Bruno Ganz ist tot

Er war einer der grössten Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Der 77-Jährige erlag in Zürich einem Krebsleiden.

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Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz ist tot. Er starb im Alter von 77 Jahren in seinem Heim in Zürich, wie sein Management am Samstag mitteilte. Ganz erlag einem Krebsleiden.

Er starb in den frühen Morgenstunden im Kreise seiner engsten Familie, wie seine Agentin Patricia Baumbauer mitteilte. Bis zuletzt habe Bruno Ganz «intensiv und voller Freude an Projekten gearbeitet», sagte Baumbauer.

Ärzte hatten im Juli 2018 bei Bruno Ganz ein Karzinom im Darm entdeckt. In der Inszenierung der Mozart-Oper «Die Zauberflöte» bei den Salzburger Festspielen hätte Ganz die Rolle des Sprechers übernehmen sollen. Das war ihm nicht mehr möglich. Für ihn sprang Klaus Maria Brandauer ein.

Der Schauspieler spielte in zahlreichen Filmen und Theaterinszenierungen und erlangte im deutschsprachigen Raum unter anderem durch seine Rolle als Adolf Hitler in «Der Untergang» grosse Bekanntheit.

In der Schule erreichte Bruno Ganz den Gipfel nicht – er verliess das Gymasium auf eigene Initiative kurz vor der Matura. Auf der Theaterbühne und im Film aber gelang ihm dies mit Leichtigkeit. Seit Jahrzehnten gehörte er zu den grossen Schauspielern im deutschsprachigen Raum.

1986 spielte Ganz bei den Salzburger Festspielen die Hauptrolle in Peter Handkes Aischylos-Bearbeitung «Der gefesselte Prometheus». Dazu schrieb der Kritiker Curt Bernd Sucher in seinem Buch «Theaterzauberer»: «Ganz kam ohne falsche Innerlichkeit aus, er verliess sich nicht auf seine erprobten Mittel, sondern wagte sich weit vor: in eine neue Dimension des Sprechens.»

Pathos war ihm fremd

Bruno Ganz hat sich auf der Bühne und im Film immer weit vor und weit in die Höhe gewagt. Und ist doch mit humorvoller Sachlichkeit und selbst in beissenden Satiren – hervorragend als Hitler im Film «Der Untergang» von Oliver Hirschbiegel (2004) – immer standfest auf dem Boden geblieben. Pathos jeder Art war seine Sache nicht.

Wie Ganz Hitler spielte, löste Begeisterung aus. Der Wurf gelang ihm dank seiner Distanz zu dieser Figur, wie er der «Frankfurter Allgemeinen» sagte: «Dadurch, dass ich Schweizer bin, bin ich mit den moralischen Problemen nicht so kurzgeschlossen. Ich kann immer meinen roten Pass dazwischen schieben. Wenn ich Deutscher wäre, könnte es gut sein, dass ich das nicht würde spielen wollen.»

Auch andere überraschende Rollen übernahm Bruno Ganz. 2015 spielte er den gutmütigen Grossvater in Alain Gsponers Film «Heidi». Dazu sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur APA, er habe gar keine Wahl gehabt, die Rolle abzulehnen. «Das ist ein nationaler Mythos, ich bin Schweizer und alt genug, also muss das gemacht werden.» Er biss in den sauren Apfel – und hatte Freude dabei.

Ganz blickte 2017 zufrieden auf seine Karriere zurück: «Wenn man so eine Arbeit gefunden hat, dann ist das schon ein Geschenk», sagte er der «NZZ». «Ich habe die Zeit gut verbracht.» Er bereue seine Alkoholexzesse. Mit Anfang 60 habe er aufgehört zu trinken. «Ich bin froh, dass sich die Menschen, die mir nahestehen, nicht mehr mit dem betrunkenen Bruno Ganz quälen müssen.»

Dem Theater den Rücken gekehrt

Geboren wurde Bruno Ganz 1941 in Zürich als Sohn einer Italienerin und eines Schweizer Fabrikarbeiters. An der heutigen Zürcher Hochschule der Künste studierte er Schauspiel. Während fast 50 Jahren stand er auf Theaterbühnen und arbeitete mit Regisseuren wie Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann oder Luc Bondy zusammen. Engagements hatte er in Bremen, am Schauspielhaus Zürich, am Wiener Burgtheater oder an der Berliner Schaubühne.

1973 war Ganz «Schauspieler des Jahres», 1991 erhielt er den Hans-Reinhart-Ring der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur. 1996 vermachte ihm Josef Meinrad den Iffland-Ring, der seit über 100 Jahren an den «jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters» weitervererbt wird. Ganz hatte testamentarisch Gert Voss als seinen Nachfolger festgelegt, der starb allerdings im Juli 2014.

Seine letzte Bühnenrolle spielte Ganz 2012. Zu seinem Abgang vom Theater sagte er der «Welt»: «Keiner von diesen Bundesliga-Erste-Sahne-Regisseuren im deutschen Theater lässt Identifikation zu. Die scheuen das wie der Teufel das Weihwasser. Also habe ich da nichts mehr zu suchen.»

Zahlreiche Filmpreise

Dem Film aber blieb Bruno Ganz treu. Zuletzt spielte er in Lars von Triers «The House That Jack Built» (2018). Zu seinen wichtigsten Filmen gehören neben «Der Untergang» (2004) «Pane e tulipani» (2000) von Silvio Soldini, «Der amerikanische Freund» (1977) von Wim Wenders, «Night Train to Lisbon» (2013) von Bille August oder «Der Baader-Meinhof-Komplex» (2008) von Uli Edel.

Auch in zahlreichen Schweizer Filmen spielte Bruno Ganz mit, so in Kurt Gloors «Der Erfinder» (1980), «La Provinciale» von Claude Goretta (1980), «Dans la ville blanche» (1983) von Alain Tanner, «Vitus» (2006) von Fredi M. Murer und schliesslich in «Heidi» von Alain Gsponer.

Für seine filmischen Darstellungen erhielt Ganz den Europäischen Filmpreis (2000, 2004 und 2010), den Schweizer Filmpreis (2000), den Kunstpreis der Stadt Zürich, einen Ehrenleoparden am Festival del film in Locarno (2011), die Goldene Kamera für sein Lebenswerk (2014) und schliesslich 2016 den SwissAward – Lifetime Award für sein Lebenswerk.

red/sda/afp

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