Der Nerver ist zurück

Satiriker Andreas Thiel führte in Zürich sein neues Programm auf, das erste nach der Korankontroverse. Das Highlight des Abends? Seine Mutter.

Andreas Thiel will der Satire auf der Bühne alle Freiheiten lassen. Foto: Christian Lanz

Andreas Thiel will der Satire auf der Bühne alle Freiheiten lassen. Foto: Christian Lanz

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Zwei knappe Sätze, und die Richtung des Abends scheint klar. Satz eins, gleich nach dem Hallo: «Sind Terroristen im Raum?» Mancher schluckt da wohl zum ersten Mal leer. Satz zwei: «Wenn keiner lacht, kümmert das einen Satiriker nicht.» Das ist hier im Theater am Hechtplatz also zu erwarten: eine knallharte Unterweisung in Satire ohne Anrecht auf Pointen und ohne Aussicht auf Lacher. Andreas Thiel lehnt sich ans Tischchen – der Kamm neuerdings regenbogenfarbig, in der Hand das Champagnerglas – und macht grinsend klar, dass er die Morddrohungen humoristisch zu verwenden gedenkt. Satire im Modus Attacke, no pasaran. Vermutlich hat die Polizei auch an diesem Abend wieder ihre Vorkehrungen getroffen, so wie immer in den letzten Monaten bei Thiels Vorstellungen.

«Wenn nun tatsächlich einer kommt und mich erschiesst, dann bin ich halt tot», sagt Thiel ein paar Tage vor der Aufführung seines neuen Programms «Der Humor». Vor einem Jahr hat Thiel in der «Weltwoche» eine todernste, pauschale Abrechnung mit dem Koran veröffentlicht. Das Buch der Muslime sei ein Buch der Gewalt. Thiel wiederholte sich kurz darauf in einem viel beachteten Wortgefecht mit TV-Talkmaster Roger Schawinski. Islamisten begannen, Thiel zu bedrohen. Nach der Kontroverse war der 44-Jährige für einige Wochen in Indien verschwunden, mittlerweile wohnt er mit seiner Familie in der Innerschweiz. «Klar, ich würde das alles nochmals schreiben», sagt Thiel.

Verbale Gewalt geht immer

Was treibt diesen Thiel an? Die Koran-Kontroverse hat den Berner in seinem Selbstbild als radikalen Aussenseiter bestätigt. Lange sah er sich als einzigen nicht linken, politisch inkorrekten Satiriker des Landes, nun sieht er sich ausserdem als einzigen satirischen Islamkritiker. Mit dem neuen Programm veröffentlicht Thiel auch eine kleine theoretische Abhandlung namens «Humor. Das Lächeln des Henkers». Die Quintessenz des Büchleins ist leicht verständlich: Ja, der alte Tucholsky hatte recht, Satire darf alles. Verbale Gewalt geht immer, körperliche nie. Thiel schreibt: «Würde mir eine Pointe einfallen, über die sich ein Zuschauer totlachen müsste – ich würde sie sofort aus meinem Repertoire streichen.» Thiel wiederholt den Satz auf der Bühne, so wie viele andere aus dem Buch; wer seinen Auftritt gesehen hat, dürfte die Lektüre folglich ein wenig enttäuschen.

Für Thiel ist klar, dass in einer Zeit, in der Islamisten in Europa Hetzjagd auf Zeichner und Schreiber machen und Redaktionen stürmen, die Satiriker zurückschiessen müssen – mit ihren eigenen, grafischen und sprachlichen Mitteln. Thiel schreibt und repetiert beim Auftritt: «Wenn der Terrorist nicht trifft, dann kann sein Opfer lachen. Aber wenn der Satiriker danebenschiesst, gibt es nichts zu lachen.»

Auf der Bühne will Thiel der Satire alle Freiheiten lassen. Ob er das aus provokativem Kalkül heraus tut, aus liberalem Idealismus oder aus pubertärem Verlangen, die politisch Korrekten zu nerven, ist letztlich nebensächlich. Wer im ersten Facebook-Eintrag «Je suis Charlie!» schreibt und im nächsten Thiel zum Teufel wünscht, sollte besser nochmals kurz in sich gehen.

