Zum Hauptinhalt springen

Wo ist Viola Tami mit der Kleenex-Box?

Am Samstag feierte die fünfteilige SRF-Eventshow «Ich schänke dir es Lied» Premiere. Ein nicht abreissender Tränen-Sturzbach.

«Das sind echte Geschichten. Geschichten, die einem ans Herz gehen»: Vioala Tami, Moderatorin von «Ich schänke dir es Lied».
«Das sind echte Geschichten. Geschichten, die einem ans Herz gehen»: Vioala Tami, Moderatorin von «Ich schänke dir es Lied».

Im Vorspann sieht man Menschen, die sich umarmen, Türen, die sich öffnen, Tränen, die fliessen. Man sieht bekannte Sänger wie Baschi, Luca Hänni oder Gölä und hört Aussagen wie: «S isch ä magischä Momänt gsii.» Das Schweizer Fernsehen widmet seine neue Samstagabendshow der Überbringung von musikalischen Dankesbotschaften. Man könnte auch sagen: dem Öffnen von Schleusen. Was vordergründig als Musiksendung angekündigt wurde, entpuppt sich in Tat und Wahrheit als schnelle Aneinanderreihung von rührseligen Geschichten. Oder genauer: als nicht abreissender Tränen-Sturzbach.

Tränen in den Einspielern, Tränen in der Bodensee-Arena in Kreuzlingen, wo die Samstagabendsendung unter der Leitung von Viola Tami live umgesetzt wird. Tami ist sportlich. Sobald der fünfminütige Einspieler beendet ist, schnappt sich die Moderatorin ein Paket und geht unverzüglich auf Emotionsfang – live vor der Kamera.

Das Alles geht uns doch nichts an

Für so etwas wie eine Willkommensmoderation bleibt an diesem Abend keine Zeit. Es macht «Pamm!» und das Scheinwerferlicht in der Halle erfasst jemanden, der mit einem Song überrascht werden soll. Er schlägt instinktiv die Hände vors Gesicht. Jetzt sind Tränen gefragt.

«Das sind echte Geschichten. Geschichten, die einem ans Herz gehen», sagt Viola Tami und eilt bald weiter. Überwundene Krankheiten, der gemeinsame Weg durch schwere Zeiten, lange währendes Glück, enge familiäre Bindungen – alles wird gewürdigt, alles hat einen passenden Song verdient. Das Schlimme: Man fängt mit der Zeit an, Schicksale zu vergleichen. Person X hatte ein wirklich schweres Leben. Die hätte sogar zwei Songs verdient. Person Y hat gar keine so tragische Geschichte. Wieso kriegt die überhaupt vor laufenden Kameras einen Song? Wieso weint die jetzt so bitterlich? Wegen eines gebrochenen Arms, der längst wieder verheilt ist?

Das alles geht uns doch eigentlich nichts an. Dieses Urteil steht uns nicht zu. Wieso bleiben solche Dinge nicht privat? Finden die «schönsten Momente im Leben» – ein treuer Partner wird im Möbelhaus von Baschi überrascht und erlebt damit laut eigener Aussage ein ebensolchen – heute vor laufender Kamera statt? Müssen sie? Man darf hoffen, dass sie auch ohne sie stattfinden würden.

Man kann Musik auch mit Tränen überfluten

Diese Sendung zeigt normale Schweizerinnen und Schweizer und ihre Schicksale. Es geht unter anderem um «Chrampfer», um «Schaffer», um «gueti Männsche», um Leute, die sich tagein, tagaus für andere einsetzen und nun ein Dankeschön bekommen. Das bringt selbst den stärksten Mann den Tränen nahe. Die Musik bildet dazu den Teppich, den Auslöser, den Schleusenwart.

Das US-Fernsehen strahlte in den Siebzigerjahren die Sendung «Soul Train» aus. Unter der Ägide des legendären Moderators Don Cornelius wurde im Studio nach Lust und Laune getanzt und gesungen. Präsentiert wurden aktuelle Tanzhits – nicht mehr, nicht weniger. Don Cornelius fragte höchstens mal: «How ya doin’? Do you like to dance?» – Tami fragt die eine Hälfte eines eng verbundenen Geschwisterpaars, das schwere Zeiten durchgemacht hat: «Hast du gewusst, wie dankbar dir deine Schwester ist?» – Ihre Antwort: «Ja.»

Das «Soul Train»-Format räumte der Musik und den unmittelbaren Reaktionen darauf allen Platz ein. Heute sind die Folgen auf DVD und Youtube hochbeliebt. Was die Tänzer dabei dachten, welchen Frust sie sich dabei genau von der Seele tanzten, blieb ihre Sache. Kurz: Man kann Musik auch mit Tränen überfluten.

Grosser Tränenausschuss

Nichts gegen alle Beteiligten und das, was sie erlebt und geleistet haben. Das Konzept von «Ich schänke dir es Lied» allerdings, das ist höchst fraglich. Es geht hier nur um das Abrufen von Emotionen – gemessen an der Anzahl Tränen. Schade um den Sendeplatz. Schade um ein paar wenige schöne Songs.

Worauf sie sich im Hinblick auf den Sendungsverlauf denn am meisten freue, wurde die Basler Sängerin Anna Rossinelli, gemeinsam mit den Berufskollegen Ritschi und Kunz angestellt für die Überbringung von musikalischen Livebotschaften, von Moderatorin Viola Tami in den ersten Minuten der Sendung gefragt. «Ufs Briälä,» hatte sie geantwortet. Sie ist auf ihre Rechnung gekommen.

Dass sie nebenbei eine schöne Version von «Hallelujah» sang und damit neben «Blueme» von Schlunegger’s Heimweh und «I’d Sing For You» von Bastian Baker für die Finalsendung vom 8. April ausgewählt wurde, sei nebenbei auch noch erwähnt. Wie der Tränenausschuss dann noch erhöht werden kann, bleibt bis dahin streng gehütetes SRF-Geheimnis. Was hängen bleibt, sind keine Songs, sondern ein aufgedrücktes rühriges Gefühl. Vielleicht kündigt sich gar eine Träne an. Wo ist Viola Tami mit der Kleenex-Box?

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch