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«Männer schauen lieber Männern zu»

Hat der Schweizer «Tatort» mit zwei Kommissarinnen endlich Erfolg? Jan Hinter, der derzeit erfolgreichste Autor der Reihe, sieht ein Problem.

Anna Pieri Zuercher (links) und Carol Schuler ermitteln neu im Schweizer «Tatort».
Anna Pieri Zuercher (links) und Carol Schuler ermitteln neu im Schweizer «Tatort».
SRF/Daniel Winkler
Der allererste Schweizer «Tatort»: Der Regisseur Urs Egger, links, und die Schauspieler Andrea Zogg, Mitte, und Mathias Gnädinger, rechts, unterhalten sich während einer Drehpause am 10. April 1990 in Bern. Gedreht wird ein Film mit dem Titel «Howalds Fall». Wachtmeister Howald wird von Mathias Gnädinger verköpert.
Der allererste Schweizer «Tatort»: Der Regisseur Urs Egger, links, und die Schauspieler Andrea Zogg, Mitte, und Mathias Gnädinger, rechts, unterhalten sich während einer Drehpause am 10. April 1990 in Bern. Gedreht wird ein Film mit dem Titel «Howalds Fall». Wachtmeister Howald wird von Mathias Gnädinger verköpert.
Keystone
Das bisherige Schweizer «Tatort»-Team: Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer).
Das bisherige Schweizer «Tatort»-Team: Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer).
PD
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Die Schweiz hat ein neues «Tatort»-Team, zwei Frauen. Bisher war die Quote mies. Darf SRF mit einem Frauenbonus rechnen?

Zwei Frauen sind sicher eine interessante Wahl. Allerdings sehe ich auch ein Problem. Denn mein Gefühl und meine Erfahrung sagen mir, dass bei Krimis Männer lieber Männern beim Ermitteln zuschauen. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob das Schweizer Fernsehen nun mit einem Frauenbonus rechnen sollte.

Die Synchronisation ist ein Manko. Könnte man deutschen Zuschauern nicht Untertitel zumuten?

Nein. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Denn deutsche TV-Zuschauer – so hart das jetzt klingen mag – sind nicht gewillt, zu lesen. Wenn man ihnen im Film eine grosse Boulevardzeitung vor die Nase hält mit der fetten Schlagzeile: «SOMMER IN DEUTSCHLAND FÄLLT AUS!», dann kann man sicher sein: Die lesen das nicht. Man kann als «Tatort»-Macher nicht mit Text arbeiten, das ist leider ein Fakt.

Man wolle mit den Kommissarinnen «nicht an der Realität kleben», erklärt SRF. Wie kunstvoll kann ein «Tatort» sein? Wo liegt die Grenze?

Das Format «Tatort» erträgt vieles. Actionlastige Geschichten mit Til Schweiger ebenso wie die Tarantino-mässigen Filme mit Ulrich Tukur. Etwas zu viel Kunstwillen hatte meiner Meinung nach der Ludwigshafener «Tatort», der ohne Drehbuch arbeitete und rein auf Improvisation setzte. Letztlich ist die Regel einfach: Wenns dem Zuschauer zu Hause zu bunt wird, er zur Fernbedienung greift und umschaltet, dann hat man die Grenze überschritten. Solange er dran bleibt, ists o.k.

Jan Hinter (links) mit seinem Co-Autor Stephan Cantz. (zVg)
Jan Hinter (links) mit seinem Co-Autor Stephan Cantz. (zVg)

Warum sind Ihre «Tatorte» eigentlich so erfolgreich?

(lacht) Zugegeben, wir hatten auch viel Glück. Wir kamen zur rechten Zeit mit dem rechten Konzept. Denn als wir vor zwanzig Jahren das Duo Boerne/Thiel erdachten, gabs im «Tatort» noch nichts zu lachen. Spätestens nach drei, vier Minuten musste die Leiche präsentiert werden, danach gings stracks zur Auflösung der Frage: Whodunit? Das komödiantische Potenzial lag brach. Das haben wir dann genutzt, aus einer Laune heraus. Wir merkten schnell, dass die Zuschauer Boerne, Thiel und ihrem Team gerne zuschauen. Man könnte sie heute alle einen ganzen Film lang in einen Raum stecken, miteinander agieren lassen, und die Leute würden dranbleiben.

