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Kämpfer für die gerechte Sache

Der Filmemacher Roman Polanski rollt in «J’accuse» die Dreyfus-Justizaffäre auf. Seine eigenen Justizaffären bleiben ungeklärt.

Ein historischer Justizirrtum lässt Major Piquart (Jean Dujardin) an der Obrigkeit zweifeln. Bis er selbst vor Gericht steht.
Ein historischer Justizirrtum lässt Major Piquart (Jean Dujardin) an der Obrigkeit zweifeln. Bis er selbst vor Gericht steht.

Eines entspannten Tages öffnet Georges Piquart ein Telegramm. Der Major schiebt einen geregelten Dienst als Ausbilder an der Pariser Militärakademie. Nichts, was einen zwänge, Telegramme im Morgenmantel aufzureissen. Doch nun wird Piquart abkommandiert. Er soll das Deuxième Bureau leiten. Im Klartext: Er befehligt den Auslandsgeheimdienst der Franzosen. Und das Mitte der 1890er-Jahre, zu einer Zeit, als aus dem kalten Krieg mit den Deutschen jederzeit ein heisser werden kann.

Aber es sind weniger die Deutschen, die Piquart fortan den Schlaf rauben. Es ist die französische Justiz. Oder eigentlich vorerst nur der Verdacht, dass der Skandal um den verurteilten Spion Alfred Dreyfus auf falschen Beweisen beruht. Dass der jüdische Offizier zu Unrecht auf die Teufelsinsel verbannt worden ist. Dass bisher niemand den wahren Hochverräter im Generalstab enttarnt hat. Dass man dem Falschen die Tressen von der Uniform gerupft, die Goldknöpfe in den Dreck geworfen, den Säbel zerbrochen hat – eine öffentliche Demütigung, die manches antisemitische Vorurteil im Korps befriedigte und der auch Georges Piquart mit einiger Häme beiwohnte.

Protest der Aktivistinnen

Ausgerechnet die Dreyfus-­Affäre rollt Roman Polanski in seinem neuen Kinofilm auf. Ausgerechnet einen der haar­sträubendsten historischen Justizskandale Europas, dessen Opfer ein Jude war und dessen himmelschreiende Ungerechtigkeit sich in einer legendären Streitschrift des klassenkämpferischen Autors Emile Zola Luft verschaffte. «J’accuse» hiess der Zeitungsartikel. «J’accuse» heisst auch Polanskis Film.

Bis heute ist ungeklärt, ob Roman Polanski ein prominentes Justizopfer ist oder nur ein prominenter Sexualstraftäter, der sich der amerikanischen Verfolgung wegen mutmasslichen Missbrauchs einer 13-Jährigen durch Flucht nach Europa entzogen hat. Diese Affäre ist alt, aber nicht ausgestanden, sie reicht zurück bis 1977, sie zwingt Polanski zur Vorsicht bei Reisen, sie klebt an seinem Image wie Mist unter Wanderstiefeln. Aber ein Dreyfus ist der Regisseur nicht, trotz seiner jüdischen Herkunft. Vielleicht fühlt er sich verfolgt. Politisch verfolgt wird er gewiss nicht.

Nichtsdestotrotz flammen in Frankreich Proteste gegen Polanski auf. Es gab Boykottaufrufe zum Kinostart. Und dass der Film für ein Dutzend Césars nominiert ist – für die bedeutendsten französischen Filmpreise, die Ende Februar vergeben werden –, bringt die Aktivistinnen erneut auf die Barrikaden. «Wenn Vergewaltigung eine Kunst ist, gebt ihm alle Preise!», zitiert die «Süddeutsche Zeitung» die Gruppierung «Osez le féminisme».

Hinter dem Slogan steckt allerdings mehr als Zynismus. Im Zuge der #MeToo-Debatte wurde Polanski erneut zweimal der Vergewaltigung bezichtigt: 2017 ging eine Anzeige in der Schweiz ein. Im Herbst folgte, kurz vor dem französischen Kinostart, die Fotografin Valentine Monnier. Beide Male soll es um Vorfälle in den 70ern gehen.

Die totale Korruption

Falls sich Polanski tatsächlich guten Gewissens diffamiert fühlt und sich mit dem Titel «J’accuse» selbst meint, hat er das immerhin gut versteckt. Keine Sekunde weicht das Setting von den Konventionen eines historischen Kostümfilms ab. Gegenwartsbezug: Fehlanzeige. Louis Garrel gibt den Stabsoffizier Alfred Dreyfus – übrigens Elsässer wie Piquart – als spröden Karrieristen. Von seinem Befreier wird er noch, als beide rehabilitiert sind, eine ausserplanmässige Beförderung verlangen, wegen der verlorenen Dienstjahre in der Verbannung. Ein Unsympath, dieser Dreyfus.

Ansonsten heftet sich Polanskis Regie eisern an die Fersen von Major Piquart. Gefühlt gibt es keine Kameraeinstellung, in der Jean Dujardin bei seiner heimlichen Dreyfus-Ermittlung nicht vorteilhaft in Szene gesetzt wäre. Emile Zola und sein Pamphlet kommen eher am Rand vor. Dafür darf Dujardin im Duett mit Emmanuelle Seigner als Pauline der freien Liebe frönen, für die sich ein bisschen Ehebruch (seitens der Dame) durchaus lohnt.

Rund um die beiden regiert die totale Korruption. Selbstherrliche Minister und fettwanstige Generäle versuchen, die Wahrheit zu vertuschen. Differenziertheit ist hier Polanskis Sache nicht. Vielmehr breitet er genüsslich aus, wie Piquart allmählich den Glauben an Obrigkeit, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit verliert. Er hätte es ahnen können. Das Fenster in seiner muffigen Amtsstube hat von Anfang an geklemmt.

Filmstart in der Schweiz am 13. Februar. In Basel läuft «J’accuse» im Kino Atelier.

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