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Shakespeare als Strohmann

In «Anonymus» wird ein Adeliger und nicht Shakespeare als wahrer Autor der Klassiker wie «Othello» und «Hamlet» dargestellt. Regisseur Roland Emmerich über eine leidenschaftliche Provokation.

Regisseur Roland Emmerich sorgt mit seinem am 10. November anlaufenden Film «Anonymus» für eine neue Debatte über die umstrittene Identität William Shakespeares. Er vertritt in seinem opulenten Kostümdrama die alte These, dass Shakespeare nicht der Autor unsterblicher Stücke wie «Othello» und «Hamlet» sein kann. In «Anonymus» ist der Adelige Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, der geniale Dichter und benutzt den Schauspieler Shakespeare als Strohmann. Damit wollte Emmerich absichtlich die Literatur-Experten provozieren, wie er in einem Interview mit dapd-Korrespondentin Birgit Roschy sagte.

Haben Sie sich schon in der Schule für Shakespeare begeistert? In der Schule haben wir nie Shakespeare gelesen. Dafür habe ich damals alles gelesen, was es an moderner deutscher Literatur gab. Die Begeisterung für Shakespeare kam erst viel später. Vor zehn Jahren habe ich mich in das Drehbuch von John Orloff vernarrt, das sich um die Frage von Shakespeares Urheberschaft drehte. Dann habe ich mir in einem Crash-Kurs so viel wie möglich klassische Shakespeare-Verfilmungen etwa von Orson Welles und Franco Zeffirelli angeschaut. Ich fand das Thema einfach ungemein reizvoll für einen Film und wollte daraus eine Geschichte machen, «so mächtig wie Schwerter», wie es in «Julius Caesar» heisst.

Was halten Sie von der Theorie, dass Shakespeare nicht der Autor gewesen sein kann? Ich erkannte, dass es mit dem Mann aus Stratford irgendwo ein Problem gibt. Es gibt einfach eine Summe von Dingen, die man nicht erklären kann. Ich halte den Earl of Oxford für denjenigen, der am meisten infrage kommt. 100-prozentig sicher kann sich allerdings niemand sein. Die Hauptsache war aber für mich immer, eine spannende Geschichte zu erzählen. Im Grunde spielt es keine Rolle, wer die Werke geschaffen hat, solange anerkannt wird, wie grossartig sie sind.

Vieles in Ihrem Film basiert auf dem Buch von Kurt Kreilers «Der Mann, der Shakespeare erfand: Edward de Vere». Was ist hinzu erfunden? Die Geschichten mit dem Inzest und um Graf von Southampton. Ausserdem haben wir die Sonette von Shakespeare aus dem Film herausgelassen, sonst wäre es zu verwirrend gewesen.

Und was sagen Sie zu den wütenden Diskussionen von Literaturexperten, die sich rund um Ihren Film entsponnen haben? Wow, damit bin ich sehr zufrieden. Kunst sollte nun mal provozieren. Das «literary establishment» will immer Recht haben. Und in Stratford gibt es Leute, die kriegen bei dem Thema einen roten Hals.

Ihr Filmbudget von 25 Millionen Dollar war gering im Vergleich zu Ihren anderen Filmen. (lacht) Meine Mutter sagt immer «Wie ist das möglich, dass ich einen Sohn habe, der auf so grossem Fuss lebt?» Aber im Ernst: Ich wollte vormachen, wie ein historischer Film mit wenig Geld gut aussehen kann. Vor Ort in London zu drehen, war zu teuer, ausserdem darf man dort in den historischen Stätten nichts verändern und verdecken. So gingen wir in die Potsdamer Babelsberg-Studios.

Für die London-Darstellung haben wir eine akribische Recherche unternommen und alles an Informationen, Karten und Modellen verwendet, was es gibt. Insbesondere die computeranimierte London Bridge ist bis auf den letzten Nagel identisch, da muss ich das Production Team wirklich loben. Die Innenaufnahmen wurden nach einem Modulsystem gestaltet, das wir bereits in anderen Filmen verwendeten. Das legendäre Londoner Shakespeare-Theater Globe Theatre aber habe ich nachbauen lassen, damit man es auch von oben aufnehmen konnte. Das war mir sehr wichtig.

Wie haben Ihre Schauspieler, die ja grösstenteils Shakespeare-Theaterstars sind, die These des Films aufgenommen? Sir Derek Jacobi, der im Film den Prolog spricht, und Mark Rylance, der Condell spielt, gelten als DIE Shakespeare-Mimen ihrer Generation. Doch sie haben vor Jahren die «declaration of reasonable doubt about the identity of William Shakespeare» unterschrieben. Jacobi neigt eher zu Edward de Vere, Rylance mehr zu Francis Bacon als wahre Autoren.

Wie schätzen Sie die Chancen für Ihren Film in den USA ein? In den USA kann man die Leute mit dem Thema jagen. Ich habe den Film für mich gemacht, und es hat auch irre Spass gemacht, mit diesem grossartigen «all-english cast» zu arbeiten. Das war wirklich ein Herzenswunsch von mir.

dapd/jak

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