Jetzt startet Netflix die Offensive

«Roma» ist erst der Anfang: Netflix will zum Filmstudio werden, dank viel Geld und Regisseuren wie Michael Bay.

Die Darstellerin Marina De Tavira an der Premiere von «Roma» im Dezember 2018 in Hollywood, Kalifornien.

Die Darstellerin Marina De Tavira an der Premiere von «Roma» im Dezember 2018 in Hollywood, Kalifornien.

(Bild: Charley Gallay (Getty Images))

Pascal Blum@pascabl

Gewinnt «Roma» am Sonntagabend den Oscar als bester Film, geht für Ted Sarandos ein Traum in Erfüllung. Sarandos ist bei Netflix für die Inhalte zuständig und macht schon lang kein Geheimnis mehr daraus, dass er den Preis unbedingt will. Der amerikanische Streamingdienst soll gut 25 Millionen Dollar für die Oscarkampagne von «Roma» ausgegeben haben, deutlich mehr, als der Film gekostet hat. Akademiemitglieder wurden mit Schokolade, Drehbuch-Ausgaben, Bildbänden und signierten Postern eingedeckt.

Für einen Spielfilm hat Netflix noch nie einen Oscar gewonnen. Mit dem zehnmal nominierten Drama über das Schicksal eines Kindermädchens in einem Viertel in Mexiko-Stadt 1970 könnte es jetzt klappen. Und sei es nur, weil die Entscheidungsträger in Hollywood ein schlechtes Gewissen haben, dass sie ihre mexikanischen Haushälterinnen so schlecht bezahlen, und dem Film am Ende einfach deswegen ihre Stimme geben.

Das Kritikerlob für «Roma» kommt Netflix gelegen, weil die Plattform den Erfolg von Serien wie «House of Cards» auf die Produktion von eigenen Spielfilmen übertragen will. Dazu hat Netflix jüngst eine Filmoffensive gestartet. Die Filmabteilung hat zwei Sparten: Originals und Indie. Originals umfasst Spielfilme mit einem Budget zwischen 20 und 200 Millionen Dollar; Indie solche bis 20 Millionen, gedreht von Arthouse-Regisseuren. Geplant sind insgesamt 55 Spielfilme pro Jahr.

Namhafte Regisseure wie die Coen-Brüder oder Steven Soderbergh haben bereits für Netflix gearbeitet. Dieses Jahr wird das Riesenprojekt «The Irishman» von Martin Scorsese mit Robert De Niro und Al Pacino erwartet, zudem dreht «Transformers»-Regisseur Michael Bay für Netflix einen Thriller, in dem – kein Witz – eine Gruppe von Milliardären ihren Tod vortäuscht, um dann Verbrecher zu erledigen.

Ausser in China, Nordkorea und Syrien ist Netflix in jedem Land der Welt verfügbar.

Tendo Nagenda ist der Vizechef der Filmabteilung. Er wechselte vor ein paar Monaten vom Disney-Konzern zum Streaming­service und erklärte kürzlich in Berlin an einem Podium von Berlinale Talents, wie Netflix zu einem Filmstudio wachsen soll, das mit der Konkurrenz mithalten kann. Im Frühling soll Netflix knapp 150 Millionen zahlende Abonnenten haben; ausser in China, Nordkorea und Syrien ist das Portal in jedem Land der Welt verfügbar.

An die Masse, die Netflix dadurch potenziell erreichen könne, kämen normale Studios nicht mehr heran. «Bei diesen gehts mehr darum, dass ein Stoff global bekannt ist, bevor man sich überhaupt daranmacht, einen Film zu drehen.»

Das Lokale fürs Globale

Das Schicksal drohte anfangs auch «Roma». Der Film wurde vom Participant-Studio in Hollywood produziert, aber in den Vertrieb nehmen wollte ihn niemand, weil ein schwarzweisses Historiendrama mit Untertiteln kommerziell nichts hergibt. Netflix langte zu, schliesslich hat «Roma» nicht irgendwer, sondern der Oscarpreisträger Alfonso Cuarón («Gravity») gedreht. Und weil er ein stark persönliches Werk über seine Kindheit in Mexiko-Stadt schuf, spekulierte man bei Netflix, dass gerade ein spezifisches Setting auch in andere Ländern anschlussfähig sein könnte.

Netflix zählt da auf den Universalismus des Eigenen: Während die Hollywoodstudios ihre Stoffe so weit ausdünnen, dass sie sie über den Weltmarkt strecken können, will Netflix reichhaltige lokale Geschichten erzählen, deren Kolorit im Idealfall wiederum global interessiert.

