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Psychologischer Schutt und schwülstiger Schrott

Katzenjammer auf dem Lido: An den 65. Filmfestspielen in Venedig wird am Samstag der Goldene Löwe verliehen – trotz eines spektakulär enttäuschenden Programms.

Ein Quäntchen Trost: Wir sind nicht allein in unserem Elend, auch Geraldine Chaplin hofft auf Erlösung. Sie hat nur einen kurzen Auftritt in «Parc», einem französischen Vorstadtdrama nach einem Roman von John Cheever, aber ihr Masterplan ist umso schauriger. Die Lady träumt davon, irgendeinen jungen Burschen in eine Kirche zu verschleppen, wo sie ihn ans Kreuz nageln würde. Eine Kreuzigung, um die Welt wachzurütteln! An der Mostra müsste man gar nicht zu derart drastischen Methoden greifen. Ein guter Film wäre hier Erlösung genug.

Der Satiriker Stefano Disegni, der die Festivalzeitung täglich mit bissigen Zeichnungen zu den Filmen versorgt, scheint diese Hoffnung längst aufgegeben zu haben. In seinem Cartoon-Tagebuch hat er schon am Mittwoch die heimliche Siegerin des Festivals gekürt. Es ist die Glückspille Prozac. Eine Wunderdroge gegen den chronischen Frust über den diesjährigen Wettbewerb? Wir würden nicht Nein sagen.

Ungeschöntes Protokoll einer Hochzeitsfeier

Für eine rauschende Party sorgte immerhin Jonathan Demme, obwohl auch sein Familiendrama «Rachel Getting Married» beileibe kein berauschender Film ist. Der US-Regisseur, für «The Silence of the Lambs» einst mit dem Oscar ausgezeichnet, hat sich schon länger vom geschliffenen Hollywood-Kino verabschiedet; nach Dokumentarfilmen über Neil Young und Jimmy Carter meldet er sich jetzt zurück mit dem ungeschönten Protokoll einer Hochzeitsfeier in dysfunktionaler amerikanischer Grossfamilie. Es war die bürgerliche Antwort auf «Vegas», einen unerbittlich geradlinigen Low-Budget-Film des gebürtigen Iraners Amir Naderi. In «Vegas» zieht sich eine randständige Familie buchstäblich den Boden unter den Füssen weg, als Papa im eigenen Garten nach einem Schatz buddelt – hier nun, im reichen Amerika von «Rachel Getting Married», wird nur psychologischer Schutt umgegraben.

Anne Hathaway auf Rehab-Urlaub

Der emotionale Katalysator auf dieser Party ist Anne Hathaway. Das Aschenputtel aus «The Devil Wears Prada» spielt jetzt die schlimme Tochter, die dem Teufel vom Karren fiel und die sich mit ihrer Rehab-Erfahrung gut und gern mit Amy Winehouse messen könnte. In der Entzugsklinik bekommt sie ein paar Tage frei, um für die Hochzeit ihrer Schwester Rachel in den Schoss ihrer Familie zurückzukehren.

Jonathan Demme inszeniert das wie ein gepflegtes Heimvideo, mit einer Handkamera, die wie ein unaufdringlicher Gast die kleineren und grösseren Eruptionen registriert. Am Ende kennen wir die dunklen Schatten, die diese Familie immer noch heimsuchen, aber der grosse Knall bleibt aus und die endgültige Versöhnung ebenso. «Rachel Getting Married» – übrigens das erste Drehbuch von Jenny Lumet, der Tochter von Hollywood-Veteran Sidney Lumet – lebt von einer ungeschminkten Herzlichkeit, die nie ins reine Rührstück fällt. Damit ist schon viel gewonnen in diesem tristen Wettbewerb.

Das Geheimnis von Marco Müller

Wir wollen Marco Müller ja keinen bösen Willen unterstellen. Der Künstlerische Leiter mit Vergangenheit in Locarno wird seinen Wettbewerb nicht mutwillig als Folterparcours angelegt haben, um dem Publikum den Glauben an die Zukunft des Kinos auszutreiben. Aber es bleibt sein Geheimnis, was ein schwülstiges Endzeittheater wie Werner Schroeters «Nuit de chien» in der Konkurrenz um den Goldenen Löwen verloren hat. Solches Kino lässt man besser dort, wo es herkommt: auf dem Friedhof des Autorenfilms von vorgestern. Und mit einheimischer Konfektionsware wie «Un giorno perfetto» oder «Il papà di Giovanna» macht Müller zwar die italienische Filmindustrie glücklich, die sich auf dem roten Teppich feiern durfte, als die Hollywood-Garde um George Clooney abgerauscht war. Aber die internationale Filmkritik runzelt da bloss betreten die Stirn.

Den stärksten Eindruck haben schliesslich zwei Filme hinterlassen, die sich ins verminte Gelände politischer Konflikte wagen. Der Äthiopier Haile Gerima tut das mit einem Hang zum Didaktischen, wenn er in «Teza» ein halbes Jahrhundert äthiopischer Geschichte zwischen Feudalherrschaft und Sozialismus aufarbeitet. Da kehrt ein verlorener Sohn in den 90er-Jahren ins Dorf seiner Kindheit zurück, und der scheinbar kriegsversehrte Mann weiss nicht einmal mehr, wo er sein Bein verloren und wer ihm die Prothese angesetzt hat. Erst allmählich schlüsselt sich das Trauma des Protagonisten auf, und sein privates Drama weitet sich aus zum Trauergesang für eine ganze Generation, deren politische Ideale von einem neuen Terrorregime ausgelöscht werden. Mit scharfem Blick für die bitteren Ironien der Geschichte zeichnet Gerima in seiner epischen Erzählung die Fieberkurve seiner Heimat nach.

Der Goldene Löwe soll nach Brasilien!

Den Goldenen Löwen sähen wir aber lieber noch bei den Eingeborenen im Südwesten Brasiliens, die im Film «Birdwatchers» das ihnen zugewiesene Reservat verlassen und mit einem Grossgrundbesitzer stur auf Konfrontation gehen. Da frisst der Häuptling schon mal eine Handvoll Dreck, um dem verdutzten weissen Gutsherrn zu zeigen, wer der rechtmässige Sohn von Mutter Erde sei. Der chilenische Regisseur Marco Bechis hat seinen Spielfilm buchstäblich als Feldversuch angelegt, und was in politisch korrekten Ethnokitsch münden könnte, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Drama, das keine einfache Parteinahme gestattet. Der Konflikt bleibt ebenso unausweichlich wie unlösbar.

Damit hatte wenigstens das Kino seine kleine Erlösung: Es gibt sie noch, die halbwegs guten Filme in Venedig.

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