Sogar Papst Benedikt wird einem sympathisch

Im Netflix-Film «The Two Popes» mit Anthony Hopkins tanzen Benedikt und Franziskus Tango. Alles fiktiv?

Was wäre, wenn sich die zwei Päpste tatsächlich so innig ausgetauscht hätten? Dieses Szenario inszeniert der Netflix-Film «The Two Popes».

Was wäre, wenn sich die zwei Päpste tatsächlich so innig ausgetauscht hätten? Dieses Szenario inszeniert der Netflix-Film «The Two Popes».

Michael Meier@tagesanzeiger

Zum Schluss schauen sie sich gemeinsam den WM-Final von 2014 Deutschland - Argentinien an. Zuvor schon haben sie zusammen Pizza gegessen und gar ein paar Schritte Tango getanzt. Die Begegnung von Papst Benedikt mit dem argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio wird zusehends gelöster, inniger. Und am Ende von «The Two Popes», wenn aus den Kontrahenten Freunde geworden sind, ist einem sogar Papst Benedikt alias Joseph Ratzinger sympathisch.

Das ist den witzig-ironischen Dialogen des Drehbuchautors Anthony McCarten zu verdanken und vor allem der beeindruckenden schauspielerischen Leistung der beiden Stars Anthony Hopkins (Benedikt XVI.) und Jonathan Pryce (Kardinal Bergoglio). Ein schöner, weil menschlicher Spielfilm, egal ob das vermittelte Bild auch stimmt.

Offizieller Trailer zu «The Two Popes». Video: Netflix


Die fiktive Begegnung der beiden Kirchenoberen kommt durch einen plausiblen dramaturgischen Kunstgriff zustande: Bergoglio reist 2012 nach Rom, um Papst Benedikt seine Demission als Erzbischof von Buenos Aires zu bekräftigen: Er wolle wieder Pfarrer bei den Armen sein. Benedikt lehnt den Rücktritt zunächst ab: Das würde allgemein als Misstrauensvotum gegen sein Pontifikat ausgelegt, lag doch Bergoglio im Konklave von 2005 direkt hinter Ratzinger.

Doch dann, im Zuge der Annäherung, ändert dieser seine Meinung. Die Kirche brauche den Wandel und er, Bergoglio, könne dieser Wandel sein. «Ich will in dir meine Korrektur sehen», sagt Benedikt – was ihm seinen eignen Rücktritt plötzlich leicht macht.

Bei Benedikt hält sich der Film zurück

Die beiden Würdenträger wirken so menschlich, weil sie aus ihren amtlichen Rollen fallen, sich als Sünder zeigen, unwürdig, den Stellvertreter Christi zu verkörpern. Zum Höhepunkt des Netflix-Films wird die gegenseitige Beichte der beiden Kirchenführer in der imposant nachgebildeten Sixtinischen Kapelle – Michelangelos Jüngstes Gericht vor Augen.

Rückblenden in Bergoglios Leben zeigen seine Versäumnisse während des schmutzigen Krieges, als die Militärs zwischen 1976 und 1983 30'000 Unschuldige verschwinden liessen. Bergoglio, damals junger Jesuitenoberer, stand loyal zur Junta: Er wollte den Orden schützen und lieferte gerade so in den Favelas engagierte Mitpriester ans Messer. Eindrücklich zeigt der Film nach dem Krieg den Gang des entmachteten Sünders ins Exil nach Cordoba, wo er eine Läuterung erlebt.

Der Film lebt über weite Strecken vom Disput zwischen dem Bewahrer und dem Reformer.

Bei Benedikt übt Regisseur Fernando Meirelles Zurückhaltung: keine Rückblenden und eine nur angetönte Beichte. Man kann gerade noch den Namen Marcial Maciel hören, den Namen des notorischen Knabenschänders und hochrangigen Geistlichen, der als Freund von Papst Johannes Paul II. dessen Glaubenspräfekten Ratzinger zur Nachsicht gegenüber seinen Schandtaten zwang.

McCarten gibt zu verstehen, dass Benedikt das Ausmass des Missbrauchsskandals über den Kopf gewachsen ist und ihn zum Rücktritt bewog. Er lässt den einsamen Pontifex grübeln: «Ich spüre Gottes Gegenwart nicht mehr, ich höre Gottes Stimme nicht mehr: Ich brauche ein spirituelles Hörgerät.»

Dennoch bleibt die Missbrauchsthematik, die beide Pontifikate in den Grundfesten erschüttert hat, im Hintergrund. Der stärkste Satz zu diesem Thema kommt natürlich von Bergoglio und ironisiert das Zitat eines Bischofs: «Besser ist es, wenn neun Kinder leiden, als wenn neun Millionen Menschen den Glauben verlieren.»

«Selbst Gott ist nicht statisch»

Das ist offensichtlich gegen den untätigen Benedikt gerichtet und kündet an, dass der Nachfolger Bergoglio mit eisernem Besen kehren will. Diese Rollenteilung gehorcht der Dialektik des Films, der über weite Strecken vom Disput zwischen dem Bewahrer und dem Reformer lebt. «Veränderung ist Kompromiss. In Gott gibt es keine Veränderung», sagt Benedikt. «Die Zeit verlangt nach Veränderung, selbst Gott ist nicht statisch», sagt Bergoglio.

Die beiden treten als Antipoden auf, die für ganz verschiedene Kirchenbilder stehen, als trennte sie vor allem der Inhalt und nicht der Stil. Die gemeinsame Bewunderung des Neuseeländers McCarten und des Südamerikaners Meirelles für Franziskus wird zur Schwäche des Films. Klar, dass sich zu guter Letzt der Reaktionär dem Reformer wenn nicht anpassen, so doch beugen muss. Kardinal Bergoglio entspricht ganz dem verklärten Bild des Reformers, das man heute gemeinhin von Franziskus hat. Benedikt fällt deshalb nicht ab, weil er am Idealbild Kirche zerbricht.

Ab 20. Dezember auf Netflix; ab 2. Januar in einzelnen Kinos.

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