Klassiker der Woche: Carmens Absturz

Was nur hat Dragana Jugovic geschluckt vor diesem Auftritt? Die Operngemeinde rätselt immer noch.

Eher tragisch als komisch: Dragana Jugovic als Carmen. (Youtube/TheCucumberMasked)
Susanne Kübler@tagesanzeiger

War sie betrunken? Bekifft? Oder hatte sie zu viele Betablocker geschluckt? Sicher ist: Dieser Auftritt von Dragana Jugovic als Carmen ist ein ziemlich einzigartiges Dokument. Kein Wunder, ist es zum Youtube-Klassiker geworden; wo immer Opern-Abstürze verhandelt werden, wird es als besonders krasses Beispiel herumgeboten.

Wobei sich das Entsetzen über diese Carmen mischt mit Bewunderung für den Tenor Alexei Steblianko, der dieses letzte Duett aus Georges Bizets Oper so professionell ungerührt hinter sich bringt. Sie kann machen, was sie will; er lässt sich kein bisschen aus der Fassung bringen. Der Applaus, zu dem sich das Publikum am Ende hinreissen liess, dürfte vor allem ihm gegolten haben.

Vielleicht war es auch mitleidiger Applaus. So giftig Opernfans über einen einzelnen Kiekser lästern können, hier ist die Dimension eine andere. Man hätte die Sängerin vor sich selbst schützen und von der Bühne holen sollen: Dies ist jedenfalls der Tenor in den vielen Foren, in denen dieses Video diskutiert wird. Hämische Kommentare gibt es bemerkenswert wenige. Man ist sich einig, dass dies ein eher tragischer als komischer Auftritt ist.

Private Tragödien

Auch die Umstände, soweit sie zu eruieren sind, lassen eher auf eine Tragödie schliessen. Die serbische Mezzosopranistin Dragana Jugovic war damals verheiratet mit Claudio del Monaco – Sohn des Tenors Mario del Monaco, Bruder des Regisseurs Giancarlo del Monaco und Leiter des Belgrader Theaters, in dem dieses Konzert stattfand. Es scheint mit dazu beigetragen zu haben, dass er seinen Posten verlor.

Heute ist Dragana Jugovic zwar geschieden, aber nach einer Karrierepause als Dragana del Monaco wieder aktiv – wenn auch ausschliesslich in Belgrad. Auf ihrer Website postet sie «Carmen»-Ausschnitte, die zwar nicht gerade betören, aber doch immerhin auch nicht schockieren. Claudio del Monaco dagegen hat nicht wieder Tritt gefasst, im Gegenteil: 2014 verletzte ihn seine dritte Frau, die Sängerin Daniela Werner Hermann, mit vier Messerstichen lebensgefährlich.

Und man denkt sich: Die «Carmen» ist durchaus nicht dramatischer als die Realität.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt