So ist der neue Tarantino

«Once Upon a Time in Hollywood» hatte Premiere in Cannes. Ein erster Eindruck.

Rick Dalton, Westernseriendarsteller: Leonardo DiCaprio im neuen Film von Quentin Tarantino.

Rick Dalton, Westernseriendarsteller: Leonardo DiCaprio im neuen Film von Quentin Tarantino.

(Bild: PD)

Pascal Blum@pascabl

Noch bevor jemand überhaupt irgendeine Minute aus «Once Upon a Time in Hollywood» gesehen hatte, richtete Quentin Tarantino eine Bitte an die Kritiker. In dem handschriftlich unterschriebenen Brief hiess es, alle hätten hart daran gearbeitet, etwas Originelles auf die Beine zu stellen, weshalb sich Tarantino wünsche, dass niemand etwas verrate, was die Zuschauer später daran hindern könnte, den Film in derselben Weise zu erleben wie an der Weltpremiere am Dienstagabend in Cannes. Es muss Tarantino auch aufgefallen sein, dass es einigermassen absurd ist, diesen Wunsch an einem Festival zu äussern, wo rund 4000 Journalisten akkreditiert sind.

Aber man konnte Tarantinos Bitte auch anders verstehen. Sie könnte einfach Teil des Pressematerials von «Once Upon a Time in Hollywood» gewesen sein, denn im neuen Film gehts auch um eine Nostalgie nach einer Primärerfahrung im Kino, schliesslich hat Tarantino seinen Film auf 35-mm gedreht. Es waren ja doch andere Zeiten, als man noch in eleganten Sälen die nackten Füsse hochlagern und einfach mal den Menschen auf der Leinwand zuschauen konnte, ohne dass einem auf Twitter schon jemand die ganze Geschichte vermasselt hatte.

Insofern hat Quentin Tarantino mit «Once Upon a Time in Hollywood» jetzt wirklich die Hommage an die amerikanische Filmindustrie gedreht, auf die seine Filme immer irgendwie zusteuerten. Spätestens seit «Pulp Fiction», jenem Erfolg, der vor 25 Jahren in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, hat ihn Hollywood auch nicht schlecht ernährt, aber wenn er sich jetzt bedankt, ist es natürlich mehr eine ironische Reflexion als ein romantischer Liebesbrief, es ist ja Quentin Tarantino.

Genug vom Schiessen

Wir schreiben das Jahr 1969, und die Frau, die mit nackten Füssen im Kino in Los Angeles sitzt, ist die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie). Sie schaut sich die Komödie «The Wrecking Crew» an, die es tatsächlich gegeben hat und der sie selber mitspielt, und muss grinsen, wenn die Zuschauer dort lachen, wo sie lachen sollen. Das ist schon mal ein schönes Bild für das Motiv der Rückkopplung zwischen Leinwandfigur und lebendigem Darsteller, das sich durch den Film zieht.

Es findet sich auch bei Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), der als Hauptdarsteller in der (fiktiven) Westernserie «Bounty Law» bekannt geworden ist, jetzt aber nicht mehr richtig gebraucht wird. Dalton bemüht sich, Gastauftritte in Fernsehproduktionen zu kriegen, die qualitativ etwas mehr hergeben, aber wie ihm der Agent (Al Pacino) früh erklärt, bringt das wenig, wenn er dort immer nur als Bösewicht auftritt. Schliesslich sähen die Zuschauer sowieso nur den Revolverhelden von früher, nur kriegt dieser jetzt jedes Mal aufs Dach. Ein Spaghettiwestern-Dreh in Rom, das wäre doch was, aber dafür muss sich Rick Dalton von seinen Verliererauftritten lösen.

Ein Running Gag in Tarantinos Film besteht dann darin, dass nie jemand die Namen von Figur und Schauspieler zusammenkriegt – als gäbe es immer nur das eine oder das andere, aber zur Deckung kommt es nie. Damit hat auch die zentrale Dynamik im Film zu tun, nämlich jene zwischen Rick Dalton und seinem Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Booth fiel in «Bounty Law» für Dalton sehr oft vom Pferdesattel, nun aber ist er vor allem ein zuverlässiger Kumpel, der Dalton herumfährt und ihn daran erinnert, wann er am nächsten Tag aufstehen muss.

