Ein störrisches Maultier

Clint Eastwood trumpft als alter Drogenkurier in «The Mule» noch einmal gross auf.

Unfassbar viel Zaster. Earl Stone, gespielt von Clint Eastwood, kann es kaum fassen, wie schön reich ihn die Drecksarbeit macht.

Unfassbar viel Zaster. Earl Stone, gespielt von Clint Eastwood, kann es kaum fassen, wie schön reich ihn die Drecksarbeit macht.

Markus Wüest

Ein alter, passionierter Lilienzüchter in seinem Garten. Gebeugt, zerknittert, vertrocknet, hart. Nächste Szene: Derselbe Mann herausgeputzt an einer Tagung der Lilienzüchter: Alt, gebeugt, vertrocknet, aber herausgeputzt. Sympathien und Neid nimmt er gleichermassen gelassen zur Kenntnis.

Der alte, gross gewachsene Mann aus Peoria, Illinois, wird von Clint Eastwood gespielt. Wir sehen diesen Earl Stone, den er darstellt, ein paar Jahre später wieder: Sein Haus wurde ihm weggenommen, weil er die Hypothek nicht mehr bezahlen konnte.

Mit seiner spärlichen Habe auf der Ladefläche seines Pick-ups fährt er an der Strasse vor, an der seine Enkelin wohnt und zur Gartenparty geladen hat. Sie begrüsst ihn herzlich. Als Earl Stones Exfrau und seine Tochter auftauchen, fällt die Stimmung in den Keller.

Er verzieht sich, geht zurück zu seinem Pick-up. Da kommt ein junger Mann, einer der Partygäste, Typ Latino, und macht ihm ein Angebot. Offensichtlich fahre er ja gerne Auto – man sieht das an den Stickern auf der Rückscheibe, die aus den verschiedensten Staaten der USA stammen. Er habe einen Vorschlag.

So wird Earl Stone zum Drogenkurier für ein mexikanisches Kartell. Rund ein Dutzend Mal wird er von El Paso in Texas nach Illinois fahren. Immer mehr «Stoff» vertrauen ihm die Gangster an, immer wichtiger wird Earl als Kurier, als «Mule», als Muli.

Von der Familie entfremdet

Clint Eastwood wird im März 89 Jahre alt. Im Film «The Mule», mit ihm in der Hauptrolle und unter seiner Regie inszeniert, trumpft er noch einmal gross auf. Er spielt den einsamen, sturen Schweiger, der genauso gut in einem Western auftauchen könnte, zerknittert, vertrocknet, hart. Von seiner Familie weitgehend entfremdet, verarmt, ergreift er die Gelegenheit, noch einmal viel Geld zu machen, als sie sich ihm bietet.

Die Mexikaner nennen ihn bald «el tata», den Alten. Anfangs machen sie Sprüche über ihn, amüsieren sich, wenn sie sehen, wie ungeschickt er mit dem Handy ist. Doch welcher Polizist, welcher Agent der Drogenbehörde DEA würde hinter dem 90-Jährigen einen Drogentransporteur vermuten? Keiner. Das kommt ihm zugute. Und als Kriegsveteran – Korea! – weiss er auch mit schwierigen Momenten, mit Gewalt, mit Drohungen und mit akuter Lebensgefahr umzugehen.

Bradley Cooper als DEA-Agent Clint Bates ist der Gegenspieler des Alten. Von Chicago aus versuchen er und sein Partner, gespielt von Michael Pena, dem Kartell auf die Schliche zu kommen und diese «Mulis» auffliegen zu lassen.

Es gibt einmal eine kurze Begegnung in einem Diner zwischen Earl Stone und Clint Bates, die an das Zusammentreffen der zwei Gegenspieler in «Heat» von Michael Mann erinnert. Nur dass Bates nicht bewusst ist, wer der alte Mann ist, mit dem er sich unterhält …

Die Tochter spielt die Tochter

«The Mule» ist toll gespielt. Von Bradley Cooper kann man derzeit fast nicht genug kriegen. Dianne Wiest als todkranke Exfrau von Earl Stone ist überzeugend. Alison Eastwood, die Tochter von Clint, spielt im Film die Tochter von Earl. Verfeindet, vom Vater enttäuscht, eiskalt, wortlos.

Man versteht, warum sich Earl Stone auf diesen gefährlichen Deal einlässt. Man fiebert mit ihm mit, wenn er in Bedrängnis gerät. Man bewundert seine selbstlose Art, wenn er einen Grossteil des schmutzigen Geldes für wohltätige Zwecke verwendet. Man staunt, dass er sich als 90-Jähriger noch mit zwei jungen Frauen vergnügt, die ihm der Boss des Kartells (Andy Garcia) für eine Nacht zuhält.

Was «The Mule» ausblendet, ist die moralische Komponente. Dieser alte Mann liefert kiloweise Stoff für Süchtige, wird zum wichtigen Zahnrad in einer fein abgestimmten, hochkriminellen Organisation, aber er setzt sich nie mit seiner Schuld auseinander.

Stoisch fährt er mit seinem Pick-up vom Süden in den Norden der USA, durch wunderbare Landschaften, hört uralte Klassiker am Autoradio, singt mit, bringt die Mexikaner, die ihn beschatten, zuerst zur Weissglut und schliesslich zum Mitsingen. Das ist eine Spur zu idyllisch. Zu naiv. Hier liegen die Schwächen von «The Mule».

Basler Zeitung

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