Zürcher Filmpreis ohne «Zwingli»

Der Grosserfolg ist für die Preisverleihung am Zurich Film Festival nicht nominiert.

Zog weit über 200'000 Zuschauer im Kino an: «Zwingli» von Stefan Haupt.

Zog weit über 200'000 Zuschauer im Kino an: «Zwingli» von Stefan Haupt.

(Bild: Aliocha Merker)

Pascal Blum@pascabl

Das Kinodrama «Zwingli» über den Zürcher Reformator fehlt unter den nominierten Werken für den Zürcher Filmpreis. Ebenfalls übergangen wurde der Dokumentarfilm «Female Pleasure». Die Nominationsliste wurde letzte Woche stillschweigend auf der Website der Zürcher Filmstiftung aufgeschaltet, öffentlich informiert wurde nicht.

Zwei der grössten Schweizer Publikumserfolge der letzten Zeit – «Zwingli» mit knapp 240'000 Zuschauern, «Female Pleasure» mit knapp 70'000 – können also keinen der mit 25'000 Franken dotierten Zürcher Filmpreise gewinnen. Insgesamt beträgt die Preissumme knapp 100'000 Franken.

Mit den Filmpreisen sollen «besondere Leistungen im Bereich des unabhängigen Filmschaffens» geehrt werden und auch unbekanntere Filme Aufmerksamkeit bekommen. «Wolkenbruch» wurde bereits an der Verleihung im letzten Jahr eingereicht: erfolglos.

Aufmerksamkeit soll dank ZFF steigen

Kommerziell erfolgreiche Filme brauchen zwar nicht unbedingt Kulturpreise. Aber die Zürcher Filmstiftung will mit einem neuen zweistufigen Verfahren ausdrücklich mehr Aufmerksamkeit für ihre Preise schaffen. Die Vergabe soll zudem die «Wahrnehmung des Zürcher Filmschaffens in der Öffentlichkeit stärken», wie sie im Juni in einer Medienmitteilung schrieb.

Neu ist, dass Fachjurys in den Kategorien Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilm eine Vorauswahl treffen. Diese Werke werden am Eröffnungswochenende des Zurich Film Festival (ZFF) vorgeführt und vom Publikum mit Punkten zwischen 1 («unmöglich») bis 6 («hervorragend») bewertet. Am Ende gewinnen die Filme mit dem höchsten Punkteschnitt.

Weshalb braucht es eine Publikumsjury, wenn es die Kino-Erfolge gar nicht in die engere Auswahl schaffen? Weshalb hat man über die Nominierungen nicht informiert, wo man doch die Bekanntheit der Preise steigern will? Die Geschäftsführerin der Filmstiftung, Julia Krättli, sitzt gerade in einer Kommissionssitzung und hat für Medienanfragen keine Zeit.

Auch nicht nominiert: Die Frauen von «Female Pleasure». Foto: Franziska Streun (Bom)

Bislang wurden die Zürcher Filmpreise von der Stadt Zürich verliehen, die Wahl traf eine Fachkommission. Seit diesem Jahr verantwortet Krättli das neue Verfahren, das auch in der politischen Kritik steht. Die AL-Gemeinderäte Mischa Schiwow und Natalie Eberle haben zum Thema eine schriftliche Anfrage eingereicht, in der sie unter anderem fragen, was eine Publikumsjury bringen soll.

Der Stadtrat antwortete darauf, die stärkere Einbindung des Publikums soll «eine Diskussion über Zürcher Filmproduktionen» wie auch über die «Fördertätigkeit der Zürcher Filmstiftung» ermöglichen. Gemeinderat und Filmbranchen-Kenner Schiwow befürchtet eher, dass die Auszeichnungen im Festival-Hype untergehen, wie er sagt. Die Preisvergabe findet neu ebenfalls im Rahmen des ZFF statt.

Besucher mit Freikarten sollen keine Punkte verteilen können.

Das bedeutet, dass die Zürcher Filmstiftung, die letztes Jahr von der Stadt Zürich Mittel in der Höhe von 4,7 Millionen Franken erhalten hat, Voting und Verleihung an einem Festival durchführt, das sich im Besitz der Mediengruppe NZZ befindet. Laut Schiwow würde es den Filmpreisen gut anstehen, sich eigenständig zu etablieren. Vorbild könne etwa der Bayerische Filmpreis sein.

Wird das abstimmende Publikum am ZFF nicht ohnehin aus Kollegen der Regisseure bestehen, die auf Auftrag Bestnoten vergeben? Die Filmstiftung will diese Gefahr bannen, indem sie Besucher mit Freikarten davon ausschliesst, Punkte zu verteilen. All das trägt bestimmt zur breiteren Wahrnehmung des Zürcher Filmschaffens bei, aber nicht unbedingt im positiven Sinn.

«Neuer Zürcher Filmpreis: Innovation oder Kommerzveranstaltung?» Podium im Kino Xenix am 5.9., 18.30 Uhr.


Die nominierten Filme

Spielfilm «Le vent tourne» von Bettina Oberli «Sohn meines Vaters» von Jeshua Dreyfus «Das Höllentor von Zürich» von Cyrill Oberholzer

Dokumentarfilm «African Mirror» von Mischa Hedinger «Immer und ewig» von Fanny Bräuning «Where We Belong» von Jacqueline Zünd

Kurzfilm «Höhenwahn» von Jonas Ulrich «Summerloch» von Moris Freiburghaus «Zibilla» von Isabelle Favez

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