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Cineastisches Kammerspiel mit Starbesetzung

Regielegende Roman Polanski meldet sich mit «Carnage» zurück. Kate Winslet, Christoph Waltz, Jodie Foster und John C. Reilly gehen sich in dem Film gehörig auf die Nerven.

Eskalation unausweichlich: Kate Winslet, Christoph Waltz, Jodie Foster und John C. Reilly in «Carnage».
Eskalation unausweichlich: Kate Winslet, Christoph Waltz, Jodie Foster und John C. Reilly in «Carnage».

Eine blutige Rauferei unter zwei Schülern ist der Startschuss einer handfesten Auseinandersetzung unter Erwachsenen. Dabei haben die Eltern des Opfers die Eltern des Angreifers nur deshalb zu sich zitiert, um die Angelegenheit zivilisiert aus der Welt zu schaffen. So eine kleine Schlägerei unter Jugendlichen kommt schliesslich in den besten Familien vor. Doch das klärende Gespräch gerät schnell aus den Fugen.

Mit einem psychologischen Kammerspiel meldet sich Regielegende Roman Polanski («Der Pianist») im Kino zurück. «Carnage» spielt nahezu ausschliesslich in einem einzigen Wohnzimmer. Dort soll die Schlägerei der Kinder sachlich besprochen werden. Doch die Stimmung ist gereizt. Die freundlichen Floskeln, die beide Seiten austauschen, wirken aufgesetzt. Jede noch so harmlose Geste erscheint fremd und falsch. Die Verlogenheit des Gesprächs ist von Beginn an spürbar, eine Eskalation unausweichlich.

Drei Oscarpreisträger an einem Wohnzimmertisch

Die vier Hauptrollen besetzte Polanski, der in einer kurzen Szene als neugieriger Nachbar durch einen Türspalt linst, ausschliesslich mit Hochkarätern. Jodie Foster («Das Schweigen der Lämmer») und John C. Reilly («Chicago») schlüpfen in die Rolle der Gastgeber. Kate Winslet («Der Vorleser») und Christoph Waltz («Inglourious Basterds») übernehmen den Part der Gegenseite. Damit sitzen, streiten und debattieren drei Oscarpreisträger gemeinsam mit dem oscarnominierten C. Reilly an einem Wohnzimmertisch. Wobei vor allem Waltz seine schauspielerische Klasse abermals unter Beweis stellt.

Der Schlichtungsversuch der beiden Elternpaare entwickelt sich derweil zu einem Abbild unserer Gesellschaft. Verdrängte Emotionen treten ebenso zum Vorschein wie Beziehungsprobleme und Versagensängste. Auch moderne Moralvorstellungen und die oftmals überstrapazierte politische Korrektheit nimmt sich der Film vor.

Protagonisten lassen alle Hemmungen fallen

Besonders spannend ist zu beobachten, wie sich das Streitgespräch entwickelt. Da werden gleich mehrfach neue Koalitionen gebildet und gegeneinander ausgespielt. Mal heisst es Ehepaar gegen Ehepaar, mal Männer gegen Frauen, mal alle gegen einen. Um die unbedachte Tat eines Minderjährigen geht es schliesslich längst nicht mehr. Stattdessen lassen die Erwachsenen alle emotionalen Hüllen fallen und dreschen - zumindest verbal - hemmungslos aufeinander ein.

«Carnage» ist dank eines routinierten Regisseurs und einer starken Besetzung ein hochklassiges Psychodrama. Dass der einnehmende Film, der auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Yasmina Reza basiert, nur an einem Spielort stattfindet, fällt zu keiner Zeit negativ ins Gewicht. Zumal die schlanke Filmlänge von nicht ganz 80 Minuten ein gehöriges Stück dazu beiträgt, dass der Zuschauer weder Längen noch Langeweile verspürt. Polanski ist abermals ein kleines Meisterstück gelungen.

dapd/kle

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