Die 5 besten Netflix-Film-Originals

«High Flying Bird»
Der neue Steven Soderbergh: Ein schwarzer Spieleragent hat während eines NBA-Streiks eine Idee. Tolles Skript des «Moonlight»-Koautors, gedreht auf die Schnelle und mit einem iPhone 7.
«The Meyerowitz Stories»
Familie und Kunst: Adam Sandler und Dustin Hoffman spielen im bitterbösen Drama von Noah Baumbach die New Yorker Störungen durch.
«The Ballad of Buster Scruggs»
Grausam elegant inszenierte Western-Anthologie der Coen-Brüder, inklusive Tom Waits.
«Private Life»
Ostküsten-Drama um ein Paar, das versucht, ein Kind zu kriegen. Mit Paul Giamatti.
«I Don't Feel At Home In This World Anymore»
Eine Indie-Krimikomödie, in der man wieder mal Elijah Wood zu sehen bekommt.

Filme über ein bestimmtes Milieu seien im traditionellen Studiosystem immer schwieriger zu verwirklichen, sagte Tendo Nagenda an der Berlinale. Als Vorbilder für seine Abteilung nannte er «Do The Right Thing» von Spike Lee oder «The Matrix». «Die Studios haben früher oft auf solche Stoffe gesetzt, tun es heute aber immer weniger. Uns interessieren Geschichten, in denen sich Action, Abenteuer und Drama vermischen, weil der Nutzer im Vergleich zum Kinobesucher viel eher bereit ist, mit Genres zu experimentieren.»

Nagenda verwies auf Ron Howards geplante Adaption von «Hill­billy Elegy», einen autobiografischen Essay über das Leben in Ken­tucky, der oft zur Erklärung der Wahl von Donald Trump herangezogen wurde. Eine Geschichte aus einer konkret verortbaren Kultur, aber auch ein populärer Genremix zwischen Soziologie und Familiendrama.

Viel Geld und noch mehr Zeit

Bis jetzt findet man unter den Originals viel Comedy vom Fliessband und Massenware wie den Horrorfilm «Bird Box» mit Sandra Bullock. Den haben laut Angaben von Netflix in vier Wochen rund 80 Millionen Haushalte gesehen. Wie viele Leute im Vergleich dazu «Roma» angeklickt haben, würde man auch gern wissen, aber Netflix gibt sich punkto Zahlen notorisch verschlossen.

«Wir schauen uns gern Drehbücher an, aber wenn die Idee stimmt, greifen wir schon viel früher zu.»Tendo Nagenda Vizechef Original Films bei Netflix

Sicher ist, dass der Anbieter einen riesigen Appetit auf Geschichten hat. Das herkömmliche System setzt laut Nagenda zu stark auf Stoffentwicklung, ohne dass es garantieren könne, dass Projekte tatsächlich verfilmt werden. «Netflix dagegen will Filme verwirklichen. Wir schauen uns sehr gern ein Drehbuch an, aber wenn die Idee stimmt und wir denken, dass wir das umsetzen können, greifen wir viel früher zu.» Man sichere sich auch laufend Rechte an Zeitungsartikeln und Büchern. Netflix soll ein «Apparat» werden für Regisseure und unabhängige Produzenten, die anders als bei grossen Studios genug Zeit hätten, um etwa Skripte von Schauspielern vorlesen zu lassen, um zu schauen, ob sie funktionieren.

«Roma» erzählt von der Haushälterin Cleo, die in den 70er-Jahren in Mexico-Stadt bei einer wohlhabenden Familie arbeitet. Bild: PD.

Netflix will 2019 zwei Milliarden Dollar in Technologie und über zehn Milliarden in Inhalte investieren. In den USA entfallen gut zehn Prozent des Fernsehkonsums auf Netflix – da gibt es also noch einiges zu holen. Die Konkurrenz sieht das Portal weniger in den für dieses Jahr angekündigten Streamingdiensten von Apple und Disney, sondern in Youtube und «Fortnite».

Den ersten Schritt in Hollywoods Memberclub hat Netflix übrigens schon getan. Jüngst wurde der Dienst in die Vereinigung Motion Picture Association of America aufgenommen. Die Zusammensetzung des Interessenverbands der US-Filmstudios war seit 1922 praktisch unverändert geblieben.

«Roma»: Auf Netflix und weiterhin in Kinos in Zürich, Basel und Luzern.

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