Reif zum Abschied

Mit «Avengers: Endgame» endet vorläufig die Filmreihe mit den versammelten Marvel-Comic-Helden – ein dreistündiges Feuerwerk der Erwartungen.

Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.) im Film «Avengers: Endgame». Foto: Marvel Studios

Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.) im Film «Avengers: Endgame». Foto: Marvel Studios

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Es beginnt mit einer Abschiedsbotschaft. Das Raumschiff treibt dahin, Wasser ist keines mehr an Bord, der Sauerstoff geht ebenfalls zur Neige, da obliegt es dem geschwächten Helden, der im grünlich-giftigen Licht kauert, ein paar Worte an die Nachwelt zu richten. Es ist die erste Szene aus «Avengers: Endgame», und wer wäre besser befähigt, seinen eigenen mutmasslichen ­Abschied im Marvel Cinematic Universe zu protokollieren als Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.)? Schliesslich hatte der Siegeszug des Marvel-Imperiums, das mit dieser Filmreihe weltweit 18,5 Milliarden Dollar erwirtschaftete, 2008 mit «Iron Man» begonnen.

Damals war Stark noch ein Rüstungsfabrikant und Grosskotz, der mit reichlich Whiskyproviant in die afghanische ­Wüste aufbrach, bevor er von einer Terrororganisation mit seinen eigenen Waffen beschossen wurde. Tony Stark kam knapp mit dem Leben davon und kommentierte darauf seine Wandlung zum Gutmenschen auf selbstironische Art.

Damit war der Tonfall für das Marvel Cinematic Universe gesetzt. Was folgte, waren Welten mit nahezu unbeschränkten Querverbindungs- und Erwei­terungsmöglichkeiten, in denen ­Pathos, Rache, Überheblichkeit und Wehmut dominierten.

Der Trailer zum Film «Avengers: Endgame». Video: zvg

Welten auch, die mit über­raschenden Wendungen und knapp an der Lächerlichkeit vorbeischrammenden Figuren aufwarteten, etwa wenn nach einem ­nordischen Gott (dem von Chris Hemsworth verkörperten Thor) bald auch plappernde Wasch­bären (Rocket) und einsilbige Baumwesen (Groot) ins All aufbrachen. Das alles hätte mancher noch als teuren Scherz abtun mögen, aber die in Gang gesetzte Gefühls- und Ironiemaschi­nerie funktionierte im Kino, die Starbesetzung wurde dicht und ­dichter.

Ein Kommen und Gehen

Das sieht man nun auch bei «Avengers: Endgame», dieser dreistündigen Achterbahnfahrt durch Raum und Zeit, in der ­Berühmtheiten wie Natalie Portman, Robert Redford, Michael Douglas oder Samuel L. Jackson nur für ein paar Sekunden vorbeischauen. Welcher andere Film könnte sich das leisten?

Im Werk von Anthony und Joe Russo herrscht denn auch ein Kommen und Gehen, ein Umstand, der mit der Vorgeschichte aus «Avengers: Infinity War» (2018) zu tun hat. Da zerbröselten auch mal Titelhelden wie ­Spider-Man (Tom Holland) zu Staub. Der Grund: Nachdem der Superbösewicht Thanos (Josh Brolin) in den Besitz aller sechs Infinity-Steine gekommen war und sich diese in einen Handschuh steckte, löschte er mit einem Fingerschnippen die Hälfte des Universums aus.

Die traumatischen Folgen ­sehen wir jetzt: Einer der überlebenden Helden hat sich in ­Online-Games und Alkohol geflüchtet und wird aufgrund ­seines Bauchumfangs und Rauschebarts als «Lebowski» bezeichnet. Ein anderer leitet eine Selbsthilfegruppe, glaubt von den eigenen Durchhalteparolen aber kein Wort. Kurz: Die Lage ist verheerend, und es braucht schon den Funken eines Zufalls (eine Ratte, die in einem Lagerhaus ein ausrangiertes Gerät aktiviert), damit sich die desolaten Helden nochmals aufrappeln.

Endgültige Abmeldung

Wie das im Detail funktioniert, lässt sich aufgrund der hohen Spoiler­gefahr nicht erklären. Was man aber sagen kann: Die von Ant-Man (Paul Rudd) erforschte Quantenrealität spielt eine wichtige Rolle. Und von der erst vor kurzem eingeführten Captain-Marvel-Figur (Brie Larson) ­hätte man sich schon etwas mehr Präsenz erhofft.

Dass sich am Ende fünf Schauspieler mittels Unterschrift endgültig abmelden – das gehört bei diesem (vorläufigen) Schlusspunkt der Marvel-Reihe dazu. Schliesslich wird in Fan­foren seit Monaten gerätselt, wen es treffen könnte. Um das gesteigerte Publikumsinteresse zu befriedigen, soll der 181-Minuten-Film in einigen US-Kinos übrigens rund um die Uhr gespielt werden. In Zeiten, wo man das Unterhaltungskino öfters totsagt, ist es aber schon eine reife Leistung, ein solches Feuerwerk der Erwartungen noch zünden zu können.

Ab heute in den Kinos.

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