Tschaikowskys «Jewgeni Onegin» die eingangs erwähnte Waldidylle entworfen, in die man sich am liebsten gleich hineingesetzt hätte. Sie habe ja zuerst gedacht, es sei vielleicht zu kitschig, sagt sie dazu; «aber es ist dann doch schön geworden, richtig nostalgisch, ein Sehnsuchtsort».

Ihr persönlicher Sehnsuchtsort fände sich wohl dennoch eher auf einem der Gerüste, die sie so gern verwendet: «Ich mag es, wenn man sieht, wie etwas gebaut ist, wenn die Hülle und das Dahinter ineinandergreifen.» Manchmal baut sie ihre Bühnenbilder auch bewusst «technisch-brutal», im Kontrast zur Musik. Aber eben doch im Einklang mit ihr: Manches sehe ohne Musik nach nichts aus, sagt sie, «aber mit der Musik lädt sich der Raum so richtig auf». Wer Aufführungen mit ihren Bühnenbildern erlebt hat, weiss genau, was sie damit meint.

Premiere von «L’incoronazione di Poppea» im Zürcher Opernhaus: Sonntag, 24. Juni, 19 Uhr.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch