Serien könnten bald im Hochformat laufen

Die Branche setzt dabei besonders auf kurze Episoden, die zum Beispiel auf der Fahrt zur Arbeit angesehen werden können.

Künftig verstärkt im Hochformat: Die Serien-Branche will ihre Produkte künftig besser ans Smartphone anpassen.

Künftig verstärkt im Hochformat: Die Serien-Branche will ihre Produkte künftig besser ans Smartphone anpassen.

(Bild: Keystone)

Kurzes Experiment, weil es mittlerweile möglich ist, so etwas präzise zu messen: Wie viele Minuten pro Tag verbringt der Mensch vor einem Bildschirm, und wie ist dieser dabei ausgerichtet? Viele dürften über die Gesamtzeit erschüttert sein, die bekanntlich nicht zuletzt auf des Konto des Immer-dabei-Telefons geht. Verblüfft dürften nicht wenige aber auch über den Anteil der Hochformat-Zeit sein: Handy-Nutzer lesen E-Mails, zocken Spiele, gucken Fotos – doch nicht nur das: Sie schauen Videos auf sozialen Netzwerken wie Instagram, Snapchat oder Tiktok. Und die sind überwiegend vertikal.

Youtube ermöglicht Werbefilme im Hochformat, in einem Statement der Internet-Plattform heisst es: «Die Leute verbringen mehr als 70 Prozent der Bildschirmzeit auf mobilen Geräten, wir müssen uns diesen Gewohnheiten anpassen.» Also auf Handys, also die meiste Zeit im Hochformat.

Warum in aller Welt werden die meisten Serien dann noch immer im Querformat produziert? Die Unterhaltungsbranche hat sich durch die digitale Revolution massiv verändert, nun könnte ein neuer Umbruch folgen: die Umstellung des bewegten Bildes vom Quer- auf das Hochformat. Weil die Leute es offenbar so wollen.

Acht Minuten pro Folge

Produzenten kämpfen immer erbitterter um ein begrenztes und deshalb so kostbares Gut: die Zeit der Menschen. Wer möglichst viele Leute dazu bringt, möglichst viel Zeit auf seiner Plattform zu verbringen, der kann für dieses Erlebnis entweder eine monatliche Gebühr verlangen oder Werbung verkaufen. Das war schon im Fernsehzeitalter so, gewiss; nur: Die meisten Menschen sitzen nun eben nicht mehr den ganzen Abend auf der Wohnzimmer-Couch und starren auf diesen Kasten im Eck (oder den Flachbildschirm an der Wand). Sie können nun immer und überall gucken.

Die Folgen einer Show könnten künftig nicht einmal acht Minuten dauern «Vor sechs Jahren haben die Leute durchschnittlich sechs Minuten am Tag Videos auf ihren mobilen Geräten geguckt, mittlerweile sind es 70 Minuten», sagt Jeffrey Katzenberg. Er hat einst die Filmsparte bei Disney und das Trickfilm-Studio Dreamworks Animation geleitet, im Herbst vergangenen Jahres hat er gemeinsam mit der ehemaligen Hewlett-Packard-Chefin Meg Whitman die Firma Quibi gegründet. «Wir wollen knackige Inhalte liefern», sagt Katzenberg über die Videoplattform, deren Name eine Abkürzung des englischen Begriffs für kurze Schnipsel (Quick Bites) ist: «Es geht um die Viertelstunde, die Leute in der U-Bahn oder im Wartezimmer sitzen. Es ist möglich, in dieser Zeit ein Erlebnis zu kreieren.»

