Er konnte auch jodeln

Der Schweizer Tenor Ernst Haefliger war nicht nur ein begnadeter Bach-Sänger. Das zeigt eine CD-Box, die zu seinem 100. Geburtstag erscheint.

Kein Blender, kein Hochglanz-Sänger: Ernst Haefliger (1919-2007) mit seiner Frau und den Kindern. Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger ist links im Bild.

Kein Blender, kein Hochglanz-Sänger: Ernst Haefliger (1919-2007) mit seiner Frau und den Kindern. Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger ist links im Bild.

(Bild: Alexander Enger/bpk/ullstein)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Dass der Schweizer Tenor Ernst Haefliger ein breites Repertoire hatte, ist bekannt. Dass auch das Jodeln zu seinen Talenten gehörte, dagegen nicht: Sein Sohn Michael Haefliger erzählt es, der Intendant des Lucerne Festival, der zusammen mit seinen beiden Geschwistern dafür gesorgt hat, dass der Vater zum 100. Geburtstag mit einer schönen CD-Edition gewürdigt wird. Ohne Jodel-Aufnahmen, leider: Diese Kunst blieb rein privat.

Auch Ernst Haefligers berühmteste Partie, der Evangelist in Bachs Passionen, fehlt in der Sammlung. Die von Karl Richter dirigierten Aufnahmen aus den 60er-Jahren sind legendär und nach wie vor im Handel; die brauchte man nicht neu herauszubringen. Dafür gibt es in der Box Bach-Kantaten, in denen deutlich wird, was Haefligers Gesang ausmachte: die Klarheit der Sprache, die Schönheit des Timbres – und die Natürlichkeit, mit der er beides zusammenbrachte.

Er wollte ja eigentlich Lehrer werden

Geboren wurde Ernst Haefliger am 6. Juli 1919 in Davos, wo sein Vater ein Wäschegeschäft betrieb und die Mutter regelmässig hausmusizierte. Haefliger wollte dann Lehrer werden und studierte Schulmusik in Wettingen und Zürich. Aber bei der Abschlussprüfung hörte ihn der Dirigent Volkmar Andreae, der ihn gleich als Evangelisten engagierte: Das war der Anfang einer grossen, langen Sängerkarriere.

Den internationalen Durchbruch schaffte Haefliger 1949 bei den Salzburger Festspielen, als Tiresias in Carl Orffs «Antigone». Drei Jahre später holte ihn der Dirigent Ferenc Fricsay an die Deutsche Oper Berlin, wo er zwanzig Jahre im Ensemble war – und jene Mozart-Arien aufnahm, die nun zu den schönsten Aufnahmen in der Box gehören. Weich, aber kein bisschen weichlich gestaltet Haefliger etwa die Arien des Don Ottavio im «Don Giovanni»; für einmal kann man verstehen, was die Donna Anna an dieser oft so fade wirkenden Figur findet.

Ernst Haefliger singt «Dalla sua pace» aus Mozarts «Don Giovanni».

Serina Jurinac war diese Donna Anna, auch sonst hat Haefliger mit allen Grossen seiner Zeit gesungen: mit Maria Stader und Dietrich Fischer-Dieskau, mit Hermann Prey und Leonie Rysanek. Seine Kinder sassen dabei oft im Publikum; die Bach-Passionen hätten sie etwas lang gefunden, als sie noch klein waren, sagt Michael Haefliger: «Aber es war schon sehr beeindruckend, ihn im Konzert oder auf der Bühne zu erleben.»

Eine «schwebende Präsenz»

Zu Hause sei der Vater eine «schwebende Präsenz» gewesen, liebevoll, auch humorvoll, aber leise; «die starke Figur war unsere Mutter, die als Architektin eine eigene Karriere gemacht hatte». Dass alle drei Kinder künstlerische Wege einschlugen, hatte aber zweifellos mit dem Vater zu tun. Tochter Christine Marecek wurde Schauspielerin, der jüngere Sohn Andreas Haefliger Konzertpianist. Michael Haefliger selbst studierte ursprünglich Geige – und erinnert sich daran, dass der Vater «ziemlich Mühe» hatte, als er das Instrument in den Kasten legte und als Gründer des Davos Festival seine Intendantenkarriere begann: «Musik war alles für meinen Vater, nur die Kunst war wirklich nobel für ihn; dass jemand lieber Konzerte organisierte als spielte, konnte er nicht verstehen.»

Nicht nur dem eigenen Nachwuchs, sondern auch seinen Schülerinnen und Schülern hat Ernst Haefliger die Musik leidenschaftlich gern vermittelt. Obwohl er nicht wie geplant Lehrer geworden ist, hat er doch sein Leben lang unterrichtet, an der Münchner Hochschule für Musik, in Meisterkursen und auch privat. Sohn Andreas war oft als Begleiter am Klavier dabei und schreibt nun im Booklet der CD-Box, was den Vater jeweils «grantig» werden liess: «Wenn das Ego der Studenten zu gross war, das konnte er gar nicht ertragen.»

Ernst Haefliger war ein gefragter Lehrer. Hier ein Ausschnitt aus einem Meisterkurs von 1996; Haefliger war damals 77 Jahre alt.

Hört man Haefligers Aufnahmen, versteht man das. Er war kein Blender, kein Hochglanz-Sänger. Sondern einer, der sich bei aller technischen Raffinesse immer seine Naturstimme bewahrt hat, seinen direkten, ungekünstelten Zugriff auf die Töne und Texte. Am schönsten kommt das vielleicht in Schuberts Lied-Zyklen zur Geltung, am allerschönsten in der «Schönen Müllerin»: Nichts klingt da «gemacht», in keinem Moment hat man den Eindruck, dass Haefliger stolz wäre auf eine interpretatorische Idee.

Eine Täuschung, natürlich. Haefliger war ein sorgfältiger, bewusster Interpret. Sein Vater habe die Musik immer sehr ernst genommen, sagt Michael Haefliger, «er fühlte sich verantwortlich dafür, dass die Werke angemessen aufgeführt wurden». Aber angemessen hiess «echt», nicht «poliert». Und auch wenn sich die vokalen Moden seit Haefligers Zeit geändert haben: Diese Echtheit berührt bis heute.

The Ernst Haefliger Edition. Deutsche Grammophon (12 CD).

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