Die Zielgenauigkeit des Mittelfingers

Erste Favoriten in Cannes: «Dolor y gloria» von Pedro Almodovar und ein politisches Gemetzel aus Brasilien.

Antonio Banderas spielt Pedro Almodovar – oder eine Variante davon.

Antonio Banderas spielt Pedro Almodovar – oder eine Variante davon.

(Bild: PD)

Pascal Blum@pascabl

69 Filme laufen in der offiziellen Auswahl von Cannes, aber am meisten Verwunderung rief bislang nicht ein Regisseur hervor, sondern der künstlerische Leiter Thierry Frémaux selber. Zu Beginn sagte er zum Thema Frauenquote, einen Film nur aus dem Grund auszuwählen, weil ihn eine Frau gedreht hat, sei ja nichts anderes als ein «Mangel an Respekt». Ganz unrecht hatte er da zwar nicht, aber angesichts einer Wettbewerbsauswahl, in der lediglich vier von 21 Filmen von Frauen stammen, half seine Äusserung auch nicht gerade weiter.

19 von 69 Filmen haben Regisseurinnen gemacht, also gut ein Viertel. Was Cannes unbedingt auch mal zusammenrechnen müsste, ist der Anteil der männlichen Filmkritiker, denn viel mehr zu diskutieren als Frémaux’ Worte zur Quote gab eine Änderung am Terminkalender, wo neu ein paar Pressevorführungen von Wettbewerbsfilmen auf den späteren Abend zu liegen kommen.

Falls jemand eine Illustration für den Ausdruck «white people problem» sucht, muss er das Festival in Cannes besuchen.

Das löste einen kleinen Sturm der Verwünschung aus: So würden ja die Arbeitstage in Cannes auf einmal furchtbar lange dauern, und bis anhin sei der Abend eigentlich die Zeit gewesen, in der man eine Fischplatte eingeplant hatte.

Falls jemand noch eine Illustration für den Ausdruck «white people problem» sucht, muss er das Festival in Cannes besuchen. Das ist der Ort, wo der katalanische Filmregisseur Albert Serra, bevor er sein Kunstdrama über die Französische Revolution präsentiert, mit einer Tasche von der Edelboutique über die Croisette geht. Wo die von Polizeimofas eskortierte Wagenkolonne mit den Galagästen im Sonnenuntergang an im Hafen vertäuten Jachten vorbeischleicht. Wo Filmkritiker, die ein bisschen trainiert sein sollten darin, die lange Dauer auszuhalten, schon mal prophylaktisch ihr Weh anmelden.

Ein Ausschnitt aus «Dolor y gloria». Video: PD.

Dazu passte jedenfalls grad gut, dass der spanische Regisseur Pedro Almodovar zur Premiere von «Dolor y gloria» USB-Sticks in Form von Pillendosen verteilen liess. Er erzählt diesmal von einem Filmregisseur, von dessen leidenschaftlichem Sehnen, den Drogen, dem Katholizismus, welcher der Jugend die heidnischen Popidole austreiben will, und der Mutter (Penelope Cruz), die wie immer eine Übermutterfigur ist. Davon handeln natürlich alle Almodovar-Filme, aber «Dolor y gloria» darf man mit einigem Recht als die Autobiografie des bald 70-jährigen Regisseurs von «Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs» bezeichnen.

Antonio Banderas spielt den berühmten Filmregisseur Salvador, der als Erstes aufzählt, wo es ihm wehtut: Kopf, Glieder, eigentlich überall. Eben hat die Cinémathèque sein Meisterwerk neu restauriert, weshalb er wieder Kontakt herstellt mit dem Hauptdarsteller, mit dem er sich damals zerstritten hatte. Beim Besuch bietet ihm dieser Alberto Heroin zum Inhalieren an, und fortan ist der Drogenkonsum zumindest etwas, was Salvador mit Überzeugung tun kann. Gleichzeitig weckt der Rausch Salvadors schmerzvolle Erinnerung an die Liebe zu einem Mann im Madrid der 80er-Jahre; und dank einem Theatermonolog, den Salvador geschrieben hat und den Alberto nun in einem Theater in Madrid aufführt, steht der ehemalige Geliebte tatsächlich irgendwann in Salvadors sehr farbenfroh eingerichteter Wohnung.

Udo Kier führt in «Bacurau» einen Trupp mörderischer Sportschützen an. Bild: PD.

Ihre Wiederbegegnung wird zum delikaten Melodram für sich: Statt frivolen Camp gibt es bei Almodovar ja schon länger ruhige Innenschau. Wenn sich die Erzählungen von den übersteuerten Begierden damals immer auch gegen die repressive Gesellschaftsmoral richteten, so wirkt die intime Rückschau von «Dolor y gloria» im Direktvergleich wie ein bürgerliches Drama. Dabei ist sie nicht weniger subversiv: Sie zeigt, dass eine heimliche Lust manchmal die Kunst braucht, damit sie ins Leben zurückgeküsst werden kann – und zwei Männer sich gegenseitig gestehen, was hätte sein können.

Das gilt für diese berührende Szene, aber es gilt auch für den Zickzackweg zwischen eigener Bio- und Filmografie, den Pedro Almodovar hier geht. Spielte nicht Antonio Banderas in «Das Gesetz der Begierde» (1987) einen jungen Schwulen, der sich in einen Liebeswahn wegen eines Regisseurs steigerte, und jetzt ist es quasi andersrum? Und war das nicht genau vor 32 Jahren, so wie der restaurierte Film in «Dolor y gloria»? Es ist, als habe sich da ein filmisches Werk in sich selbst verspiegelt.

Der ethnografische Rachethriller

Mit Salvador gab es also wirklich eine Figur, die etwas wusste von den Wunden, die ihr die Zeit zugefügt hat. Wenn es dagegen um die ganz handfesten Qualen ging, konnte in Cannes bislang niemand mit «Bacurau» von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles aus Brasilien mithalten. Eine von Udo Kier angeführte Gruppe amerikanischer Waffenliebhaber macht es sich darin zum touristischen Sport, die Bewohner des Kaffs Bacurau zu erschiessen; pro Toten gabs Punkte.

Sie hätten sich dort aber besser auch im Museum für Ortsgeschichte umgeschaut, denn in Bacurau hatte es durchaus schon vorher den ein oder anderen Vorfall gegeben, in dem die Einheimischen eine Glock bedienen mussten – Bühne frei für den ethnographischen Rachethriller, der all den Bolsonaros dieser Welt eine gerade jetzt nötige Lektion erteilt: Man trifft selten so gut, wie wenn man mit dem Stinkefinger abzieht.

«Dolor y gloria» ist ab 23. Mai überall im Kino und bereits jetzt in Zürich im Arthouse Le Paris zu sehen.

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