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Beben, die Familien erschüttern

Wie verhält sich Elternliebe in der Krise? Der Japaner Hirokazu Koreeda erzählt im Spielfilm «Like Father, Like Son» von zwei Kindern, die nach der Geburt vertauscht wurden.

Dass Kinder auf Geburtsstationen verwechselt und den falschen Eltern mitgegeben werden, ist kein melodramatisches Märchen. Schon öfter wurden dazu Prozesse geführt und die menschlichen Tragödien dahinter beschrieben. Es gibt gezählte Einzelfälle und begründete Vermutungen über Dunkelziffern. Experten empfehlen bereits die routinemässige Entnahme von Blut aus der ­Nabelschnur, um das Risiko einer «neonatalen Fehlidentifikation» zu minimieren. Und gerade kürzlich ist der Fall eines ­japanischen Mannes bekannt geworden, der vor 60 Jahren vertauscht wurde und dem jetzt sein ganzes gelebtes Leben nichts mehr wert ist.

Das Thema hat also seine quantitative und psychologische Bedeutsamkeit; und diese Verankerung in der Realität ist nicht die geringste Qualität des Spielfilms «Like Father, Like Son» («Soshite chichi ni naru») des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda. Nur so nebenbei findet da die statistische Signifikanz des Kindervertauschens Erwähnung – hineingetupft in die juristische Nebenhandlung eines Dramas, das über Rechtsfragen und Statistik weit hinausgeht. Aber dieses Aufblitzen von Wirklichkeit scheint doch essenziell: ein Hintergrund von Glaubwürdigkeit, vor dem der Möglichkeitssinn eine realistische Versuchsanordnung aufstellt. Gegeben sind zwei vertauschte Buben; und gemessen werden die existenziellen Beben, die ihre Familien erschüttern.

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