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Jojo Moyes Roman ist vorhersehbar, aber trotzdem gut

In «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht» thematisiert Jojo Moyes fast alles: Frauenrechte, Rassismus und natürlich eine romantische Liebesgeschichte.

Die britische Schriftstellerin Jojo Moyes kennt man insbesondere dank ihrem Bestseller «Ein ganzes halbes Jahr».
Die britische Schriftstellerin Jojo Moyes kennt man insbesondere dank ihrem Bestseller «Ein ganzes halbes Jahr».

In den Jahren 1935 bis 1943 ritten in den Regionen der Appalachen täglich Frauen mit vollgepackten Satteltaschen durch das schwierige Gelände. Beladen ­waren sie nicht etwa mit Essen oder anderen lebensnotwendigen Utensilien für die einfachen Bergleute, die in dieser Gegend wohnten. Bepackt waren sie mit Büchern.

Man nannte sie «book women», «book ladies» oder auch «packsaddle librarians» – also Satteltaschen-Bibliothekarinnen. Sie waren Teil des sogenannten Pack Horse Library Project, einer Aktion, die 1935 von der damaligen First Lady Eleanor Roosevelt ins Leben gerufen wurde. Ziel des Projekts war es, den Bewohnern dieser abgeschiedenen Regionen Zugang zur Literatur zu verschaffen – und unter anderem auch die damals hohe Quote an Analphabetismus zu mindern.

Das Projekt dient Jojo Moyes in ihrem neuesten Roman «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht», der Ende 2019 erschien, als Nähr­boden für die Geschichte von Alice, die selbst zur Satteltaschen-Bibliothekarin wird. Zu dieser Beschäftigung kommt die junge Engländerin aus einem Bauchentscheid heraus und mit einem nur sehr halbherzigen Einverständnis ihres Neu-Ehemannes Bennett Van Cleve.

Denn von ihrem steifen Elternhaus überstürzt in eine Ehe mit Bennet geflüchtet, merkt Alice, sobald sie in Amerika ihr neues Heim bezieht, dass dieses Bündnis nicht dem rosigen Dasein entspricht, das sie sich vorgestellt hatte. Ihr Mann ignoriert sie grösstenteils, und ihr Schwiegervater wohnt als zusätzlicher Wermutstropfen noch unter dem gleichen Dach wie das frisch vermählte Ehepaar. Ein Abenteuer als ­Satteltaschen-Bibliothekarin kommt ihr da gerade recht.

Übergrosse oder keine Erwartungen

An Moyes, deren Schreibstil man aus «Ein ganzes halbes Jahr» und den Fortsetzungen ihres 2012 erschienenen Bestseller-Romans bereits kennt, werden einerseits keine Erwartungen gestellt – ­andererseits so hohe, dass sie kaum zu erfüllen sind.

Die Leser ohne Erwartungen verorten Moyes vermutlich ohne Zögern in der Ecke der Frauenromane – einem Ort, dem man literarische Höhenflüge scheinbar mehrheitlich abspricht. Die anderen, die Moyes-Fans, erwarten hingegen ein ebenso grosses, spannendes und emotionales Feuerwerk wie bei «Ein ganzes halbes Jahr». Seit dem Buch ist der Britin jedes noch so hohe Bestsellerpotenzial zuzutrauen.

Enttäuscht wird keine der beiden Seiten: «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht» lässt sich mühelos als Frauenroman kategorisieren, das Buch enthält aber nichts­destotrotz eine gute Portion Emotionen und Unterhaltung.

Unter anderem gelingt es Moyes, einen historischen Hintergrund mit Charakteren zu bestücken, denen man gerne über mehr als 500 Seiten folgt. Nur gelegentlich wirken sie etwas überzeichnet – so beispielsweise die beinahe durchweg furchtlose Margery O’Hare, die Anführerin der Satteltaschen-Bibliothekarinnen. Eine Figur, die sich dann aber im Verlauf der Geschichte durchaus noch weiterentwickelt: Neben Furchtlosigkeit treten weitere Charakterzüge. Auch gelingt es Moyes, viele Themen in einer Geschichte zu vereinen, ohne dass ein Gefühl der Überladenheit entsteht: Im Zentrum stehen zwar die Frauen­rechte in den 1930er-Jahren, thematisiert werden aber auch ­Rassismus und gesellschaftliche Probleme wie Zugang zur Bildung und die damit verbundenen Hindernisse. Und wie es für Jojo Moyes gehört, findet sich in alle­dem auch Platz für die eine oder andere ausgiebige Liebesgeschichte.

Nur zu Beginn etwas langwierig

Der Start in das, was zu einem unterhaltsamen und bisweilen auch spannenden Leseerlebnis wird, ist allerdings etwas langwierig. Überwindet man diese erste Durststrecke, wird man mit einigen interessanten Verwicklungen und einer sich dramatisch zuspitzenden Lage rund um die Satteltaschen-Bibliothekarinnen belohnt. Denn diese sind nicht überall willkommen.

Insgesamt ergibt sich so eine gute Durchmischung aus Spannung und Dahinplätschern, alles mit grosser Fertigkeit auf einem historischen Hintergrund gezeichnet, der sich für die erzählten Abenteuer bestens eignet.

Jojo Moyes: «Wie ein Leuchten in tiefer Nacht». Wunderlich, 2019. 544 S., ca. 35 Fr.

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