Klassiker der Woche: Ein Chor für Trump

Viele haben abgesagt – aber der Mormon Tabernacle Choir wird bei der Inauguration des neuen US-Präsidenten singen.

«Glory, Glory, Hallelujah!» Der Mormon Tabernacle Choir singt die «Battle Hymn of the Republic». (Youtube/Mormon Tabernacle Chor)
Susanne Kübler@tagesanzeiger

Elton John singt nicht, Céline Dion und die Jungs von Kiss ebenfalls nicht, und auch Andrea Bocelli hat sich nach harschen Protesten wieder abgemeldet: Die Zusammenstellung des musikalischen Programms für Donald Trumps Inaugurationsfeier war eine harzige Angelegenheit.

Aber es ist dann doch noch ein bisschen etwas zusammen gekommen für die diversen Feier-Anlässe heute und morgen: Die 16-jährige Jackie Evancho wird singen, die einst Zweite wurde bei «America’s Got Talent». Mit Lee Greenwood und Toby Keith treten zwei sehr patriotische Country-Sänger auf, die früher wirklich erfolgreich waren. DJ Ravidrums war mal persönlicher DJ von «Playboy»-Chef Hugh Hefner. Dann sind da noch die dauerlächelnden Tanzfrauen von The Rockettes und die mehrheitlich farbigen Bläser und Trommler der Talladega College Marching Band, die das Image des neuen Präsidenten aufpolieren sollen. Und schliesslich wird der 360-köpfige Mormon Tabernacle Choir auftreten, der seine religiösen Botschaften schon immer mit patriotischen verbunden hat.

Hier singt er die «Battle Hymn of the Republic», jene Neutextierung von «John Brown’s Body», die während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861–65) entstanden ist. Schon öfter wurde die Hymne für US-Präsidenten gesungen, Robert F. Kennedy und Ronald Reagan wurden mit ihr beerdigt. Ob sie an der Trump-Feier gesungen wird, ist nicht bekannt, aber passen würde sie: «Glory, glory, hallelujah!» hört jeder Mächtige gern, und den Schluss des Refrains «His truth is marching on» könnte man geradezu als Kampfansage gegen all die vom neuen Präsidenten gerügten Fake-News hören.

Man gibt sich tolerant

Allerdings singt der renommierte Mormon Tabernacle Choir diese Hymne ziemlich zahm. Der Kampf ist eine gepflegte Angelegenheit, man legt Wert auf vokale Contenance und präzise Artikulation (und offensichtlich auch auf freudig strahlende Sänger). Selbst die Bläser spielen ihre Fanfaren nicht angriffig, sondern mit freundlicher Zurückhaltung.

Das passt durchaus zur Marketingstrategie des Chors und der Mormonen überhaupt, die sich als tolerant und aufgeschlossen präsentieren. Dem Vorwurf des Rassismus begegnet man mit dem Hinweis darauf, dass seit 1978 auch Farbige als Priester geweiht werden. Frauen sind zum Priesteramt zwar nach wie vor nicht zugelassen, spielen aber – wie auf der Website nachzulesen ist – in anderen Positionen eine wichtige Rolle. Und auch Homosexuelle sind als «Kinder Gottes» akzeptiert (als Chorsänger allerdings nur, wenn sie ihre Neigungen nicht ausleben).

Aber wie passt der Auftritt für Trump zu dieser Strategie? Die Frage stellt sich für die Verantwortlichen nicht. Schliesslich sie dies bereits die siebte Inaugurationsfeier, an der man mitwirke, und man habe sich in der Vergangenheit von Präsidenten beider Parteien einladen lassen, sagt Chorpräsident Ron Jarrett, und: «Wir sind stolz, unserem Land zu dienen, indem wir musikalisch zur Inauguration des neuen Präsidenten beitragen». Der Präsident selbst wird froh sein, dass er jemanden gefunden hat, der das so sieht.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt