Wo bleibt Aragorn?

Viggo Mortensen und sein verflixter neuer Film «Green Book».

Kaum zu erkennen. Viggo Mortensen mimt in «Green Book» den Rausschmeisser Frank «Tony Lip» Vallelonga.

Kaum zu erkennen. Viggo Mortensen mimt in «Green Book» den Rausschmeisser Frank «Tony Lip» Vallelonga.

Es gibt viele Themen, zu dem dieser Schreiber den zunächst noch unscheinbaren Mann befragen könnte, der am Getränkebuffet im Salon des Zürcher Hotels Baur au Lac steht. Als praktizierender Dichter, Buchverleger und Kunstmaler gehört Viggo Mortensen nämlich zur intellektuellen Elite Hollywoods – und das, obwohl er seinen Namen mit einer Rolle in einem Fantasy-Film machte.

Fantasy ist ein Genre, das Schauspielern und Schauspielerinnen selten viel abverlangt und von dem man allgemein wenig erwartet. Oft sind es gerade einmal die Spezialeffekte, die bei den Academy Awards ausgezeichnet werden. In Peter Jacksons Oscar-prämierter Trilogie «Der Herr der Ringe» führte Mortensen 2001–2003 nicht einfach Menschen, Elfen und Hobbits in einem erbitterten Krieg gegen die Mächte des bösen Sauron an.

Der Sohn eines dänischen Vaters und einer amerikanischen Mutter bewies in der Rolle des noblen Aragorn auch Humor und Sinnlichkeit. Seither gilt der heute 60-jährige New Yorker als Sexsymbol für Schlaue. Diesen Status baute Mortensen in «A History Of Violence» und «Eastern Promises» von David Cronenberg weiter aus.

Ein gefährliches Unterfangen

In seinem neusten Film «Green Book», für den er in der Kategorie «Bester Schauspieler» für einen Oscar nominiert ist, untergräbt Mortensen diesen Status mit sehniger Lust. In «Green Book» spielt er Frank «Tony Lip» Vallelonga, ein italoamerikanischer Rausschmeisser, der den schwarzen Pianisten Don Shirley (Mahershala Ali) Anfang der 1960er-Jahre als Leibwächter und Tourmanager auf eine Konzertreise durch den konservativen Süden der USA begleitet. Ein gar gefährliches Unterfangen in der heissen Phase von Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung.

Unterwegs muss er Shirley vor rassistisch motivierten Übergriffen schützen, Polizisten schmieren und Konzertveranstalter dazu anhalten, den im Vertrag verlangten Steinway-Flügel anzuliefern. Wo der Rüpel aus der Bronx mit seinen Fäusten, seinem Geld und seiner Gravitas nicht weiterkommt, muss Shirley seine Beziehungen spielen lassen.

25 Kilo zugenommen

Mitten in der Nacht holt der bestens vernetzte Musiker Robert Kennedy ans Telefon. Der oberste Staatsanwalt der USA und Bruder des amtierenden Präsidenten setzt sich dann auch nur zu gerne dafür ein, dass Lip und Shirley aus dem Polizeigewahrsam kommen.

Für die Rolle des Tony Lip setzte Mortensen um die 25 Kilo an; entsprechend ist er in «Green Book» kaum zu erkennen. Das edle Gesicht ist breit geworden, die Taille unter Speckreifen vergraben und sein Akzent pure Bronx.

Ein junger Robert de Niro hätte diese Rolle nicht besser bekleiden können. «Ich bin auf meine Darstellung von Tony sehr stolz», bestätigt Mortensen im Gespräch. «Es gäbe viele Schauspieler, die aufgrund ihrer Herkunft besser für diese Rolle qualifiziert wären. Trotzdem hat sich bis jetzt niemand darüber beklagt, dass ich sie bekommen habe.»

Beim Einstimmen auf die Rolle des Tony Lip konnte Mortensen auf die Hilfe von Nick Vallelonga zählen. Der Drehbuchautor hatte «Green Book» nach den Erinnerungen seines Vaters Frank verfasst. Dieser stand Anfang der 1960er-Jahre tatsächlich im Dienst von Don Shirley – nur durfte Nick Vallelonga den Stoff auf Shirleys Wunsch erst nach dessen Tod 2013 zu einem Drehbuch verarbeiten.

