In den grössten Sexszenen des Kinos steckt Gewalt

Roman Polanski, Woody Allen, Bernardo Bertolucci – immer mehr Grossmeister des Kinos geraten unter Missbrauchverdacht. Müssen wir die Filmgeschichte neu schreiben?

Erschütternde Liebesbeziehung: Maria Schneider und Marlon Brando in «Der letzte Tango in Paris». Bild: Youtube.

Erschütternde Liebesbeziehung: Maria Schneider und Marlon Brando in «Der letzte Tango in Paris». Bild: Youtube.

Ein Mann, eine Frau, eine leere Wohnung. Er geht auf die fünfzig zu und ist ausgebrannt vom Leben. Sie ist von den Dämonen fasziniert, die in ihm toben, also kommt sie immer wieder, obwohl sie weiss, dass er ihr nicht guttut. «Nimm die Butter aus dem Kühlschrank mit», sagt er, als sie wieder einmal zu ihm kommt, sie knallt sie ihm vor die Füsse und sagt, es mache sie verrückt, wie sicher er sich ihrer sei.

Keine Minute später dreht er sie auf den Bauch, zieht ihr die Jeans herunter, schmiert ihr die Butter aus dem Kühlschrank zwischen die Beine und vergewaltigt sie anal, und während er es tut, verlangt er von ihr, ihm nachzusprechen. «Sag: Heilige Familie. Kirche der guten Bürger. Die Kinder werden gefoltert, bis sie das erste Mal lügen», und so weiter, es dauert nicht sehr und doch unendlich lange.

Als 1972 Bernardo Bertoluccis «Der letzte Tango in Paris» in die Kinos kam, tobten weltweit die Kulturschützer, die Feuilletonisten dagegen waren begeistert von der verstörenden Intensität von Marlon Brando und Maria Schneider, bis heute gilt der Film als Meisterwerk, das furchtlos in die Abgründe der menschlichen Seele blickt. Pauline Kael, die damals wichtigste Kritikerin der Welt, schrieb, der «Letzte Tango» sei ein Film, «über den die Menschen sprechen werden, solange es Filme gibt», der «stärkste erotische Film, der je gedreht wurde, möglicherweise der befreiendste Film, der je gedreht wurde».

Was, wenn Barbarei gleichzeitig Kultur ist?

Mittlerweile sieht man das anders – und vor allem in der ikonischsten Szene des Films, der «Butter-Szene», wie sie bei Kennern heisst, das Dokument einer Gewalttat. Das liegt an Bertolucci selbst. 2013 hat er in der Pariser Cinémathèque Française, bei einem dieser Werkstattgespräche vor Publikum, in denen Legenden der Filmgeschichte die besten Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten geben, erzählt, wie es zur Butter-Szene kam. Er hatte mit Marlon Brando gefrühstückt, berichtete er, «da war eine Baguette, da war Butter, und ohne dass wir etwas sagen mussten, war uns klar, was wir wollten». Maria Schneider sollte nichts davon wissen: «Wir hatten beschlossen, nichts zu Maria zu sagen, um ihre eigene Reaktion zu bekommen, nicht die einer Schauspielerin, sondern die einer jungen Frau.» Der Film «Der letzte Tango in Paris» von Starregisseur Bertolucci sorgt für einen Eklat. Denn die damals 19-jährige Maria Schneider hat nicht gewusst, dass Marlon Brando ihre Sexszene abwandelte.

Das ist ihnen gelungen. Schneider weint, schreit, wehrt sich in der Szene, mit allen Anzeichen einer Frau, die gerade vergewaltigt wird, auch wenn bei den Dreharbeiten nichts anderes in sie eindrang als die willkürliche Grausamkeit der Männer, denen sie sich überlassen hatte. Wenn man weiss, wie die Szene entstanden ist, wird man sie nie wieder anders sehen können als einen scheusslichen Übergriff auf eine Neunzehnjährige, die ein Leben lang traumatisiert blieb.

«Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein», heisst es in den «Geschichtsphilosophischen Thesen» Walter Benjamins. Doch was, wenn ein Dokument der Barbarei eben gleichzeitig eines der Kultur ist?

Wie geht man damit um?

Für die Nachgeborenen scheint der Fall klar. Wir sollten aufhören, den «Letzten Tango» als Klassiker zu betrachten, hiess es in einem wütenden Text, als sich vor einigen Tagen das Video mit Bertoluccis drei Jahre alten Anekdoten über seine Art der Schauspielerführung plötzlich im Internet viral auszubreiten begann. Der Schauspieler Chris Evans twitterte, man hätte Bertolucci und Brando ins Gefängnis werfen sollen, und selbstverständlich wurde auch eine Internetpetition aufgelegt, in der gefordert wird, bei der nächsten Oscarzeremonie sexuelle Gewalt gegen Frauen zu verdammen.

Bloss Bertolucci selbst verstand die weltweite Empörung nicht. Alles ein Missverständnis, gab er in einem Statement durch, selbstverständlich habe Maria Schneider gewusst, dass sie in einer Vergewaltigungsszene mitspielen sollte, «sie hat ja das Drehbuch gelesen, in dem alles stand. Das einzige neue Element war die Idee mit der Butter.» Ausserdem machte er sich über die Leute lustig, die offensichtlich nicht verstünden, dass Sex in Filmen fast immer simuliert statt echt ist – so wie keiner wirklich stirbt, wenn John Wayne jemanden erschiesst.

