Alles plätschert

Filmkritik

Der Bestseller «Cloud Atlas» galt als unverfilmbar. Nun haben sich die «Matrix»-Macher an den Stoff gewagt. Die Filmkritik.

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Philippe Zweifel@delabass

«Was zur Hölle soll das?», schnaubte Rock Hudson, als er 1968 Kubricks «Space Odyssey» sah. Dann stand er auf und verliess während des Films das Kino.

Wer den Trailer zu «Cloud Atlas» sieht, dem ergeht es ähnlich. Im neuen Film der «Matrix»-Macher, der von «Space Odyssey» inspiriert sein soll, kommen Eingeborene, Klone, Ausserirdische und schottische Gangster vor. Ausserdem Raumschiffe, Segelschiffe und ein VW Käfer. Schauspieler wie Halle Berry oder Tom Hanks verkörpern verschiedene Figuren in verschiedenen Zeitperioden. Der Slogan zum Durcheinander: «Wir sind alle miteinander verbunden.»

Gigantischer Trailer

«Cloud Atlas» ist die ehrgeizige Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von David Mitchell. Eine Inhaltsangabe ist fast unmöglich; wie der Roman erzählt der Film sechs Schicksale in einem Zeitraum von 500 Jahren. Wir begegnen einem Anwalt, der sich im 19. Jahrhundert gegen die Sklaverei stellt. Hundert Jahre später hadert ein junger, schwuler Komponist mit Kunst und Gesellschaft. Dann deckt in den 1970er-Jahren eine Journalistin einen AKW-Skandal auf. In der Jetztzeit begleiten wir einen glücklosen Verleger und in der Zukunft lehnen sich eine geklonte Südkoreanerin und ein postapokalyptischer Buschmann gegen ihr Schicksal auf.

Mitchells Roman ist ein fulminantes Spiel mit Genres und literarischen Konventionen, mit dem Ziel, durch formale Brüche eine inhaltliche Einheit zu schaffen: Der Mensch als Gesamtkunstwerk, das unabhängig von Zeit und Raum existiert. Auch der Film geht in diese Richtung, doch trotz dreistündiger Spielzeit hat man das Gefühl, einem gigantischen Trailer beizuwohnen. Wo Mitchell die Handlungsstränge elegant über die Länge des Buchs spiegelt (numerisch ausgedrückt: 1,2,3,4,5,6,5,4,3,2,1), springt der Film hektisch von Figur zu Figur.

Als verbindendes Element zwischen den unzähligen Ebenen setzen die Regisseure die gleichen Schauspieler für verschiedene Figuren ein. Doch der Kunstgriff misslingt – die endlose Aneinanderreihung der Episoden ist ermüdend. Ausserdem rätselt man so nicht über die Conditio humana, sondern die banale Frage: Welcher Star versteckt sich unter welcher Schminke?

Natürliche Ordnung der Dinge

Vielleicht wäre der epische Stoff im Serienformat dramaturgisch besser aufgehoben gewesen. Optisch aber gibt es am Film nichts auszusetzen. Die aufwendig inszenierten Welten fliessen elegant ineinander, die Actionszenen aus dem düsteren «Neu-Seoul» im Jahr 2144 könnten «Blade Runner» entnommen sein.

Worüber sich Zuschauer und Kritiker streiten werden, ist die Botschaft des Films. Aufs Neue wird einem eingebläut, dass Grenzen hier sind, um sie zu überschreiten, dass Inkarnation möglich ist und dass es keine natürliche Ordnung der Dinge gibt und Revolution wenn immer denkbar angezeigt ist. Und vor allem: Dass der menschliche Faktor eine universelle Konstante ist. Alles ist eins, alles fliesst. Doch ironischerweise fühlt sich der Zuschauer ob so viel feierlicher Menschelei von den Figuren entzweit. Und so spielt die einzige berührende Szene in einem Pub, wo Fussball-Hooligans ein paar Rentner in Schutz nehmen, die aus dem Heim entlaufen sind.

Kubrick verzichtet in «Space Odyssey» auf herkömmliche Erzählmuster und überlässt den Zuschauer sich selbst – mit dem Resultat, dass wir über unseren Platz im Universum nachdenken. Auch «Cloud Atlas» verzichtet auf gewohnte Erzählmuster. Was der Film fatalerweise nicht verweigert, sind Antworten, die dann erst noch trivialphilosophisch ausfallen. «Was ist das Leben anderes als ein Tropfen im Ozean?», wirft ein Reaktionär einem modernen Geist an den Kopf. Replik: «Was zur Hölle soll das?»

So ists natürlich nicht. Die Antwort lautet: «Was ist der Ozean anderes als eine Vielzahl an Tropfen?» Rock Hudson hätte das gefallen.

baz.ch/Newsnet

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