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Der ZFF-Wettbewerb ist gut im Holz

Tag 5: «Leave No Trace» aus den USA und der Schweizer Experimentalfilm «Walden» steigen ins Dickicht.

Festivalbesucher mit ein bisschen Übung sind sich gewohnt, dass man im Kino sitzen kann, wo man will. In den Vorstellungen am Zurich Film Festival hingegen krümmt sich, grad bevor das Licht ausgeht, garantiert noch ein Paar über den Sessel, auf dem man schon hockt, und sagt: «Sii, mir händ da reserviert.» Das ZFF könnte hier mit einer Umerziehungsmassnahme vorangehen und die Leute fürs Gemeinschaftserlebnis Festival sensibilisieren, indem es ihnen die Einzelplatzkarte wegnimmt. Schluss mit den Reservationen!

Nicht, dass die Stimmung schlecht wäre: Der internationale Spielfilmwettbewerb, dieses Jahr mit 14 Titeln, wird rege besucht. Die Auswahl zeigt einmal mehr, dass man beim ZFF ein ungezwungenes Verhältnis zum Erzählkino hat. Einen Hang zum Bekömmlichen, wo man es kriegen kann. Manchmal eine Schwäche fürs Aufdringliche. Aber allgemein ein sympathisches Vertrauen in den dramatischen Schwung und die unmittelbare Energie des Kinos. Wenn es da mal schwierig wird, liegt es daran, dass die Filme von schwierigen Dingen erzählen.

«Shéhérazade» aus Frankreich beispielsweise handelt von Strassenprostitution und Jugendkriminalität in Marseille. Keine lustigen Themen, aber so druckvoll aus dem Leben heraus erzählt, dass sich alle gleich auf dieses Drama einigen konnten. Vor der Vorstellung im Kino Riffraff charmierte Regisseur Jean-Bernard Marlin mit cooler Lederjacke, was vielleicht auch dazu beitrug, dass niemand die Frage stellte, ob es nicht doch sehr fragwürdig ist, wenn so ein Lehrer an der Pariser Schauspielschule in Marseille vor den Toren der Jugendgefängnisse wartet, um ein paar authentische Gesichter zu casten.

Tief im Dickicht

Sanfter ist der Ton in «Leave No Trace» der US-Regisseurin Debra Granik («Winter's Bone»). Gedreht hat sie im Eagle Fern Park bei Portland, Oregon; Will und seine 14-jährige Tochter Tom haben ihr Lager im Nationalpark aufgeschlagen. Nicht fürs gut eingepackte Transa-Wochenende, sondern als Entwurf eines autonomen Lebens fern des Gesellschaftslärms. Das Feuer entfacht der Vater mit dem Messer am Zündstein, die Flucht vor den Behörden üben die beiden, indem sie sich unter Farne ducken. Der Polizeispürhund findet sie trotzdem. Freundliche Sozialarbeiter legen Will und Tom nun Fragebogen vor.

Rundumwald: Der Trailer zu «Walden». Video: Vimeo.

Eine Geschichte vom Paradox, dass sich zwei an die Regeln halten müssen, um aus dem System zu verschwinden. «Leave No Trace» porträtiert aber auch die Region des pazifischen Nordwestens, wo hilfsbereite Menschen mit wenig Mitteln durchkommen. Sie spannen soziale Netze, wo der Staat nur aufräumen will oder längst ausgeblendet hat: Will ist Kriegsveteran und leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, wofür ihm das Amt der Veteran Affairs zumindest Medikamente ausgibt, aber mehr tut es nicht. Das erzählt Granik beiläufig, als leises Drama einer Ablösung der Tochter vom Vater. Und das Naturgrün in allen kalt digital aufgezeichneten Einzelheiten! Es wirkt fast unwirklich.

Tief ins Dickicht geht auch «Walden» des Schweizers Daniel Zimmermann (deutschsprachiger Wettbewerb). 13 Einstellungen, alle 360-Grad-Schwenks, die den Weg einer Tanne aus dem österreichischen Nutzwald über die holzverarbeitende Industrie und das Containerschiff nach Brasilien zeichnen, wo die Eingeborenen dann Bauholzlatten durch den Regenwald tragen.

Logistik für die Kunst

Experimentalkino mit Panoramafunktion, das die Widersprüche der Globalisierung in geduldige Wimmelbilder einpasst (der Titel nach Thoreau lässt sich da nur ironisch verstehen). Dass die Holzlatten extra für den Film verschifft wurden, ist eine Absur­dität für sich. Aber anderseits ist das ja Logistik für die Kunst. Sie dient der formalen Konsequenz und der Schönheit der Konstruktion – etwas, was auch in «Leave No Trace» zu bestaunen war: Es begann im Wald, es endete im Wald, und zuerst und am Schluss war ein Summen.

Weitere Vorführungen siehe zff.com. «Leave No Trace»: ab 11. 10. in den Kinos. Von «Walden» strahlt SRF am 14. 10. eine kürzere Version in der «Sternstunde» aus.

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