Doch vermutlich wird sich die Frage, wie man mit Filmen wie dem «Letzten Tango» umgehen soll, so schnell nicht mehr legen, wenn die Aufregung erst einmal abgeklungen ist. Ein verlässliches Indiz dafür ist, dass sofort wieder an alle möglichen anderen Scheusslichkeiten der Kinogeschichte erinnert wurde. Hat nicht Tippi Hedren in ihren gerade erschienenen Memoiren ausführlich berichtet, wie Alfred Hitchcock ihr sexuell nachstellte und ihre Karriere ruinierte, nachdem ihm klar geworden war, dass er bei ihr keine Chance hatte?

Vorstellungen, Verhandlungen, Verträge

Hat das oberste Gericht in Warschau nicht gerade endgültig das Auslieferungsbegehren der amerikanischen Justiz gegen Roman Polanski abgeschmettert, dem sie vorwirft, 1977 im Haus von Jack Nicholson eine 13-Jährige vergewaltigt zu haben? Und dann ist da natürlich Woody Allen, der Mann, an dessen Ruf immer hängen bleiben wird, dass er seine Adoptivtochter Dylan missbraucht haben soll.

Wie man an den Namen der Protagonisten ablesen kann, gehören all diese Geschichten einer mittlerweile versunkenen Epoche an. In der Branche herrscht zwar immer noch Sexismus, aber der hat eher mit Diskriminierung älterer Schauspielerinnen, anspruchslosen Rollen für Frauen, schlechteren Honoraren und dergleichen mehr zu tun als mit offener sexueller Belästigung. Ein Verhalten wie das von Bertolucci oder Hitchcock wäre heutzutage kaum noch möglich, schon deswegen, weil alles, was mit der Darstellung von Sex zu tun hat, penibel geregelt wird.

Umfangreiche Verträge legen fest, worauf man sich in zähen Verhandlungen geeinigt hat, welche Praktiken gespielt und welche Körperpartien gezeigt werden, und wenn eine Schauspielerin sich mit ihrer eigenen Nacktheit nicht wohlfühlt, bekommt sie ein Körper-Double. Längst wird Sex so generalstabsmässig geplant wie Kriegsszenen, und die Vorstellung, dass es dabei unmittelbar, spontan und improvisiert zugehen soll, würde Regisseure und Produzenten vermutlich eher verstören als verlocken.

Pyramiden der Filmgeschichte

Natürlich gibt es Ausnahmen, die bezeichnenderweise vor allem im europäischen Autorenkino stattfinden, wo schwierige Künstlerpersönlichkeiten immer noch mehr zählen als vertraglich festgelegte Codes of Conduct. So ist Lars von Trier berüchtigt dafür, seine Schauspielerinnen bis zum Zusammenbruch zu quälen, wie man durch die Erzählungen Björks oder Charlotte Gainsbourgs weiss. Und Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos haben berichtet, wie sie bei den Dreharbeiten von «Blau ist eine warme Farbe» von ihrem Regisseur Abdellatif Kechiche getriezt wurden – für eine einzige Bettszene mussten die beiden zehn Tage lang drehen, bis zur völligen Erschöpfung und Verzweiflung. Auch wenn Kechiche versicherte, das alles habe nur seiner Kunst gedient, ahnte man, dass da auch andere Motive im Spiel gewesen sein könnten.

Von solchen Beispielen abgesehen, geht es auf den Sets in der Regel professionell zu – wie auch sonst in der Arbeitswelt, in der man sich ja auch schnell eine Abmahnung einhandelt, sobald man die Grenzen des Zumutbaren und Schicklichen überschreitet. Für Schauspielerinnen ist das ein Segen. Es muss eine veritable Hölle gewesen sein, heiligen Monstern wie Roman Polanski ausgesetzt zu sein, der Faye Dunaway bei den Dreharbeiten von «Chinatown» nicht einmal erlauben wollte, aufs Klo zu gehen (Dunaway soll daraufhin in einen Becher gepinkelt und Polanski damit beworfen haben, was sie allerdings bestreitet). Oder Henri-Georges Clouzot, der Brigitte Bardot zuerst betrunken machte und dann schlug, bis sie so hysterisch war, wie er es sich gewünscht hatte. Oder eben Bernardo Bertolucci und Marlon Brando.

Kann also gut sein, dass man in ein paar Jahren Filme wie den «Letzten Tango» oder Hitchcocks «Vögel» eher als Dokumentarfilme wahrnimmt statt als fiktive Geschichten: So also hat es ausgesehen, als zu den Hochzeiten des Kinos die allerbesten Regisseure die Frauen, mit denen sie arbeiteten, wie Dreck behandelten. Andererseits: Zu den Pyramiden pilgern wir auch noch, ohne derer zu gedenken, die sie errichtet haben. Die Werke bleiben: Das ist das Barbarische an der Kultur.

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