Allerdings hat diese humoristische Verhärtung, dieser Zwang zur Islam-Satire, unlustige Folgen. Denn Andreas Thiel muss jetzt Islamwitze reissen. Er muss das aus staatspolitischer Räson heraus tun, quasi aus diskursiver Verpflichtung. Alles andere käme einer Kapitulation gleich. Wer macht es sonst? Walter Andreas Müller jedenfalls nicht. Also stellt sich Thiel auf die Bühne und macht seine Scherze über Mohammed. Bezeichnend, dass auf einen solchen Witz ein bestimmtes «Bravo!» im Saal zu hören ist; gelungene Humoreinlagen werden ja für gewöhnlich eher nicht mit Bravorufen quittiert. Thiels Sprüche über Mohammed und den Muezzin sind die drögesten des Abends. Wie eine Eisenkugel beschwert die forcierte Islamisierung sein Programm, dazu kommt der Klumpfuss des Linken-Bashings, der Thiels Satire seit längerem schon behindert.

So notorisch wie erwartbar ist die Häme, mit der Thiel über Grüne und Sozialdemokraten herzieht. Auch im neuen Programm kriegen diese ihr Fett weg, von François Hollande über Alexander Tschäppät bis zu Daniel Jositsch. So macht es Thiel seinen Kritikern leicht, die ihn allzu gern als Narren der Rechten abstempeln. Mutig waren diese teils dem Stammtisch abgelauschten Sprüche («Hollande hat ja nicht mal seine Frau im Griff») nicht, zumal ihm am Hechtplatz ja auch einige konservative Prominenz zuklatschte. «Es wird nur von unten nach oben geschossen», schreibt Thiel in «Das Lächeln des Henkers». «Nach links oben» wäre eine genauere Zielangabe gewesen. Darauf angesprochen, verteidigt er sich: «Die meisten Kabarettisten sind auf die Linken angewiesen, weil sich diese für ihre Subventionen einsetzen. Folglich witzeln sie lieber über die SVP. Ich finde das langweilig.»

Schwindelfreier Komiker

Das Programm hat durchaus seine lichten Momente. Das liegt an Thiels sprachlicher Raffinesse, die in sinnigen Bildern aufblitzt: «Die Humorlosigkeit sitzt im Vorzimmer der Gewalt. Sie ist die Schwester der Intoleranz und die Tante des Rassismus.» Und wenn er die Tabus nicht demonstrativ ausschlachtet, sondern sie streift und umfliegt, dann wird nachvollziehbar, was Thiel meint, wenn er den Satiriker als «schwindelfreien Komiker» bezeichnet. Diese Qualität zeigt sich etwa in einer radebrechenden Umsiedlungsübung (Palästina in den Vatikan, dann den Vatikan nach Südamerika) oder wenn Thiel seine Ablehnung von Tierversuchen mit kräftigen Beispielen und zugleich politisch korrekt begründen will («Mir ist bewusst, dass in den USA freiwillige Tierversuche an Menschen verübt werden, wobei es mir natürlich fernliegt, Kleinkriminelle mit Hunden zu vergleichen . . .»).

Und nicht zuletzt erfreulich: der fiktive Auftritt von Thiels Mutter, gespielt von Thiel selber. Sie holt ihren Sohn vom Sockel des satirischen Priestertums, liest ihm die Leviten («Ja Mama, ich weiss, was der Holocaust war!»). Endlich, endlich, ein wenig Selbstironie! Leider ist der Auftritt der Mama viel zu kurz, ein grösserer Part wäre wünschenswert, dann würde sich der Besuch viel eher lohnen. Dass sie den Thiel korrekte Manieren lehren könnte, wäre ja wirklich nicht zu befürchten.

Theater am Hechtplatz. Bis 20. 12.

A. Thiel: Das Lächeln des Henkers. Werd und Weber, Thun 2015. 172 S., ca. 40 Fr.

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