Ihre Lebenswelten haben sonst wenig miteinander zu tun: Booth wohnt mit seinem Hund in einem speckigen Wohnwagen irgendwo abseits der Autobahn, und wenn er mit dem klapprigen Cabriolet zu Daltons Haus in den Hollywood Hills fährt, dauert es eine ziemliche Weile. Tarantino spielt da auch das Thema von Nähe und Distanz hübsch durch: Rick Dalton ist ein zu Selbstmitleid neigender alkoholkranker «Has-Been» der die Dinge nah an sich heranlässt, während Cliff Booth meistens saucool dreinschaut und die Welt auf Abstand hält.

Wo soll man anfangen?

So etwas gibt Brad Pitt natürlich mit Gusto, er liefert auch die lustigste Szene: ein Freundschaftsduell zwischen ihm, dem Stuntman, und Bruce Lee. Leonardo DiCaprio geht derweil alle möglichen Register durch, das Sentimentale dreht er auf komödiantische Effekte hin und übertreiben darf er auch. Schliesslich ist sich Rick Dalton die seriöse Schauspielerei noch nicht so recht gewohnt, ihm fällt da eigentlich nur Hamlet ein, und wenn er schlecht ist, dann ist er richtig schlecht.

So wie Daltons Rollen ambitionierter werden, so variiert Quentin Tarantino souverän die Genres und Kamerabewegungen und behält dabei einen entspannten Rhythmus bei, als wolle sich der Film am liebsten selbst zuschauen. Was die Referenzdichte angeht, weiss man sowieso nicht, wo man anfangen soll. Bei «Bounty Law», für das sicher eine Westernserie wie «The Rifleman» eine Vorlage war, die einer wie Sam Peckinpah hingeschmissen hatte, weil sie ihm zu trivial war? Für das liebevoll hergerichtete Los Angeles Anfang der 70er-Jahre, für all die erfundenen und wiedergefundenen Filmplakate und Logos, für die Westernkulissen mit dem Frontier-Städtchen?

Dass man da irgendwo beginnen könnte, das ist auch ein Problem von Tarantinos Film. Man darf sich schon mal fragen, ob Quentin Tarantino seinen Erzählstoff vor lauter Zitat- und Ausstattungsaufwand eigentlich noch klar sieht. Es ist ja kein Spoiler, wenn man schreibt, dass Sharon Tate, die damalige Freundin des Regisseurs Roman Polanski, 1969 hochschwanger von Mitgliedern der Manson-Familie ermordet wurde. Charles Manson hatte ein Jahr zuvor in der Spahn Movie Ranch ein Quartier für seinen Kult bezogen, wo früher tatsächlich Westernserien gedreht wurden, die später von Reittouren abgelöst wurden.

Tarantino hat es selbstverständlich auch auf die explosive Vermischung von Fernsehcowboy und echten Outlaws abgesehen. Er antwortet mit den Waffen der Unterhaltung, und am Ende läuft es zu auf eine Szene, in der er ähnlich wie in «Inglorious Basterds» die Geschichte des Grauens mit einem Popkultur-Skript überschreibt. Und sich die Darsteller ihre Figuren wieder zu eigen machen: Auch wenn Hollywood sich im Umbruch befindet und die Hippie-Bewegung in ihr mörderisches Gegenteil umgeschlagen ist, kennen Rick Dalton und Cliff Booth noch ein paar bewährte alte Tricks.

Man fragt sich einfach, ob da nicht noch viel mehr drin gelegen wäre. Ein Film über Grenzerfahrungen, die den amerikanischen Gründungsmythos des Wilden Westens konsequent in den terroristischen Wahn eines Charles Manson überführt. Ein Film über Gestörte, die sich abseits der Zivilisation eine unwirkliche Welt der Gewalt aufgebaut haben, wo sie sich mit ihren eigenen Dämonen anlegen. Aber der letzte Popkulturpapst Quentin Tarantino zeigt uns lieber, was es im Kino alles zu entdecken gibt, nur kommt er jetzt dann wirklich nicht mehr aus dem Kino heraus.

Ab 15. August in den Schweizer Kinos.

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