Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser auf die neueste Version, oder wechseln Sie auf einen anderen Browser wie ChromeSafariFirefox oder Edge um Sicherheitslücken zu vermeiden und eine bestmögliche Performance zu gewährleisten.

Zum Hauptinhalt springen
Werbung
Weiter nach der Werbung

«Ich konnte nicht einmal weinen»

«Die Debatte um kulturelle Aneignung ist ein Phänomen des Westens, fast eine Krankheit»: Mia Couto auf dem Lindenhof in Zürich. Foto: Dominique Meienberg
Couto stammt aus der Stadt Beira in Moçambique. Der Zyklon im März 2019 traf das Land hart, und auch die Heimatregion des Autors. Hier im Bild ein Haus in der Nähe von Beira.
Einwohnerinnen und Einwohner in Beira räumen Steine zerstörter Gebäude weg. Der Wiederaufbau dauert bis heute an und ist noch lange nicht beendet.
1 / 4
Weiter nach der Werbung

Herr Couto, Moçambique wurde im März von verheerenden Wirbelstürmen heimgesucht, 1,5 Millionen Menschen verloren ihr Zuhause. Ihre Heimatstadt Beira war besonders betroffen.

Moçambique ist ein sehr armes Land, selbst überfordert vom Wiederaufbau. Wie sieht es mit der Hilfe von aussen aus?

Moçambique ist seit über 40 Jahren unabhängig, Sie haben dafür gekämpft. Wie sehen Sie Ihr Land heute?

Der Bürgerkrieg wurde 1992 durch ein Friedensabkommen zwischen der regierenden Frelimo und der Widerstandsbewegung, der Renamo, geschlossen. Jetzt sind wieder Friedensverhandlungen im Gang. Warum?

Meine Sorge ist, dass sich durch die ausländischen Investoren eine Kolonialwirtschaft erhält.

Mia Couto

Moçambique steht im Index für Entwicklung auf Platz 181 von 188. Ohne ausländische Investitionen wird es nicht hochkommen. Die bergen aber die Gefahr – Stichwort China –, das Land abhängig zu machen.

Moçambique ist eine junge Nation mit willkürlichen Grenzen aus der Kolonialzeit, es gibt viele Sprachen, unterschiedlichen Religionen. Kann da überhaupt so etwas entstehen wie ein Nationalgefühl, eine moçambiquanische Identität?

Sie meinen den Bürgerkrieg – kann man den «gemeinsam vergessen»? Ich denke an Spanien, wo man für den Bürgerkrieg erst jetzt versucht, eine Erzählung zu schaffen, die beide Seiten berücksichtigt, und das mehrere Generationen nach den Ereignissen.

Europa tut so, als nähme es die meisten Flüchtlinge aus Afrika auf. Das stimmt nicht. Die meisten gehen in andere afrikanische Länder.

Mia Couto

Europa beschäftigt und besorgt der Zustrom von Flüchtlingen aus Afrika. Unter den Herkunftsländern fällt Moçambique nicht auf. Gehen die jungen Leute dort nicht weg, gibt es keinen Brain Drain?

Sie sind ein weisser Autor in einem schwarzen Land. Macht Ihnen das Schwierigkeiten, gibt es so etwas wie umgekehrten Rassismus?

Ihre Romane behandeln auch Themen der moçambiquanischen Geschichte. Kommt da nicht der Vorwurf der «cultural appropriation» auf: Ein Weisser, ein Abkömmling des Kolonisatorenvolks, will uns unsere Geschichte erzählen?

Gibt es so etwas wie ein literarisches Leben in Moçambique?

Können sich normale Menschen Bücher überhaupt leisten?

Wir Moçambiquer sehen den Tod nicht als Ende. Die Toten leben weiter – nur in einer anderen Form.

Mia Couto

Ihre Bücher unterscheiden sich sehr von europäischen, sie erinnern mich eher an südamerikanische. Da liegt der Begriff «magischer Realismus» auf der Hand.

Dazu gehört, dass die Grenze zwischen Lebenden und Toten keine absolute ist. Das ist für uns westliche Rationalisten recht befremdlich.

Dann müsste es in Afrika weniger Angst vor dem Tod geben?