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«Jetzt haben die reichen Weissen die heuchlerische Maske abgelegt»

«Tieftraurig» über die Entwicklungen in seinem Land: Luiz Ruffato in seinem Appartement in Sao Paolo. Foto: Getty

Brasilien hat einen Präsidenten gewählt, der seine politischen Gegner aus dem Land verbannen will, der die Militärdiktatur verherrlicht und sich mehrfach rassistisch und homophob geäussert hat. Sind Sie überrascht?

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Stefan Zweig, der vor den Nazis nach Brasilien geflohen ist, hat ein Bild des Landes gezeichnet, in dem alle Ethnien friedlich zusammenleben. Das hat sich in den Köpfen der Europäer festgesetzt. Was ist mit diesem friedliebenden Land passiert?

Die Arbeiterpartei PT, der die einstigen Präsidenten Lula da Silva und Dilma Rousseff angehören, wollte das Land einen. Nun hinterlässt die Partei eine fundamental gespaltene Gesellschaft. Eine Ironie der Geschichte?

Die Arbeiterpartei hat versucht, einen sozialen Ausgleich zu schaffen und gleichzeitig die Wirtschaft zu stärken. Vor allem Lula war damit anfänglich erfolgreich. Warum ist der PT nun so kolossal gescheitert?

Das reichte, dass ein ganzes Wertegebilde zusammenbrach?

Sie gelten als minuziöser Beobachter der brasilianischen Gesellschaft. Ihre Betrachtungen des Landes, die sich über fünf Romane erstrecken, haben Sie unter den finsteren Titel «Die vorläufige Hölle» gestellt. Droht nun die endgültige Hölle?

«Obwohl Lula meiner Meinung nach der beste Präsident aller Zeiten war, machte seine Partei unverzeihliche Fehler.»

Die Reihe endet 2003. Danach erlebte Brasilien einen Aufschwung und wurde 2014 aus der Armutsstatistik gestrichen.

Was werfen Sie dem PT vor?

Waren die Programme des PT also bloss Symbolpolitik, wie die Anhänger Bolsonaros behaupten?

«Wir sehen keine Schwarzen und Braune als Ärzte, Ingenieure, Offiziere, Journalisten, Schriftsteller, Zahnärzte, Politiker.»

Bolsonaro will die meisten dieser Programme streichen. Anhänger des neuen Präsidenten argumentieren, die Privilegien für Schwarze oder Indios hätten neues Unrecht geschaffen.

Brasilien schien bis vor kurzem keine über Massen politisierte Gesellschaft zu sein. Jahrzehntelang gab es kaum Demonstrationen. Heute stehen sich zwei unversöhnliche politische Lager gegenüber. Warum diese politische Radikalisierung?

Sie fokussieren in Ihren Büchern vornehmlich auf die einfachen Arbeiter Brasiliens. Haben die auch Bolsonaro gewählt?

Er wird neuer Präsident: Der ultarechte Jair Bolsonaro kommt in der Stichwahl auf 55,5 Prozent.
Bolsonaro im O-Ton: «Die Schwulen sind ein Produkt des Drogenkonsums.» «Der Fehler der Militärdiktatur bestand darin, zu foltern, statt zu töten.» «Frauen sollen weniger verdienen als Männer, weil sie schwanger werden.»
Jair Bolsonaro, presidential candidate with the Social Liberal Party, waves after voting in the presidential runoff election in Rio de Janeiro, Brazil, Sunday, Oct. 28, 2018. Bolsonaro is running against leftist candidate Fernando Haddad of the Workers’ Party. (AP Photo/Silvia izquierdo)
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Die Stimmung in Brasilien ist angespannt. Kaum jemand traut sich mehr, über Politik zu reden. Viele der feurigen Posts in den sozialen Medien wurden gelöscht. Vor allem den Gegnern von Bolsonaro ist es mulmig zumute. Ist die Angst berechtigt?

Dann teilen Sie die Hoffnung vieler Brasilianer nicht, die Ära Bolsonaro könnte nur halb so schlimm werden, wie alle befürchten?

Besonders Kulturschaffende sehen kaum mehr eine Zukunft im Lande. Viele wollen auswandern. Werden Sie im Land bleiben?

«Brasilien hat eine der schlechtesten Leseraten der Welt. 44 Prozent der Bevölkerung lesen nicht.»

Was kann die Literatur ausrichten in einem Land, in welchem kaum Bücher gekauft werden?

Während der Militärdiktatur spielte die Musik eine grosse Rolle. Aus dem Exil heraus spendeten Leute wie Tom Zé, Chico Buarque, Gilberto Gil, Gal Costa oder Caetano Veloso musikalischen Trost oder leisteten geistigen Widerstand. Heute haben viele Musiker Angst, sich zu exponieren.

Im Banner Brasiliens steht «Ordem e Progresso» – Ordnung und Fortschritt. Was würden Sie nach dieser Abstimmung in die Flagge schreiben?