Big Luciano lächelt immer noch

Luciano Pavarotti war der grösste Sänger seiner Zeit. Ein ebenso freundlicher wie facettenreicher Dokfilm zeigt, warum.

Die drei Tenöre: Luciano Pavarotti mit José Carreras und Placido Domingo. Foto: Getty Images

Die drei Tenöre: Luciano Pavarotti mit José Carreras und Placido Domingo. Foto: Getty Images

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Was macht dein Vater? So lautete das Aufsatzthema in einer Modeneser Schule irgendwann in den 1970er-Jahren, und die Antwort der kleinen Lorenza Pavarotti dürfte die Lehrerin einigermassen erstaunt haben: Ihr Vater sei ein Räuber, schrieb das Mädchen, denn er sei immer nachts unterwegs und habe falsche Bärte im Koffer.

Die Welt wusste damals schon weit genauer als seine Tochter, wer Luciano Pavarotti war: ein begnadeter Tenor nämlich, mit einer Stimme, wie sie nur ganz selten vorkommt. Man hört diese Stimme nun wieder im Dokfilm von Ron Howard – denn wo immer Pavarotti sang, war eine Kamera dabei: auf der Opernbühne, beim Rezital mit dem unvermeidlichen weissen Taschentuch, bei Auftritten mit den drei Tenören, beim Crossover-Duett mit U2-Frontmann Bono, unter der Dusche.

Die Menge an Material ist immens, und Howards grösste Leistung ist die, dass er nicht nur darin schwelgt – sondern es zu einem geschickt strukturierten Porträt gefügt hat. Es zeigt, wie aus dem ziemlich schlanken Bäckerssohn aus Modena erst der berühmteste Sänger seiner Zeit und dann die Ikone mit wallendem Hawaii-Hemd wurde. Und auch, dass diese Karriere ihren Preis hatte.

Da war noch keine Rede von Crossover: Pavarotti am Anfang seiner Opernkarriere. Foto: PD

Begonnen hatte sie einst im Kirchenchor, in dem schon Luciano Pavarottis Vater sang. Er selbst wurde Primarlehrer, bis er sich entschloss, es doch als Tenor zu versuchen. Der Rest ist Musikgeschichte: Pavarotti wurde zum erfolgreichsten Sänger seiner Zeit, zu einem zweiten Caruso, der zunächst einmal auf der Opernbühne durchstartete. Später wechselte er in die Stadien und Arenen, noch später erfand er den Crossover-Event «Pavarotti & Friends».

Das Publikum wurde immer grösser im Laufe der Jahre; gleichzeitig wurde die Kritik an der künstlerischen Entwicklung immer lauter. Es war eine Entwicklung, die der Tenorissimo durchaus nicht allein gesteuert hatte. Auch dies zeigt der Dokfilm: Verschiedene Agenten geben darin Auskunft; jeder hat Pavarotti ein Wegstück lang begleitet, jeder wurde irgendwann übertrumpft und ersetzt durch einen, der den Sänger noch grösser herausbringen konnte.

Sie verstanden sich bestens: Luciano Pavarotti mit Lady Diana nach einem total verregneten Open-Air-Konzert. Foto: PD

Das ist die zweite Leistung von Howards Film: Dass er viele Menschen vor die Kamera geholt hat, die Pavarotti nahestanden – aber zu seinen Lebzeiten lieber nichts miteinander zu tun haben wollten.

So hat er neben den Agenten auch die Frauen befragt und bemerkenswert offene Antworten erhalten. Adua Veroni, die erste Gattin, musste einiges schlucken, um die Familie zusammenzuhalten. Die drei erwachsenen Töchter haben neben der hübschen Räuber-Anekdote auch Kritisches über ihren Vater zu erzählen. Die amerikanische Sopranistin Madelyn Renée berichtet, wie sie ein paar Jahre lang diskret als Assistentin und Geliebte mit Pavarotti unterwegs war und fast verzweifelte, wenn sie seine 28 Koffer exakt nach seinen Vorstellungen packen musste. Und schliesslich ist da Nicoletta Mantovani, 34 Jahre jünger als er: Sie brachte die Fassade eines heilen Familienlebens endgültig zum Einstürzen.

Nicoletta Mantovani war 23 Jahre alt, als sie den 34 Jahre älteren Pavarotti kennen lernte. Foto: PD

Pavarotti hat sie dann wieder aufgebaut, zusammen mit Mantovani und der gemeinsamen Tochter. Und er hat weiter gelächelt, wie er es immer getan hat. Das ist – neben seiner Stimme – die zweite Konstante in diesem Film: dieses Lächeln, das unwiderstehlich bubenhaft war beim Blödeln hinter der Bühne, das aber auch als Maske taugte. Pavarotti konnte sein Lampenfieber weglächeln und seine Einsamkeit. Auch die Probleme mit dem Steueramt, die im Film allerdings nicht vorkommen. Und überhaupt jede Kritik, jede Krise.

Oder fast jede. Einmal steht er am Ende von Ruggiero Leoncavallos todtrauriger Arie «Ridi, pagliacco» einfach da, mit geschlossenen Augen, ein paar ewige Sekunden lang. Es ist der berührendste Moment in dem Film, vielleicht auch der echteste.

Dann beginnen die üblichen Applaus-Rituale. Und klar, da lächelt er wieder.

«Pavarotti» kommt am 10. Oktober in die Kinos.

Geschichte einer Ikone: Der Trailer zu Ron Howards «Pavarotti». Video: Pathé Films

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