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Dem US-Kino etwas Eigenes entgegensetzen

Denis Rabaglia, Regisseur der Liebeskomödie «Marcello, Marcello», über unterschiedliche Wahrnehmungen der Kritiker und die Kunst der ernsthaften Komödie.

Regisseur Denis Rabaglia wäre zufrieden, wenn er so lustig wie sein neuer Film «Marcello, Marcello» sein könnte.
Regisseur Denis Rabaglia wäre zufrieden, wenn er so lustig wie sein neuer Film «Marcello, Marcello» sein könnte.
THOMAS BURLA

Man spürt seine Betroffenheit. Während die Sätze auf Französisch, Englisch, manchmal auch Italienisch oder sogar Deutsch aus ihm heraussprudeln, scheint der Westschweizer Regisseur Denis Raba­glia immer nur eines sagen zu wollen: «Mein Film ist nicht nur Kitsch und Kla­mauk, sondern auch eine kritische Be­schreibung der Zustände im Italien unse­rer Tage.» Das allerdings hätten fast nur die italienischen Filmkritiker erkannt, alle anderen – und allen voran die Deutsch­schweizer – hoben zuerst die Romanze und die zuckersüsse Bildsprache von «Marcello, Marcello» hervor.

Melancholie des italienischen Alltags

Diese einseitige Sicht auf seine Komö­die stört den Regisseur: «Je nachdem, worauf die Kritiken ihren Schwerpunkt legen, darauf achten dann die Leute im Kino.» Im deutschen Sprachraum werde also – mit grossem Wohlwollen zwar – zuerst der Kitsch wahrgenommen, wäh­rend man südlich der Alpen den Fokus auf die Allegorie auf das Land unter Ber­lusconi lege: «Marcello, Marcello» trans­portiere bei aller Komik auch die Melan­cholie und die Verlogenheit des italieni­schen Alltags, betont Rabaglia noch ein­mal: «Nach aussen hin sind alle freund­lich und zufrieden, doch unter der la­ckierten Oberfläche fühlt man sich mise­rabel und als Gefangene eines Systems, in dem die Korruption alles beherrscht.» Als Deckmäntelchen dienten vielerorts auch überkommene «soziale Arrangements» wie jenes erfundene Ritual, von dem der Film erzählt.

Vordergründig ist «Marcello, Marcello» eine sehr liebenswürdige und tatsächlich kitschig über­zeichnete Liebesge­schichte: Einem alten Brauch zufolge muss der kluge, aber natürlich arme Fischersohn Marcello, be­vor er die schöne Tochter des Bürgermeisters aus­führen darf, deren Vater mit einem Ge­schenk von seiner Aufrichtigkeit überzeu­gen. Um dieses Geschenk – einen eitlen Go­ckel – zu erhalten, begibt sich Marcello auf einen Parcours durch die Häuser und vor al­lem durch die Schicksale des ganzen Dorfes. Die märchenhafte Handlung basiert auf ei­nem Roman des Engländers Mark David Hatwood, die Rabaglia ins Italien der 50er­Jahre transferiert hat.

«Ich brauche die Distanz, sowohl die zeitliche als auch die kulturelle», meint Ra­baglia, der als Enkel italienischer Einwan­derer in der Romandie aufgewachsen ist. Schliesslich sei er kein Dokumentarist, sondern ein Komödienspezialist, dem es in erster Linie da­rum gehe, Geschichten mit Herzlichkeit und Hu­mor zu erzählen.

Bereits seine ersten Filme, «Grossesse ner­veuse », um eine Schein­schwangerschaft, und «Pas de panique», die Ge­schichte eines von Ängsten geplagten Jungunternehmers, behandelten ernst­hafte Themen mit viel Witz. Und auch «Azzurro», seine mit dem Schweizer Film­preis ausgezeichnete Tragikomödie um einen ehemaligen Gastarbeiter, der hofft, in der Schweiz Heilung für seine blinde Enkelin zu finden, scheut trotz aller Me­lancholie das Lachen nicht. Umso ernster nimmt Rabaglia sein Metier: «Komödien sind eine anspruchsvolle Sache, weil sie direkt über das Gefühl funktionieren müs­sen. Wenn beim Publikum das Hirn ein­setzt, wenn sich die Leute also überlegen müssen, wieso etwas komisch ist, dann lacht bestimmt keiner mehr.»

Mit Leichtfüssigkeit gegen Klischees

Rabaglia will die Menschen im Herzen treffen. Und der US-Unterhaltungsindus­trie etwas Eigenes entgegensetzen. «Wol­len Sie, dass Ihre Kinder Humor nur noch mit dem gleichsetzen, was in Amerika pro­duziert wird?», fragt er entsetzt. Am Schlimmsten findet er das Argument «Ich schaue ja gern europäische Filme, aber heute bin ich zu müde, da gehe ich lieber in eine Hollywood-Komödie». Dem Vorur­teil, dass das europäische Filmschaffen nur anstrengende Werke hervorbringe, will er mit seinen leichtfüssigen Komödien, die übrigens allesamt auch bei der Kritik gut ankamen, den Kampf ansagen. «Da ist es mir auch egal, wenn die Leute finden, ich sei intelligenter als meine Filme. Ich wäre ja schon zufrieden, wenn ich wenigstens so lustig wie meine Filme sein könnte.»

So gesehen entspricht Denis Rabaglia sehr genau der Vorstellung, die man sich von einem Clown macht: Trotz seinem herzlichen Humor ist er im Grunde ein sehr ernsthafter Mensch, der sich und sein Werk immer wieder hinterfragt. So geht er auch häufig ins Kino, wenn seine eigenen Filme laufen, um zu sehen, wie seine Ko­mik bei den Zuschauern ankommt. «Mich fasziniert es zu sehen, wie man den Men­schen eine Illusion als Wahrheit verkaufen kann.» Als Kind wollte er auch Zauberer werden. «Aber dafür war ich zu unge­schickt. » Heute gehört er zu den erfolg­reichsten Filmemachern des Landes. Und auch wenn er nicht nur gefällig sein will: Dem Publikum gefällts.

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