«Drehbühne ist eine Schnapsidee»

Nach dem Eklat beim Kaufmann-Konzert: Elphi-Intendant Christoph Lieben-Seutter sieht sich weiter auf Kurs.

Hört überall gut. Der Intendant der Hamburger Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, will die Akustik im Grossen Saal nicht verändern.

Hört überall gut. Der Intendant der Hamburger Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, will die Akustik im Grossen Saal nicht verändern.

(Bild: Michael Zapf)

Die Aufführung von Gustav Mahlers Orchesterzyklus «Das Lied von der Erde» führte am 12. Januar in der Elbphilharmonie zu einem Eklat: Der Tenor Jonas Kaufmann war in einigen Reihen des 2100-plätzigen Saals nur schwer zu hören. Es gab laute Zwischenrufe von verärgerten Zuhörern, einige verliessen den Saal (BaZ vom Samstag).

Nach dem Hamburger Gastspiel Kaufmanns und des Sinfonieorchesters Basel hagelt es seit Tagen Kritik an der Akustik des vor zwei Jahren eröffneten, 866 Millionen Euro teuren Konzertbaus von Herzog & de Meuron.

Heute Abend gelangt das «Lied von der Erde» erneut zur Aufführung, diesmal interpretiert von den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev, mit Andreas Schager (Tenor) und weiteren Solisten.

Die BaZ wollte vom Generalintendanten der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, wissen, ob nach den Ereignissen vom 12. Januar spezielle Vorkehrungen getroffen werden: Werden zum Beispiel Sänger und Orchester diesmal anders aufgestellt?

Neues Orchester, neues Glück

Lieben-Seutter gibt schriftlich Antwort: «Das Konzert im Grossen Saal der Elbphilharmonie, bei dem auch Mahlers ‹Lied von der Erde› auf dem Programm steht, wird von einem anderen Orchester unter einem anderen Dirigenten und mit anderen Solisten dargeboten als jenes am vorvergangenen Sonnabend mit demselben Werk.»

Daraus ergebe sich, «dass der Höreindruck ein anderer sein wird als der mit dem Sinfonieorchester Basel und Jonas Kaufmann», so der Intendant.

Auf die Frage, ob denn keine Konsequenzen aus dem 12. Januar gezogen würden, meint er: «Nein, keine unmittelbaren.» Der Grosse Saal sei «ein in vielfacher Hinsicht aussergewöhnlicher Saal mit einmaliger Atmosphäre und einer sensiblen Akustik, auf die sich die Künstler einstellen müssen.»

In den letzten zwei Jahren habe man «Hunderte Male erlebt», dass dies problemlos möglich sei. Unter den rund 800 Konzerten habe es «unzählige Höhepunkte und nur eine Handvoll Problemfälle» gegeben. «Ich gehe davon aus, dass sich Veranstalter und Künstler in Zukunft noch stärker mit den Besonderheiten des Saales auseinandersetzen werden. Wir stehen da gerne beratend zur Seite.»

Von baulichen Veränderungen wie einer Drehbühne, die unter anderem Kaufmann ins Spiel gebracht hat, will der Intendant nichts wissen. «Nein, dafür gibt es keine Notwendigkeit.» Wer kurz darüber nachdenke, werde schnell feststellen, dass eine Drehbühne eine «Schnapsidee» sei, «die sicher auch nicht ernst gemeint war»: «Die Elbphilharmonie ist kein Zirkus, der grösste Teil der Plätze im Grossen Saal befindet sich immer noch vor der Bühne, und die Bühne ist nicht rund.»

Selbst wenn eine solche Plattform installiert würde, könnte daher nie ein ganzes Orchester darauf Platz nehmen, so Lieben-Seutter.

Weinberg-Saal mit Schattenseite

Nach dem denkwürdigen Konzert gab es Kritik an der Akustik, aber auch den Sichtverhältnissen: Beim Konzertraum handelt es sich um einen sogenannten Weinberg-Saal, bei dem die Tribünen terrassenartig um die Bühne herum angelegt sind. Viele Hörer sitzen somit im Rücken von Orchester und Sänger.

Besucher, die beim Konzert am 12. Januar nah beim Podium sassen, erklären gegenüber dieser Zeitung, sie hätten Kaufmann klar und deutlich gehört. Beschwerden gibt es vor allem von Leuten, die hinter dem Sänger oder in den obersten Rängen sassen. Gibt es demnach gute und schlechte Plätze?

«Überall in der Elbphilharmonie hört man gut», findet Lieben-Seutter. Es liege aber in der Natur von Weinberg-Sälen, dass die Plätze direkt hinter dem Orchester bei Gesangsdarbietungen akustisch benachteiligt seien, da die menschliche Stimme einen sehr gerichteten Schall abgebe.

Preise sollen angepasst werden

Stellt sich die Frage der Preispolitik: Wenn man die Sänger auf gewissen Plätzen schon nicht richtig sieht und hört, sollte man da nicht wenigstens einen hübschen Rabatt bekommt? «Wir sind bereits seit Längerem mit einigen Veranstaltern im Gespräch darüber, bei Lieder- und Arienabenden einen alternativen Saalplan zu verwenden.» Denn die Ticketpreise direkt hinter der Bühne seien verglichen mit ähnlichen Sälen tatsächlich relativ hoch.

Beim Konzert Kaufmanns sass auch einer der beiden Architekten der Elphi, Pierre de Meuron, im Publikum. Er war als Teil der Delegation des Sinfonieorchesters Basel mit nach Hamburg gereist. Er möchte sich allerdings weder zu den Ereignissen des Abends noch zu den akustischen Problemen äussern, die zu dem Eklat geführt haben; zu diesbezügliche Fragen der BaZ wollte er keine Stellung nehmen.

Das Mahler-Konzert heute Abend mit den Münchner Philharmonikern und Andreas Schager kann man im hauseigenen Live-Stream der Elbphilharmonie mitverfolgen. Das Klangerlebnis ist am Bildschirm zwar nie dasselbe wie im Konzert; aber in diesem Fall ist es vielleicht nicht nur anders, sondern unter Umständen besser.

Das Konzert der Münchner Philharmoniker in der Elbphilharmonie beginnt heute um 20 Uhr. www.elbphilharmonie.de

Basler Zeitung

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