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Zwerg der Finsternis

Channing Tatum spielt im Oscar-nominierten Drama «Foxcatcher» einen Ringkämpfer, der von einem schwerreichen Mäzen gesponsert wird. Eine wahre Groteske über die amerikanische Ideologie.

John du Pont (Steve Carell), der Gruselwicht, redet in «Foxcatcher» auf Ringer Mark Schultz (Channing Tatum) ein. Foto: Fair Hill
John du Pont (Steve Carell), der Gruselwicht, redet in «Foxcatcher» auf Ringer Mark Schultz (Channing Tatum) ein. Foto: Fair Hill

Manche Menschen erleuchten einen Raum, wenn sie ihn betreten. Mark Schultz und John du Pont, der Ringer und sein Mäzen, machen ihn dunkler. Wo sie hingehen: eine Höhle. Sei es ein Hotelzimmer, eine Trainingshalle, ein Pokalraum, immer scheint sich etwas um die Männer zusammenzuziehen, als würde die Welt bei ihrer Ankunft ein wenig schrumpfen.

«Foxcatcher» erzählt eine dieser «wahren Geschichten», beide Männer gab es wirklich. Aber im Film werden sie grotesk, als träfen zwei Höhlenbewohner aufeinander, ein Mann und ein Männchen: hier der Ringer Schultz, verkniffen, tumb, tierisch gebückt, ein «mouthbreather», wie man so schön sagt. Dort das Milliardärswürstchen du Pont, ein absurdes Menschlein mit fisteliger Stimme und dem Gesicht eines chronisch Verstopften. Beide sind Eremiten auf ihre Art, beide haben einen eigenen Rhythmus: Der Ringkämpfer bewegt sich im Takt eines Rammbocks, der Mäzen spricht im Offbeat, in irritierend abgebremsten Sätzen.

(Video: Youtube/MOVIECLIPS Trailers)

Symbol der Republikaner

Was wollen die zwei miteinander? Die Klasse trennt sie, aber es vereint sie der Traum vom Sieg. Sie treffen sich in den Achtzigerjahren. John du Pont (Steve Carell) bestellt Mark Schultz (Channing Tatum) per Hubschrauber in sein weitläufiges Gehöft. Der Philanthrop glaubt an den Glanz der Nation, der Ringkampf soll Amerika wieder zurückführen zu wahrer Grösse. Er ist da Mäzen wie Patriot und vor allem ein Zwerg der Finsternis, der noch nie ein «Nein» gehört hat und sich Anerkennung kaufen kann, so er sie braucht. Mark lässt sich davon anstacheln und zieht in du Ponts Anwesen, um in dessen «Foxcatcher»-Team für die Weltmeisterschaft zu trainieren.

Dazu muss er allerdings mit seinem älteren Bruder Dave (Mark Ruffalo) brechen, ebenfalls ein Ringer. Zusammen haben sie Medaillen gewonnen, zusammen haben sie trainiert und rivalisiert, aber anders als Mark steht der Familienvater Dave trittfest im Leben. Das ist eine Tragödie in «Foxcatcher», es ist die berührendste: die Zerstörung einer tiefen brüderlichen Verbundenheit. Man sieht sie, wenn Mark und Dave aufeinander einreden oder sich im Ring ineinander verknäueln wie zwei Walliser Kühe beim Kampf – eine seltsame, schöne Intimität.

Die andere, pompösere Tragödie handelt von Heldentum und patriotischer Leidenschaft, von der traurigen Verlassenheit eines Mannes, der von Ehre träumt. John du Pont, Erbe eines Rüstungsvermögens, Ornithologe mit einem gewissen Ruf, Philatelist, Welterforscher und Sportfanatiker, wirkt wie das Symbol des republikanischen Imaginären. Man sieht in ihm alle Merkmale: die dynastische Macht der Bushs und Romneys, die Leitidee der amerikanischen Vorherrschaft, die Aristokratie des «Old Money», die Gewissensspritze der Wohltätigkeit, dieser kapitalistischen Form der Umverteilung.

Unterwegs mit Subtilitäten

Seine Menschenliebe ist die Liebe zu seinen Fernsten, er holt sie zu sich heran als Gefühlsdoping und Ersatz von Nähe. Umgekehrt sieht der Ringer in du Pont einen Mentor und Fastvater. Auch das eine Form der Fernliebe; sie entspricht der Faszination des Joe Sixpack für die Reichen, die gegen seine Interessen handeln, aber denen er trotzdem folgt, weil auch er nach oben will. Die Liebe auf ­Distanz fliesst hier in beide Richtungen, und die Allegorie auf die politischen Ideologien der USA muss man in «Foxcatcher» nicht lange suchen.

Wie «Capote» und «Moneyball» inszeniert Regisseur Bennett Miller auch dieses Drama gepflegt und mit geduldiger Hand. Von Anfang an herrscht eine trügerische Ruhe, als wolle der Film sich selbst besänftigen. Und in der fahlen, flämischen Novemberszenerie geht Bennett mit den Subtilitäten des Stoffs ein wenig spazieren. Bei näherem Hinsehen aber wirken die Feinsinnigkeiten reichlich platt. Der Milliardär entpuppt sich als Manipulator und einsamer Gruselwicht, der mit seinem teuren Hobby seiner Mutter (Vanessa Redgrave) trotzen will, die den Ringkampf für eine unstandesgemässe Angelegenheit hält. Und dass es Dinge gibt, die man nicht kaufen kann, weiss man eigentlich schon aus der Mastercard-Werbung.

Für fünf Oscar-Nominierungen hats dennoch gereicht, darunter sind Regie, Drehbuch und die Schauspieler Mark Ruffalo und Steve Carell. Ruffalo ist hervorragend als älterer Bruder Dave, er gibt ihm undemonstrativ Nuancen. Aber seine Figur wie auch die olympischen Ringkämpfe bleiben Nebenschauplätze in der Begegnung zweier Primitivlinge. Und dann ist das der Film von Steve Carell als du Pont. Man erkennt den Komiker der Übergeschnapptheit fast nicht mehr, der vor allem als peinlicher Bürochef in der US-Version der ­Sitcom «The Office» bekannt ist. Im Film trägt er Make-up, falsche Nase und hat einen höchst merkwürdigen Haaransatz.

Ein feiner Klaps

Aber einmal will du Pont seiner Mutter beweisen, dass er seine Ringer auch trainieren kann. Er versteht sich ja als Leader und lässt sich gern als «Coach» anreden. Dann spielt Steve Carell wieder den lächerlichen Boss, der so tut, als könne er seinen Angestellten etwas beibringen. Zuerst hält er eine aufmunternde Rede über die amerikanische Bürgertugend des Siegens, darauf wackelt er mit einem Freiwilligen am Boden herum. Die Mutter hat bald genug gesehen, und du Pont gibt seinem Ringer einen Klaps als Zeichen dafür, dass es reicht. Es schaut niemand mehr zu, wir können aufhören.

Der Klaps ist kurz, subtil. Die Mutter, die angewidert flüchtet, ist das Gegenteil davon.

Foxcatcher (USA 2014). Regie: Bennett Miller. 134 Minuten. Mit Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo u. a.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Arthouse Movie, Capitol und Houdini.

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