Cannes wirft Lars von Trier raus

Die Leitung des Filmfestivals von Cannes hat den dänischen Regisseur Lars von Trier wegen seiner Hitler-Äusserungen ausgeschlossen.

«Ich bin ein Nazi»: Lars von Trier an der Pressekonferenz gestern. (Quelle: Reuters)

Regisseur Lars von Trier ist am Filmfestival von Cannes zur «Persona non grata» erklärt worden. Sein Beitrag «Melancholia» bleibe aber im Wettbewerb. Es ist ein bislang beispielloser Schritt für das Festival, das den Regisseur im Jahr 2000 für seinen Film «Dancer in the dark» mit der «Goldenen Palme» ausgezeichnet hatte. Die jüngsten Kommentare des Filmemachers seien «nicht akzeptabel, nicht tolerierbar und stehen im Gegensatz zu den Idealen der Humanität und Grosszügigkeit» des Festivals, heisst es in der Erklärung.

«Ich dachte lange, ich hätte jüdische Wurzeln und war sehr glücklich damit. Dann stellte sich heraus, dass ich doch kein Jude war. Ich fand heraus, dass ich wirklich ein Nazi war, und auch das bereitete mir einiges Vergnügen. Ich verstehe Hitler», hatte von Trier gestern vor versammelter Reporterschar gesagt.

Am Abend kam dann eine Entschuldigung über von Triers PR-Firma: «Sollte ich jemanden mit meinen Worten bei der Pressekonferenz verletzt haben, entschuldige ich mich von ganzem Herzen. Ich bin nicht antisemitisch oder in irgendeiner Form rassistisch voreingenommen, ich bin auch kein Nazi.» Er habe sich von einer Provokation hinreissen lassen.

«Irgendwie Scheisse»

Ein geschmackloser PR-Gag also? Es sieht ganz danach aus. Schon im Presseheft zu «Melancholia» sorgte von Trier mit bizarr-verwirrten Aussagen für Kopfschütteln: «Schlagsahne auf der Schlagsahne» sei sein Film geworden, und erst das Plakat, die Filmfotos, der Trailer: Alles sehe «irgendwie Scheisse» aus.

Mit seinem apokalyptischen Drama «Melancholia» war von Trier am Mittwoch in den Wettbewerb eingestiegen. Im Film nimmt der Planet Melancholia Kurs auf die Erde, während dort eine Hochzeitsgesellschaft feiert. Der Film ist dabei in zwei Hälften geteilt, die Hochzeit und die Angst vor dem Ende der Welt. «‹Melancholia› geht nicht so sehr um das Ende der Welt, sondern mehr um einen Seelenzustand», sagte von Trier, bevor er mit Nazi-Witzen für Befremdung sorgte. Und: «Ich habe in meinem Leben selbst einige Phasen von Melancholie durchgemacht», so von Trier der als depressiv gilt.

Auch Mitterand entsetzt

Für die US-Filmindustrie dürfte der Däne nach der Eskapade untragbar sein. Das Branchenblatt «Hollywood Reporter» schrieb bereits nach den Nazi-Sprüchen, von Trier habe einen «Mel Gibson» gemacht, was sich auf die antisemitischen Ausfälle des Schauspielers im Jahr 2006 bezieht. Seither gilt Gibson bei vielen Studios als unerwünscht.

Auch der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand bezeichnete die Äusserungen des Filmemachers am Donnerstag als «nicht hinnehmbar». Bei einer Pressekonferenz am Rande eines EU- Ministertreffens in Brüssel sagte Mitterrand: «Seine Haltung und die Art und Weise, wie er sie vorgetragen hat, haben keinen Platz beim Filmfest und auch sonst nirgendwo.»

rub, phz/dapd

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