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«Zuschauer denken zu viel»

John Canciani, Leiter der Kurzfilmtage, will nicht, dass alle Filme gefallen.

Mit John Canciani sprach Pascal Blum

Die Kurzfilmtage haben als selbst organisierter Filmclub angefangen. Wie demokratisch geht es im 20. Jahr zu?

Man kann noch immer über vieles diskutieren, einfach nicht über alles. Die Wettbewerbsauswahl entsteht in der Diskussion mit allen Verantwortlichen, in den kuratierten Sektionen ist meine Funktion die eines Intendanten: Die Kuratoren bringen Ideen, und ich sage Ja oder Nein. Ich verstehe mich als eine Art Coach und sage auch einmal, dass ein Film nicht im Programm sein muss, nur weil ihn gerade jemand cool findet. Dafür muss ich meinen Geschmack manchmal auch zurückstellen.

Apropos: Wie würden Sie Ihren Geschmack beschreiben?

Ich suche nach Filmen, die fragen, was Kino sein könnte. Weil Kurzfilme vieles ausprobieren, sieht man an ihnen, wie ein künftiges Kino aussehen könnte. Und angesichts der Flut von Videokunst finde ich: Kino ist die perfekte Blackbox. Ein Ort, an dem man sitzen bleibt und zu einer bestimmten Wahrnehmungsform gezwungen wird. In der Kunstgalerie gucken Besucher kurz in die Videobox, sagen sich «Ich habe die Position verstanden» und gehen wieder hinaus. Das Festival ist viel eher ein Kollektiverlebnis.

Heute ist doch Youtube das grösste Kurzfilmfestival.

Stimmt schon, aber wer kann sich das ­alles anschauen? Man würde ja heute schon jemanden dafür bezahlen, dass er einem das Beste heraussucht. Diese Recherche übernehmen wir! Der Kurzfilm ist zwar ein Nischenprodukt, aber deshalb nicht weniger relevant. Also: Winterthur trifft die Entscheidungen, damit man sie nicht selbst treffen muss. Und dann darf man sogar noch schnöden!

Wieso ein Nischenprodukt?

Langfilme bekommen heute alle Aufmerksamkeit. Auch in Rezensionen werden kaum je Kurzfilme eines Regisseurs erwähnt. Und wer geht sich aktiv einen Kurzfilm anschauen? Da unterscheiden sich Film und Kunst: Fürs Kino hat ein Langfilm mehr Bedeutung, weil fast ­immer mehr Geld drinsteckt. In der Kunstwelt ist der Aufwand weniger wichtig. Es geht mehr um die Aussage und den Marktwert eines Künstlers.

Gelegentlich hört man, die Auswahl in Winterthur sei «verkopft».

Wir haben schon eine intellektuelle Seite, ziehen aber doch auch viele Zuschauer an. Und zeigen ihnen die neusten Entwicklungen, die sie weder im Fernsehen noch im Kino sehen können. Wir führen aber auch unser Publikum, besonders wenn es um Experimente geht. Dazu kommt: Unsere Tradition ist der Autorenfilm. Und der hat eine intellektuelle Herkunft und besteht nun mal aus mehr Dramen denn Komödien.

Steckt also Antiintellektualismus hinter dem Vorwurf?

Nein. Man muss sich vielmehr engagieren, um den Leuten zu erklären, dass sie nicht dumm sind, nur weil sie nicht alles verstanden haben. Zuschauer denken prinzipiell zu viel. Sie fragen sich: «Warum sitzt der Mann auf dem Pferd im Keller?» Man sollte die Bilder erst einmal wirken lassen. Das Denken kommt später. Man kann sich auch selbst im Weg stehen: Wenn man zu viel denkt, hält man Filme für verkopft.

Aber Sie unterscheiden sicher auch zwischen leichteren und schwierigeren Filmen.

Ja. Wir machen auch Witze, dass Filme Publikumspreise gewinnen werden, die ganz sicher keine Chancen haben. Aber ich will einfach nicht, dass die Leute hin­auslaufen und sagen: «War alles super.» Denn das glaube ich ihnen nicht. Es hiesse vielmehr: Wir haben Mittelmass programmiert. Dass man das nicht will, ist ja noch nicht elitär.

Wird in den nächsten zwanzig Jahren so etwas wie eine Netzöffentlichkeit für ein Festival wie Winterthur entstehen? Oder wird es dafür immer den konkreten Ort brauchen?

Ob es formale Experimente sind oder Pointenfilme, die Regisseure wollen nicht ins Web. Sie wollen auf die grosse Leinwand. Vielleicht kann man künftig dank Virtual-Reality-Brillen ein Kino­erlebnis simulieren, das fände ich interessant. Und dann via Chat über die Filme schnöden.

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