Kurz und knackig

Geplant sind zum Beispiel eine Castingshow von Justin-Bieber-Manager Scooter Brown, ein Hinter-den-Kulissen-Format der amerikanisch-mexikanischen Telenovela «El Señor de los Cielos» (König der Lüfte) und eine Wohlfühl-Show von Jennifer Lopez. Alles soll kurz und knackig sein, möglichst kürzer als acht Minuten pro Folge, mit so wenigen formalen Einschränkungen wie möglich. Quibi, das bei der ersten Finanzierungsrunde bereits mehr als eine Milliarde Dollar eingesammelt hat, möchte laut Katzenberg «eine Infrastruktur bereitstellen, die möglichst viele Formate erlaubt und möglichst wenige Grenzen setzt».

Das klingt ein bisschen wie die Profiversion der Do-it-yourself-Plattform Firework, die es den mittlerweile mehr als einer Million Nutzern über die Funktion «Reveal» erlaubt, 30-Sekunden-Filme gleichzeitig im Hoch- und Querformat zu filmen. Der Produzent sieht beim Filmen die Abgrenzungen auf seinem Bildschirm, der Zuschauer guckt dann die Version, die er sehen möchte, hoch oder quer – und kann durch Kippen des Telefons das Format wechseln und entdeckt womöglich bis dahin versteckte Inhalte (die nur im Quer- oder im Hochformat zu sehen sind). «Wir wollen kreativen Köpfen eine Plattform bieten, auf der sie sich ausleben können», sagt Firework-Manager Cory Grenier: «Zeit ist kostbar, die Leute sind dauernd unterwegs – 30 Sekunden sind die ideale Zeitspanne für eine packende Geschichte.»

Neue Massstäbe

In Hollywood werden gerade enorme Summen gezahlt. 250 Millionen sind gar nichts Die Grenzen der Branche werden gerade nicht verschoben, sondern regelrecht gesprengt – weil die Leute nicht mehr gucken müssen, was ihnen vorgesetzt wird, sondern aus Tausenden, ja Millionen Angeboten wählen dürfen. Dadurch werden nicht nur die Regeln für das Bildschirm-Format verändert, sondern auch andere Massstäbe: Wie lang soll die Folge einer Serie sein, wie viele Episoden pro Spielzeit muss es geben, wann sollte die Dramaturgie wegen einer Werbepause zugespitzt werden? Es ist die grosse Freiheit für alle Produzenten, die sehr vieles von dem, was sie bis vor fünf Jahren an den Filmhochschulen gelernt haben, vergessen dürfen – nur nicht das wichtigste Gebot dieser Branche: Du sollst nicht langweilen!

Das führt zum Grund, warum noch immer Serien im Querformat produziert werden - und zu diesen astronomischen Summen, die gerade in Hollywood bezahlt werden. 250 Millionen Dollar hat Amazon für die Rechte am Fantasy-Universum von J. R. R. Tolkien bezahlt. Rechnet man die prognostizierten Produktionskosten für die geplanten fünf Spielzeiten hinzu, dann dürfte das Unternehmen insgesamt mehr als eine Milliarde Dollar in das «Lord of the Rings»-Projekt investieren. Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte schon vor zwei Jahren bestimmt, dass Prime, der Streamingdienst seiner Firma, dringend ein Alleinstellungsmerkmal brauche, so wie es «House of Cards» oder «Stranger Things» für Netflix und «Game of Thrones» für den Pay-TV-Sender HBO sind – frei nach dem Ringgedicht von Tolkien: «Ein Projekt, sie zu kriegen, sie alle zu finden; zu Prime zu treiben und ewig zu binden.»

Die Leute sollen wegen dieser einen Serie ein Abo abschliessen und dann jahrelang nicht mehr kündigen. «Es ist die Suche nach diesem popkulturellen Meilenstein», sagt Tom Nunan, der einmal die NBC Studios und den TV-Sender UPN leitete und nun als Professor an der Universität UCLA angehende Produzenten ausbildet: «Das kann funktionieren, allerdings kann man sich heutzutage nicht allzu lange auf Lorbeeren ausruhen, weil jemand anderes bereits das nächste atemraubende Projekt produziert.» Und das vielleicht bald im Hochformat.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt