«Ursprünglich wollte ich einen Zombie-Film machen»

Interview

Tim Fehlbaums Erstlingsfilm «Hell» wurde von Hollywood-Actionspezialist Roland Emmerich unterstützt. Der Basler über diese Zusammenarbeit und die Premiere auf der Piazza Grande.

«In den Bergen soll es Wasser geben»: Trailer zu Tim Fehlbaums Film «Hell».

Simon Schmid@schmid_simon

Tim Fehlbaum, wie haben Sie die Aufführung Ihres Films auf der Piazza Grande erlebt? Ich glaube, man hat gemerkt, dass ich sehr nervös war. Es hat wahnsinnig viele Leute auf der Piazza; die Leinwand ist riesig. Aber es war ein tolles Erlebnis, und das Wetter hat mitgespielt. Den Film bei Regenwetter zu schauen, wäre doch etwas unpassend gewesen.

Würden Sie nochmals gleich auf die Fragen von Moderatorin Claudia Laffranchi antworten? Ich würde mir vorher vielleicht etwas überlegen (lacht).

Zuerst fragte sie, wie Sie dazu gekommen seien, «Hell» zu drehen. Genau. Und ich wusste nicht mehr zu sagen, als dass ich einfach einen apokalyptischen Film machen wollte. Was ich dem hinzufügen kann: Mich interessiert das Szenario, dass Menschen aus unserer heutigen, zivilisierten Welt herausgerissen werden und sich in einer archaischen Umwelt behaupten müssen. Es geht in Extremsituationen nicht lange, bis Menschen auf extreme Mittel zurückgreifen – es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.

Doch es geht auch um scheinbar einfache Fragen: Wo finde ich Wasser, um zu überleben? Das stimmt. Einmal musste ich in meiner Wohnung das Heizungswasser wechseln. Da dachte ich mir: Dieses Wasser ist aber dreckig. Wie verzweifelt muss jemand wohl sein, um dieses Wasser zu trinken? Oder dann gibt es im Film die Frage, wie man sich vor der brennend heissen Sonne schützen kann. Um die Kostüme für den Film zu entwickeln, haben wir uns Bilder von Beduinen angeschaut oder auch von vermummten Menschen an einer Demonstration.

Haben Sie lange am Drehbuch gearbeitet? Ursprünglich wollte ich eigentlich einen Zombie-Film machen. Denn dort geht es genau ums Gleiche: Man fragt nicht danach, was passiert ist oder warum jetzt Zombies da sind, sondern es geht um die Überlebenden. Was tun sie? Was spielt sich zwischen ihnen ab?

Was hat Sie davon abgehalten, einen Zombie-Film zu drehen? Vor der Arbeit an «Hell» hatte ich bereits einen Kurzfilm mit Zombies gemacht. Der Plan war, aus diesem kurzen einen längeren Film zu machen. Doch dann kam Thomas Wöbke und sagte: Nein, jetzt müssen wir etwas Neues machen. Zudem kam damals gerade «28 Days Later» ins Kino, da wäre es schwierig geworden, diesen Film zu toppen. Schliesslich kam die Idee mit der Sonne, die filmisch einfacher umzusetzen war – und es war sofort klar, dass es in diese Richtung gehen muss. Der weitere Prozess hat dann allerdings nochmals etwa vier Jahre Zeit in Anspruch genommen. Wir haben mehrere Drehbuchversionen geschrieben und mussten uns erst um Fördergelder bewerben.

Gab es Momente, während derer Sie nah an der Aufgabe waren? Es gab schöne und schwierige Momente. Am schönsten für mich war der erste Drehtag, an dem vierzig hoch motivierte Leute am Set standen, um aus dem, was ich geschrieben hatte, etwas Tolles entstehen zu lassen. Eine Krise gab es, als wir hörten, dass demnächst «The Road» herauskommen würde – ein Film mit einem sehr ähnlichen Setting. Doch dann stellte sich heraus, dass «The Road» doch eine ziemlich andere Geschichte und Aussage hat.

Welche Rolle hat Roland Emmerich bei der Entstehung des Films gespielt? Er war so etwas wie mein Mentor, und er hat immer wieder wertvolle Tipps gegeben. Zum Beispiel bei der visuellen Darstellung dieser apokalyptischen Situation. Er sagte Dinge wie: «Es ist wichtig, dass immer wieder Staub durchs Bild fliegt – und zwar nicht ein bisschen, sondern viel Staub.» Daraufhin haben wir unsere kleine Windmaschine ersetzt durch einen richtig grossen Ventilator. Auch beim Schnitt hat er uns wichtige Inputs gegeben. In einer ersten Fassung dauerte der Film beinahe zwei Stunden. Emmerich fand, der Film müsse mehr Tempo erhalten und gekürzt werden. Zwar haben wir das erst nicht geglaubt, doch nach den Vorführungen mit dem Testpublikum haben wir realisiert: «Er hat recht gehabt, die Zuschauer haben genau dasselbe wie Emmerich am Film bemängelt.»

Hat er auch Einfluss auf das Drehbuch genommen? Ja. Einmal sagte er: «Ein Film läuft so: Entweder eine Person will etwas, oder jemand will etwas von dieser Person.» Bis dahin war uns das nicht so klar gewesen; der Film hatte eher den Charakter eines Roadmovie, die Leute irrten ohne Ziel in der harschen Welt umher. Auf seine Anregung hin haben wir dann die Entführung der kleinen Schwester eingebaut.

Ihr Film hat keine lange Einleitung – die Spannung ist von der ersten Minute an da. War das von Beginn an so beabsichtigt? Ja. Man steigt mittendrin ein und sieht Personen im Auto, die Scheiben sind abgedeckt. Man muss sich als Zuschauer zusammenreimen, was da vorher passiert sein könnte – ein wenig so wie bei «Mad Max». Auch hier hat Emmerich uns einen Tipp gegeben: Der Zuschauer braucht immerhin eine kleine Orientierung, sonst steigt er nicht auf die Geschichte ein. Deshalb haben wir die kurze Textsequenz am Anfang noch eingebaut. Und effektiv: Ein Zuschauer, der gestern fünf Minuten zu spät gekommen ist, sagte mir, er habe sich während des ganzen Films nie wirklich orientieren können.

War auch von Anfang an klar, dass der Film auf Deutsch gedreht würde? Ja, dies war uns sehr wichtig, dass eine lokale Verankerung entsteht und die Zuschauer denken, die Handlung könnte auch hier in der Umgebung, in den Hügeln und Bergen von Mitteleuropa ablaufen.

Sie sind in Basel aufgewachsen und zur Schule gegangen, seit einigen Jahren leben Sie in Deutschland. Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause? In der Schweiz, natürlich (lacht). Die Heimat ist dort, wo man aufgewachsen ist und wo die Familie wohnt. Im Film wird allerdings hochdeutsch gesprochen. Einige Schweizer Zuschauer haben darauf etwas allergisch reagiert, das fand ich schade.

Welchen Film drehen Sie als nächsten? Ich habe noch keine konkreten Projekte. Klar ist aber, dass es im düsteren, dunklen Bereich weitergeht.

Kommt doch noch der Zombie-Film? Nein, das macht Marc Forster bereits.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt