Der Mann, der mit den Leichen wohnte

An der Berlinale zeigte Fatih Akin «Den goldenen Handschuh» über den Serienmörder Fritz Honka.

Jonas Dassler spielt im Film «Der goldene Handschuh» den Massenmörder Fritz Honka. Foto: PD

Jonas Dassler spielt im Film «Der goldene Handschuh» den Massenmörder Fritz Honka. Foto: PD

Pascal Blum@pascabl

Kurz bevor die Berlinale begann, verschickte die Pressestelle noch rasch eine PDF-Datei. Es war eine 50-seitige Auswertung der Geschlechterverteilung am Festival. 7 von 17 Filmen im Wettbewerb stammen dieses Jahr von Frauen, gut 40 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das ziemlich beachtlich. Ausserdem sind Festivalleitung und Auswahlgremien zu fast zwei Dritteln weiblich besetzt.

Ob das der Grund ist, weshalb uns auf dem Potsdamer Platz das Porträt der Schauspielerin Heike Makatsch begrüsst, das ein Sponsor auf ein Plakat gedruckt hat? Unter ihrem Gesicht steht: «Vertraut auf euch selbst und steht für eure Ideen ein.» So klingt Empowerment im Jahr der Frauen eben auch: wie Werbung für einen Kosmetikhersteller.

Die Berlinale-Besucher, die schon frühmorgens in den Shopping-Arkaden Schlange stehen, auf dass endlich jemand die Kassenbaracke aufschliesse, haben jedenfalls erst einmal wüste Gewalt gegen Frauen erlebt, falls sie Tickets für «Den goldenen Handschuh» des Deutsch-Türken Fatih Akin bekommen haben. 2004 gewann er mit «Gegen die Wand» den Goldenen Bären, dieses Jahr nahm er sich Heinz Strunks Bestseller über den Serienmörder Fritz Honka vor, der ab 1970 in seiner Dachwohnung in Hamburg mehrere Prostituierte ermordet und zersägt hatte. Die Leichenteile versteckte er in den Verschlägen seiner Wohnung.

Mit roher Brutalität

Seine Opfer lernte der schwer alkoholkranke Honka in St. Pauli in seiner Stammkneipe Zum Goldenen Handschuh kennen, wo er sie auf ein Glas Korn einlud. Das Filmteam hätte am liebsten in der echten Kiezkneipe gedreht – ging aber nicht, weil die ausser an Heiligabend nie geschlossen hat. Also baute es abgewetzte Tische in aller Detailtreue nach und rekonstruierte die Zimmer von Fritz Honka, wo die Wände mit Pin-ups vollgeklebt waren. Der Gestank in der Wohnung muss infernalisch gewesen sein – trotz der Wunderbäume, die Honka überall hinstellte.

Fatih Akin schneidet viel rabiaten Witz aus dem Buch weg, bleibt aber konsequent. Es ist ein deutscher Horrorfilm, der ein Gefühl für ein Biotop von schlaffen Säufern vermittelt, in denen der Alkohol die Aggression weckt und der auch zur Diagnose eines andauernden Gewaltpotenzials nach dem Krieg taugt. Honka war ein Frauenhasser, der daheim am liebsten den Schlager «Eine Träne geht auf Reisen» auflegte. Es hat etwas Gnadenloses, wie Akin das als Protokoll der Verzweiflung und der rohen Brutalität inszeniert, ohne dass je eine schlierige Rückblende die Taten Honkas durch ein Kindheitstrauma erklären würde. Gleichzeitig kippt die Grausamkeit ins Absurde und stecken im Detailreichtum Herz und Wärme, was alles noch viel elender macht. Bei den Griechen, die unter Fritz Honka wohnen, tropfen irgendwann Maden von der Decke.

Nicht besonders reflektiert

Akin war also gut in Form, aber es kam noch endzeitlicher. In «Light of My Life» von und mit Casey Affleck in der Panorama-Sektion wurde der weibliche Teil der Weltbevölkerung ganz von einer Seuche dahingerafft. Ein paar Exemplare haben überlebt, die werden allerdings von den Männern gefangen gehalten. Affleck spielt einen Vater, der seine Tochter als Knabe ausgibt, um sie vor den Gefahren zu schützen, und ihr im Zeltlager im Wald Geschichten erzählt.

Casey Affleck ist ein sensibler Schauspieler, und seine zweite Regiearbeit entpuppte sich als karges und intimes Drama, gedreht im Schnee von British Columbia. Er hat es zu schreiben begonnen, als er nach seiner Scheidung zeitweilig alleinerziehender Vater von zwei Söhnen war. In so einer Situation fühlt man sich natürlich ein bisschen so, als seien alle Frauen verschwunden. «Light of My Life» ist deshalb eigentlich ein Erziehungsfilm, in dem es um die tägliche Apokalypse geht, die sich Eltern ausmalen, wenn sie sich um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen. Furchtbare Vorstellungen von Entführung und Gewalt, verpackt in ein Seuchenausbruch-Szenario aus dem Independent-Kino.

Beim Q&A war die Frage trotzdem erlaubt: Wie wäre der Film herausgekommen, wenn alle Männer gestorben wären und eine Frau die Hauptrolle übernommen hätte? «Es wäre wahrscheinlich besser gewesen», antwortete Affleck, der mit Stiefeln und Dreifachschichten noch immer halb im Outdoor-Look steckte. «Allerdings hätte ich dann selber nicht im Film mitspielen können.» Das hatte durchaus seine Logik, besonders reflektiert wirkte es aber nicht, wo Hollywood doch neu um mehr Gleichberechtigung besorgt ist. Nicht einmal eine Kamerafrau hat Affleck gefunden, und seine Produzenten waren sowieso alle männlich.

Die Walliser Feministin

Dass die Erlösung ausgerechnet aus der Schweiz kommen würde, hätte man sich nicht im Traum vorgestellt. Aber da war auf einmal die Filmemacherin Carole Roussopoulos aus dem Wallis (1945–2009), die mit der französischen Schauspielerin Delphine Seyrig (1932–1990) zu den feministischen Videoaktivistinnen der ersten Stunde zählte. Im Archivfilm «Delphine et Carole, insoumuses» (Forum) vertreten sie die unerhörte Idee, dass Frauen für sich selbst sprechen könnten, und wehren sich gegen die falschen Bilder des Weiblichen. Sie filmten ihre Aktionen in genau jenen Jahren, als Fritz Honka seine Metzgereien veranstaltete. Verbreitete ein Talkshow-Gast mal wieder einen patriarchalen Quatsch, schnitten sie entnervte Gesichter zwischen die Aufnahmen – womit auch geklärt ist, wer die Internet-Memes erfunden hat. Es waren zwei Frauen, deren Namen bis heute viel zu wenigen etwas sagen.

«Der goldene Handschuh»: Ab 21. 2. in den Kinos.

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