Diese Special-Effects bringen das Zürcher Opernhaus zum Raunen

Laufende Hände und Käfer mit Babykopf: Theaterplastiker sorgen für Illusionen auf der Bühne. Ein Besuch in der Werkstatt.

Diese Hand wird in der Familienoper «Coraline» über die Bühne flitzen. Video: Andrea Zahler
Susanne Kübler@tagesanzeiger

Es ging ein Raunen durchs Publikum, als kürzlich bei der «Belshazzar»-Premiere ein Riesenpuma auf die Bühne kam: sechs Meter lang, flauschig, beweglich fast wie ein echter. Und Andreas Gatzka, der ebenfalls im Saal sass, freute sich – denn der Puma ist in seinem Atelier entstanden. Monatelang haben er und andere Theaterplastiker Modelle gebaut, an der Mechanik herumgetüftelt und das ideale Fell ausgesucht; am Ende haben vier Personen acht Wochen lang die Bühnenversion geschaffen: «Da ist es schon schön, wenn man eine Reaktion spürt.»

Nun steht der Puma nur noch als Vorlage in Styropor und Normalgrösse im Atelier, und das Holzkästchen mit den Seilzügen, mit dem man die Schwanzbewegungen entwickelt hat, dient nun als Klammerhalter. Denn nach der Premiere ist vor der Premiere, die nächste Spezialanfertigung flitzt gerade unter den Arbeitstischen herum: Eine Hand ist es diesmal, nur leicht grösser als eine echte, also winzig im Vergleich zum Puma. Aber vom Aufwand her immerhin etwa halb so gewichtig.

Andreas Gatzka hat die laufende Hand entwickelt. Foto: Andrea Zahler

Am nächsten Samstag wird sie zum Einsatz kommen, bei der Premiere der Familienoper «Coraline». Die modellierten Adern und die aufgemalten Altersflecken wird man aus der Distanz wohl nicht sehen, «aber die Wirkung ist doch eine andere, als wenn die Hand einfach glatt wäre».

Kein Zweifel, da spricht ein Perfektionist, einer, der seinen Beruf auch als Hobby betreibt. Dabei hat Andreas Gatzka, geboren 1963 in Bern und aufgewachsen im zürcherischen Egg, einst ganz woanders angefangen. Er war Modellschreiner in der Maschinenindustrie, hat also Vorlagen für Turbinen und Ähnliches gebaut. Aber die Branche kriselte, und sein Vater, der damals Malsaalleiter war am Opernhaus, hat ihm einen Überbrückungsjob als Bühnenarbeiter vermittelt.

Der Zoo wächst

Drei Jahre später wechselte Gatzka ins Atelier, absolvierte ein Teilzeitstudium als Theaterplastiker, wurde 1991 zum Atelierleiter befördert – und machte sich dann ernsthafte Sorgen, als 2012 Andreas Homoki die Leitung des Opernhauses übernahm. Denn während Alexander Pereira oft italienische Bühnenbildner mit einer Vorliebe für üppige Dekorationen engagierte, waren nun plötzlich schlicht verputzte Wände gefragt.

Den Theaterplastikern drohte damit die Arbeit auszugehen. Und vielleicht würde das Atelier heute nur noch in einer Schrumpfversion existieren, wenn Gatzka und seine Kollegen nicht angefangen hätten mit den Spezialobjekten. Da waren etwa die Hühner in der «Zauberflöte», die mit dem Kopf ruckelten wie ihre echten Kolleginnen. Oder die Krähen, die sich in Verdis «Macbeth» auf zwei Stühlen benahmen, als seien sie eben erst hergeflogen.

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Diese beweglichen Tiere, zu denen nun auch der Puma zählt, sind die Prunkstücke einer Sammlung, die sich allmählich zum Zoo auswächst. Ein Krokodil und Mäusemasken, Pferdeköpfe und ein aufgeschlitztes Schwein hat man, Vogelschädel und eine Zykade mit Babykopf kamen in den letzten Jahren auf die Opernhausbühne – und selbst wenn sie nur stillstanden, verriet ihr naturalistisches Aussehen einiges von der Sorgfalt, mit der man hier mit Materialien und Proportionen arbeitet.

Kommt die Bewegung dazu, steigert sich die Sorgfalt zur akribischen Forschung. Für die Hühner etwa haben die Theaterplastiker Skelette analysiert, Krähen konnten sie auch in der Pause auf der Dachterrasse beobachten, und dank Dokfilmen haben sie bald einmal festgestellt, dass ein Puma seinen Schwanz anders bewegt als das Büsi zu Hause.

Auch bei der laufenden Hand hat Gatzka viel Zeit in die Mechanik investiert: «Jeder hat Hände und weiss, was sie machen können und was nicht.» Da genügt ein kleiner Fehler im Bewegungsablauf, und die Wirkung ist weg. Stimmt die Bewegung dagegen, ist sie so verblüffend, dass es keine Rolle spielt, wenn die Gelenke offen sind: «Die hätte man schon noch mit elastischem Stoff abdecken können», sagt Gatzka, «aber dafür reicht die Zeit nun wirklich nicht mehr.» Lieber noch ein bisschen an der Programmierung feilen, «vielleicht kriege ich die Bewegungen der Finger noch ein bisschen flüssiger hin».

Schon im 17. Jahrhundert trugen Bühnenmaschinen einiges zum Erfolg der damals noch jungen Oper bei.

Bei aller Detailversessenheit: Der Premierentermin setzt Grenzen, auch das Budget ist endlich – wobei Gatzka betont, dass all diese Objekte nur vom Arbeitsaufwand her luxuriös sind, «wir verwenden meist günstige Materialien». Denn es geht hier nicht um L’art pour l’art, sondern um Theater, um Illusionen, um Bühneneffekte. Und es geht – trotz Einsatz von Computern und neuerdings auch von 3-D-Druckern – um die Fortsetzung einer uralten Tradition: Schliesslich trugen allerlei Bühnenmaschinen und Bärenkostüme schon in den barocken Anfangszeiten der Oper wesentlich dazu bei, dass das Publikum diese neue Kunstform so grossartig fand.

Eine laufende Hand gabs damals allerdings noch nicht, die wird man am Samstag erstmals sehen. Und man darf die Prognose wagen: Es wird ein Raunen durch den Saal gehen.

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