Der einst amerikaweit bekannte Musiker wollte wohl nicht, dass die Öffentlichkeit zu Lebzeiten von seiner Homosexualität erfährt, die in «Green Book» Thema ist.

«Green Book» wirkt – wie es sich für einen Hollywood-Film gehört, etwas aufgeräumt. Die Gegensätze zwischen den beiden Protagonisten sind fast zu scharf gezeichnet, um glaubwürdig zu sein. Tony Lip ist ein weisser Rassist, der schwarze Musik hört, Don Shirley ist ein schwarzer Intellektueller, der dem weissen Proleten die schönen Künste näherbringt.

Mortensen sieht in dieser Konstellation nichts Konstruiertes: «In den grossen Städten der USA war das 1962 tatsächlich so, dass die Weissen viel schwarze Musik gehört haben. Das Radio war damals nicht so segregiert, wie das heute der Fall ist.»

Als Teil seiner langjährigen Recherchen hatte Nick Vallelonga sowohl Tony Lip wie auch Don Shirley über ihre gemeinsamen Erlebnisse ausgefragt. So lag viel Tonmaterial vor, an dem Mortensen und Ali ihre Akzente schulen konnten.

Sozusagen als Sekundärliteratur grub Nick Vallelongas Mutter Dolores (sie wird in «Green Book» von Linda Cardellini dargestellt) die Liebesbriefe aus, die Frank Vallelonga ihr unterwegs mit Don Shirley geschrieben hatte.

Als guter Italoamerikaner band Nick Vallelonga seine ganze Familie in die Dreharbeiten zu «Green Book» ein, verrät Mortensen im Gespräch. Bei den Szenen in Tonys New Yorker Wohnung spielen nicht irgendwelche Statisten mit. Dort sieht man die ganze Familie Vallelonga. «Ich hatte in meiner Rolle als Tony Lip meine wahre Familie um mich versammelt.»

Ein wenig abgekämpft

Zum Zeitpunkt unserer Begegnung in Zürich liegen die Dreharbeiten zu «Green Book» erst neun Monate zurück. Mortensen hat den mit Pizza und Pasta angefressenen Speck weggejoggt. Ganz so rank wie in «Der Herr der Ringe» ist er noch nicht, trotzdem ist der Mann, der vor beinahe zwanzig Jahren die Rolle des Aragorn sich zu eigen machte, in Zürich an seinem leuchtend-prüfenden Blick erkennbar.

Da will einer wissen, mit wem er es zu tun hat. Mortensen wirkt dann auch ein wenig abgekämpft, als man ihn nach Shirleys Beweggründen für die gefährliche Reise durch den sogenannten Deep South fragt. Als zweifle er kurz daran, dass sein Gegenüber «Green Book» schon gesehen hat. «Don Shirley will die Rassenschranken durchbrechen», sagt Mortensen. «Er geht nicht etwa auf diese Tournee, weil er das muss. Sondern, weil er das will.»

Seit der Begegnung mit Mortensen am Zurich Film Festival haben sich viele Stürme über «Green Book» zusammengebraut. Im vergangenen November leistete sich Mortensen einem einen schlimmen Fauxpas, als er bei einem Podiumsgespräch das verhasste Wort «Nigger» aussprach.

Mit diesem Tabubruch wollte er eine Pointe über die Tücken des nicht beseitigten Rassismus aufzeigen, stattdessen entfachte er einen öffentlichen Aufschrei. Mortensen entschuldigte sich gleich am nächsten Tag und versprach, das «N-Word» nie wieder in den Mund zu nehmen.

Wie stark diese Entgleisung Mortensens Chancen auf einen Oscar geschmälert hat, wird sich bei dessen Verleihung am 24. Februar zeigen. Dann wird es wieder viele Themen geben, zu denen man Viggo Mortensen gerne ausfragen wird. Nicht alle werden ihm dann genehm sein.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt