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«Amerika ist mir so peinlich!»

Peter Fonda ist der ewige Töfflibub Hollywoods und am Zurich Film Festival zum ersten Mal in seinem Leben Präsident. Seine Wäsche macht er trotzdem selbst.

Präsidentsein ist cool: Peter Fonda gestern im Zunfthaus zur Saffran, noch etwas angeschlagen von der Eröffnungsparty am Zurich Film Festival.
Präsidentsein ist cool: Peter Fonda gestern im Zunfthaus zur Saffran, noch etwas angeschlagen von der Eröffnungsparty am Zurich Film Festival.

Peter Fonda: Ich trage diese dunkle Sonnenbrille, damit Sie nicht sehen, dass ich noch schlafe. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich im Schlaf spreche.

Keineswegs!Aber ich bin ja Schauspieler. Ich werde also so tun, als wäre ich wach. Sorry, dass ich keine Krawatte trage, aber ich mache meine Wäsche selbst, und Hemden bügeln ist mir zu blöd.

Werden Sie manchmal nostalgisch, wenn Sie an die rebellische Zeit von «Easy Rider» zurückdenken?Nostalgisch nicht, nein. Ich frage mich bloss, warum wir nicht mehr demonstrieren wie früher, gegen den Krieg zum Beispiel. Wir haben damals gezeigt, wie die Menschen gemeinsam politischen Druck auf Regierungen ausüben können. Inzwischen haben wir die Stimme verloren. Wir haben uns zurückgelehnt und sind eingeschlafen. Wie ein Fahrer, der am Steuer einschläft. Und wir sind so korrupt wie die Länder, die wir wegen ihrer Korruption kritisieren!

Ihre Schwester Jane war vor einem Jahr eine glühende Anhängerin von Hillary Clinton. Hat das Ihren Standpunkt beeinflusst, was die Präsidentschaftswahlen betrifft?Nun, wir waren politisch immer schon radikal. Wir haben das von unserem Vater geerbt. Wobei: Über Politik gesprochen hat er zu Hause nie. Aber er verkörperte geradezu das demokratische Ideal. In den 50er-Jahren gründete die Regierung ja das «Komitee für unamerikanische Aktivitäten», um die Kommunisten im eigenen Land zu jagen. In den Augen meines Vaters war nichts so unamerikanisch wie diese Institution. Wenn er in Hollywood Kollegen traf, die man als Kommunisten gebrandmarkt und auf die Blacklist gesetzt hatte, ging er hin, um ihnen die Hand zu schütteln. Deshalb galt er selbst bald als «Pinko», wie man kommunistische Sympathisanten damals nannte. Das ging sogar so weit, dass das Aussenministerium meinem Vater den Pass wegnahm. Stellen Sie sich vor: Henry Fonda musste seinen Pass abgeben! Ist das nicht verrückt? Amerikanischer als Henry Fonda kann man gar nicht sein! Das wollte mir schon damals nicht in den Kopf, und dabei war ich höchstens neun Jahre alt.

Unterstützen Sie Barack Obama im Wahlkampf?Absolut. Jane und ich beteiligen uns auch aktiv beim Fundraising. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, um die Leute auf die grosse Chance aufmerksam zu machen, die Obama für unser Land bedeutet. Aber es ist ein harter Kampf, das Land davon zu überzeugen, einen Afroamerikaner als Präsidenten zu wählen. Es erstaunt mich immer wieder, wie tief der Rassismus in Amerika verwurzelt ist.

Und wenn John McCain gewinnen sollte?McCain ist eine Kriegsgurgel. Dass er mit Sarah Palin als Vize antritt, beweist doch nur, wie verrückt er ist. Wir nennen sie ja nur noch Stalin. Diese Frau soll einen Herzschlag davon entfernt sein, Präsidentin zu werden? Amerika ist ja schon jetzt zur Farce geworden. Eine Bande von Verrückten hat die politischen Ideale unserer Verfassung verschachert. Das macht mich wütend. Aber ich kann nicht zur Waffe greifen, weil das gegen meine Prinzipien verstösst. Ich kann diese Leute ja nicht einfach erschiessen. Weil ich sie dann aufessen müsste.

Wie bitte?Das war ein Satz, der mir 1971 in einer Talkshow in den Sinn kam. Ich sass neben dem Rechtsanwalt, der den Mörder von Martin Luther King verteidigt hatte. Der warf uns vor, dass wir gegen den Vietnam-Krieg protestierten, aber ohne konkrete Vorschläge, wie man den Krieg beenden könnte. Ich sagte: «Wissen Sie, dass es gemäss Genfer Konvention verboten ist, im Krieg ein Bajonett mit gezackter Klinge zu benutzen? Wenn es im Krieg so konkrete Regeln gibt, dann schlage ich vor: Ein Soldat darf nur töten, wenn er sein Opfer danach aufisst.» Das Publikum tobte.

Sehr makaber.Jetzt denken Sie sich einen Soldaten, der einen Hamburger auf seinem Teller sieht. Nun müsste er sich fragen: Ist das der Vietcong, den er erschossen hat, oder sein eigener Offizier? Für viele Mütter in Amerika war es damals eine Ehre, wenn ihre Söhne für das Vaterland ihr Leben liessen. Fürs Vaterland sterben, das geht offenbar. Fürs Vaterland gegessen werden, ist widerlich. Natürlich war das eine naive Idee. Aber sie hat Amerika ziemlich aufgewühlt.

