TV-Kritik: Eveline Widmer-Nyborg

TV-Kritik

Gestern feierte die dänische Polit-Serie «Borgen» auf SF Premiere. Ein guter Einkauf. Wäre eine solche Produktion auch in der Schweiz möglich?

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Philippe Zweifel@delabass

Mehr Tiefe, mehr Figuren, mehr Spannung. TV-Serien, es ist kein Geheimtipp mehr, sind das bessere Kino. Was mancher nicht weiss: Nicht nur die Amerikaner sind in der Langstreckendisziplin top. Das dänische Fernsehen etwa brillierte schon vor 20 Jahren mit Lars von Triers «Geister». Nach der Krimireihe «Lund» hatte man dann mit «Borgen» ein weiteres Highlight im Programm. Gestern war die Serie zum ersten Mal auf SF zu sehen.

«Lund» und «Borgen» haben viel gemeinsam – das bedächtige Tempo, starke weibliche Hauptfiguren und nicht zuletzt die hervorragenden Schauspieler. Allerdings ist «Borgen» kein Krimi, zumindest nicht im klassischen «Who Dunnit»-Sinn. Die Serie, deren Episoden jeweils mit einem Machiavelli-Zitat eingeführt werden, dreht sich um die Politikerin Birgitte Nyborg, die ihre «Moderaten»-Partei in den Wahlsieg geführt hat und überraschend Ministerpräsidentin Dänemarks wird. Worauf ihre Kontrahenten sie auch gleich wieder aus dem Amt bugsieren möchten.

Vorbild «The West Wing»

«Borgen» spielt die Stärke des Fernsehformats voll aus. Zuerst scheint einem Nyborg moralisch etwas gar erhaben: weiblich, unbestechlich, stets auf der Seite der Unterdrückten. Ihre direkten Gegenspieler sind ein sexistischer Arbeiterparteiführer und ein egoistischer Liberaler. Doch wie in jeder guter Serie ändert sich die Ausgangslage Schritt für Schritt. Nyborg kommt unter Druck und es wird gezeigt, wie die Macht einen Menschen verändern kann.

Vor allem aber gelingt es der Serie, das Wesen der Politik zu erfassen und sich in aller Ausführlichkeit mit politischen Machenschaften, Wahlkämpfen oder Machtspielchen zwischen Journalisten, Kommunikationsberatern und Politikern zu beschäftigen. Man kennt das von «The West Wing», der Mutter aller Polit-Serien. Bezeichnenderweise hat sich der US-Sender NBC, bei welchem «The West Wing» lief, die Remake-Rechte von «Borgen» bereits gesichert.

«Borgen» war in Dänemark ein Grosserfolg, wohl nicht zuletzt, weil die Serie eine politische Entwicklung vorwegnahm: Das Land hat seit letztem Jahr mit Helle Thorning-Schmidt, die äusserlich an Nyborg erinnert, zum ersten Mal eine Frau an der Spitze. Die Serie wirft aber mehr als einen Blick hinter die Kulissen des Politikgeschäfts, die Koalitionsgespräche, Wahlkampfabsprachen und internen Parteidebatten. Auf intelligente Weise erkundet sie sämtliche Facetten einer modernen Demokratie.

Einblick in Medienmechanismen

Gerade den Medien kommt so viel Beachtung zu; die staatliche Berichterstattung über die politischen Geschehnisse ist der rote Faden der Serie. Immer wieder erleben wir die Journalisten bei ihrer Arbeit. Das vermittelt einerseits einen Einblick in Medienmechanismen, treibt aber auch die politische Handlung voran. Nicht zuletzt wird auch das Personal der Serie erweitert. So ist die heimliche Hauptfigur der Serie die Journalistin Ketrine, eine blonde Schönheit, die mit dem Pressesprecher der Liberalen liiert war - bevor er in ihrem Bett an einem Herzinfarkt starb.

Hervorragend ist auch, wie «Borgen» es schafft, die komplexe politische Handlungsebene mit persönlichen Anekdoten zu brechen. Etwa wenn die ungeduldige neue Premierministerin im Vorzimmer der Königin warten muss. Oder wenn sich Nyborgs Ehemann über ihre Kleider- bzw Gewichtsprobleme lustig macht.

Ein guter Serien-Einkauf vom SF also. Obwohl man sich natürlich zwei Dinge fragt: Wieso wurde die Serie so spät programmiert? Und warum muss man solche Serien überhaupt einkaufen - wäre eine Produktion wie «Borgen» in der Schweiz nicht auch möglich? Gewiss, wir haben kein Oppositionssystem. Aber Ränkespiele im Bundeshaus gäbe es genug. Mit Eveline Widmer-Schlumpf hätte man bereits eine Art Nyborg-Figur.

Haben Sie «Borgen» gesehen? Meinungen bitte unten eintragen.

baz.ch/Newsnet

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