Ihr Figurenkabinett würde auch in einem anderen Genre funktionieren, etwa als Landarzt-Serie?

Genau. Ich denke, die meisten Leute schalten unseren «Tatort» nicht ein, weil sie an einem bestimmten Verbrechen oder einer bestimmten Handlung interessiert sind. Unsere «Tatorte» sind ja auch nicht im Mindesten realistisch. Man lernt bei uns nichts über die echte Polizeiarbeit. Die Leute schalten ein, weil sie unsere Figuren mögen und sich gut unterhalten fühlen. Das Zusammenspiel des ganzen Ensembles ist immer unsere wichtigste und schwerste Aufgabe: Dass alle zur Geltung kommen, eine Funktion in der Geschichte haben und miteinander interagieren können. Wenn beispielsweise der Vater von Thiel in einer Episode nicht richtig vorkommt, bekommt der Sender gleich böse Briefe.

Gibt es Tricks, wie das Beziehungsspiel in Gang kommt?

Wir haben zum Beispiel Thiel bei Boerne als Mieter einziehen lassen. So bleiben sie privat stets in engem Kontakt, während sie auf dem beruflichen Feld auch mal örtlich getrennt voneinander arbeiten können. In der Realität treffen sich ein Rechtsmediziner und ein ermittelnder Kommissar ja höchst selten. Die Aufgabenstellung ist aber, dass Boerne und Thiel den Fall gemeinsam lösen.

Hinters Erfindungen: Boerne (rechts) und Thiel. (ARD)
Hinters Erfindungen: Boerne (rechts) und Thiel. (ARD)

Im Schweizer «Tatort» wird eine Analytikerin aus reichem Zürcher Haus mit einer Juristin aus dem welschen Arbeitermilieu zusammenarbeiten.

Das verspricht Konflikte, was aus Sicht des Drehbuchschreibers sinnvoll ist. Dann gibt es verschiedene, miteinander konkurrierende Perspektiven auf einen Fall. Ein harmonisch agierendes, dabei nicht langweilendes Team ist da viel schwieriger darzustellen. Konflikte sind der klassische Handlungstreiber.

Wie wichtig ist Lokalkolorit im «Tatort»?

Für uns Drehbuchautoren ist das oft eine Herausforderung. Weil es einschränkt. Münster ist eine Universitätsstadt, katholisch und etwas provinziell angehaucht. Dem müssen wir in unseren Fällen und den Spielorten jedes Mal gerecht werden. Zürich ist sicher eine gute Wahl, weil die Stadt internationaler ist als Münster. Bleibt allerdings zu hoffen, dass es nicht nur um Banken geht. Verbrechen in diesem Milieu, sogenannte White-collar-crimes, sind meiner Meinung nach schwieriger zu erzählen, weil die Thematik sehr abstrakt ist.

Viele «Tatorte» haben einen stark pädagogischen Zug. Hat die Serie eine gesellschaftliche Verantwortung?

Die TV-Stationen sind – nicht zuletzt wegen der Migrantenthematik – derzeit sehr dünnhäutig, was diese Frage angeht. Letzthin hatten wir eine lange Diskussion darüber, ob es politisch korrekt ist, dass ein Täter eine dunkle Hautfarbe hat. Für mich ist klar, dass so was möglich sein muss. Ähnliche Bedenken gab es auch schon, als wir seinerzeit Professor Boernes kleinwüchsige Assistentin Alberich in unser «Tatort»-Ensemble aufnehmen wollten. Auch dieser Besetzung gingen lange Diskussionen voraus. Wir haben uns letztlich durchgesetzt. Die positiven Rückmeldungen von Zuschauern, aber auch Kleinwüchsigen zeigen uns, dass es eine gute Entscheidung war.

Erster Auftritt der Schweizer «Tatort»-Kommissarinnen.

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