Was ist in Ihren Augen die grösste Errungenschaft der 68er in Amerika?Die Gegenkultur hat vor allem Kunst und Mode tiefgreifend verändert. Auch «Easy Rider» war ja nicht direkt ein politisches Statement. Der Film war in erster Linie eine kulturelle Befreiung, und er hat das Hollywood-Kino von Grund auf verändert. Auch der Feminismus ist ja aus der Gegenkultur entstanden. Mit dem Equal Rights Amendment ist die Chancengleichheit heute zwar in unserer Verfassung festgeschrieben, aber in der Praxis sind wir noch immer weit davon entfernt. Ist das nicht traurig? Aber unser Land wird ja auch von einem sehr dummen Mann regiert. (Lacht.) Mir ist das so peinlich!

Das Zurich Film Festival ist jungen Talenten gewidmet. Haben Sie einen Rat für junge Filmemacher?Mein Rat ist: Gib niemals auf! Manche von ihnen sind nicht so klug, einige machen unglaublich dumme Filme. Aber ich lerne immer von jüngeren Leuten. Denn wenn wir vergessen, dass wir selbst einmal jung und wütend waren, dann sind wir schon eingeschlafen. Wenn ein Regisseur älter wird, kennt man seine Tricks auswendig, aber bei Nachwuchsregisseuren gibt es immer wieder Dinge zu entdecken, die man so ganz einfach noch nie gesehen hat. Hoffentlich.

Sie lernen von den Jungen? Und umgekehrt?Beides. Ich unterrichte ja auch, zum Beispiel Schauspiel. Ich sage: Es ist harte Arbeit, wenn ihr ein Publikum zum Weinen bringen sollt. Wenn ihr das erste Zeichen von Rührung bemerkt, dann dürft ihr eine Träne fallen lassen – das Publikum wird heulen wie die Niagara-Fälle. Wenn ihr weint, bevor jemand Rührung zeigt, dann packt ihr niemanden. Ihr müsst das Publikum für euch weinen lassen, nicht umgekehrt.

Als Jurypräsident müssen Sie ja auch Urteile fällen.Ich war noch nie Präsident von irgendwas, das ist cool. Aber ich urteile über niemanden. Ich kann sagen: Du bist verrückt, aber ich verurteile dich nicht, denn dann müsste ich dich töten. Und das tue ich nicht, weil ich dich nicht essen mag. Präsident Nixon war sicher vor mir, weil ich sein krankes rechtes Bein nicht essen wollte. . .

Sie lieben es, immer wieder zu Ihren Provokationen zurück zu kehren.Oh ja, ich bin darin sehr gut. Im letzten Jahr drehte ich den Western «3:10 to Yuma». Ich war darin der älteste Schauspieler, hatte die kleinste Rolle und machte am meisten Werbung für den Film. Ich habe mich total verausgabt, habe 147 Städte besucht, um den Film zu bewerben. Am liebsten trete ich in den Morgenshows im Radio auf, die Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit eingeschaltet haben. Da sage ich dann plötzlich zur Moderatorin: «Wissen Ihre Produzenten, dass Sie nackt sind? Gott, Sie haben so schöne Brüste!» Bei einem Moderator sage ich: «Jetzt mal im Ernst, Ihr Ding ist ziemlich klein.» Oder: «Sehen Sie diesen Glasbehälter neben mir? Darin befindet sich Hitlers Hirn. Ich tausche das gegen ein paar Scheiben von Lenins Hirn, die ein Mann in Paraguay besitzt.» Da horchen die Autofahrer auf und hören gerade noch: «Ladies und Gentlemen, das war Peter Fonda, «3:10 to Yuma» läuft ab morgen in ihren Kinos!»

Lösen Sie doch bitte noch eines der Rätsel um «Easy Rider» für uns: Haben Sie an Stelle von Kokain im Film nun Backpulver oder Puderzucker benutzt?Puderzucker! Das tat verdammt weh in der Nase. Aber wie wollen Sie wissen, dass das Kokain war? Es hätte auch Heroin sein können. Wir wollten ja nur die Moralisten im Land schockieren. Helden, die Drogen konsumieren, waren natürlich sehr problematisch, und viele Leute wussten nicht, ob sie sich mit ihnen identifizieren sollten. Für alle, die sich nicht trauten, haben wir die Figur des alkoholsüchtigen Anwalts, gespielt von Jack Nicholson, eingebaut. Ein Alkoholiker war ja ein normaler Süchtiger, und Jack war so lustig, dass er die Skeptiker sofort in den Film hineinzog.

Ihr Hollywood-Kollege Sylvester Stallone wird in Zürich für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Werden Sie sich mit Stallone treffen?Ich glaube nicht. Ich bin Stallone ein einziges Mal begegnet, an einer Party in Beverly Hills. Er war gerade mit «Rocky» herausgekommen, und das war total beeindruckend: Ein Mann, dem das keiner zugetraut hätte, hatte diesen starken Film gemacht über einen absolut hartnäckigen, getriebenen Menschen. Dieses «Du musst!», das er im Film verfolgte war auch das Familien-Motto der Fondas, das war uns Befehl. Und da war dieser Kerl, der diesen Film geschrieben, gedreht, gespielt und produziert hatte. Grossartig. Ich war also mit Michael Douglas an dieser Party, ging zu Sylvester hin und sagte: «Ich muss Ihnen zu Ihrer Arbeit gratulieren. Keiner hat an Sie geglaubt, aber Sie haben es geschafft.» Er antwortete nur: «What the fuck do you know!» Was zum Teufel wissen Sie schon. Sie verstehen, dass ich keine Lust habe, ihn zu treffen.

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