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TV-Kritik: Bösewicht ex Machina

Der «Tatort» aus Leipzig war ein filmischer Lurch zwischen Drama und Krimi und setzte auf eine Katja Riemann, die als Konkurrentin von Eva Saalfeld eine Spur zu selbstsicher auftrat.

Es war ein gespenstiger Auftakt. In einer eisigen Seelandschaft vernahm der Zuschauer den Schrei einer verzweifelten Mutter: «Aa-mee-liee.» Zuerst schwang darin ein Schimmer Hoffnung mit, doch wenig später war da nur noch Schmerz. Gleichzeitig zeigte die Kamera ein im Schneegestöber aufgebahrtes Mädchen. Die Hände hatte es gefaltet. «90 Prozent der Kindsmorde werden von Angehörigen begangen», sagte Kommissarin Saalfeld, als sie beim Tatort eintraf.

Ein Drama im Krimiformat zu erzählen, ist schwierig. Zwar liegt beiden Formen eine Katastrophe zugrunde. Doch oft stört die Suche nach dem Täter das sorgfältig aufgebaute Mitleid und den Schrecken der schicksalhaften Handlung. Die besten «Tatort»-Dramas sind denn auch solche, die ohne grosses Rätselraten Spannung entwickeln, indem sie den Fokus auf menschliche Makel – und die Konsequenzen daraus – richten.

Illegale Auslandsgeschäfte

Im neusten Tatort schien man sich dessen bewusst. Nach zehn Minuten fanden Keppler und Saalfeld heraus, dass die 7-Jährige von ihrem Vater umgebracht worden war. Danach schlitzte er sich die Pulsadern auf, überlebte allerdings. Zuvor war er von seiner Frau verlassen worden, die mit ihrem neuen Mann Johannes Bittner samt Tochter nach Kairo emigrieren wollte. Eine Obhuttragödie also.

Leider vertraute man nicht auf die Kraft dieser Zutaten und brachte den Geheimdienst (!) ins Spiel. Linda Groner vom Bundeskriminalamt meldete sich bei Keppler und forderte Amtshilfe. Sie wollte in die Ermittlungen eingebunden werden, weil Johannes Bittner seit längerer Zeit wegen illegaler Auslandsgeschäfte überwacht wird. Doch selbst diese Wendung war nicht genügend explosiv. Groner entpuppte sich als eine alte Ex-Freundin Kepplers. «Blond, gut gebaut und viel zu ehrgeizig», erinnerte sich der Kommissar. Gespielt wurde sie eine Spur zu buhlerisch von Katja Riemann.

Keine emotionale Bindung

Zu diesem Zeitpunkt katapultierte sich der Film in das altbewährte «Tatort»-Muster. Polizisten verhören Verdächtige, Verdächtige beteuern ihre Unschuld, Beweismittel tauchen auf. Auch ein Klassiker: Bittner führte ein mittelständisches Unternehmen – der skrupellose Fabrikant in Nöten gehört ähnlich lange zum «Tatort» wie der Vorspann aus den 70er-Jahren. Dabei weiss man spätestens seit Beginn der 80er: Er ists am Ende doch nicht. Im Normalfall wandert nämlich die Figur ins Kittchen, die zuvor am lautesten geflennt hat. Oder aber der Gärtner, will heissen, eine vermeintlich unbedeutende Nebenfigur. So auch hier. Es war der BKA-Kollege von Katja Riemann, der im dienstlichen Übereifer das Mädchen erstickt hatte. Bösewicht ex Machina.

Dass man immer wieder auf das Whodunnit-Muster zurückgreift, hat natürlich seinen Grund, einen einfachen dazu: Es funktioniert. Auch gestern blieb man als Zuschauer dran, weil man wissen wollte, wer das Mädchen auf dem Gewissen hatte. Die Bestürzung hielt sich jedoch in Grenzen, weil man zum Täter keine emotionale Bindung aufgebaut hatte. Der hölzerne Schluss passte zu einer Folge, die weder Fisch noch Vogel, sondern eine Art filmischer Lurch war: Ein kurliger Mix aus Drama, Krimi und Dreiecksgeschichte.

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