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Werner Stauffacher Superstar

Die Serie des Schweizer Fernsehens über unsere Geschichte: Eine angenehme Überraschung.

Schweizerische Gefühle: Wenn Werner Stauffacher (Michael Neuenschwander) seine Leute überzeugt, sich gegen die Habsburger zur Wehr zu setzen, ballen wir im Geheimen die Fäuste.
Schweizerische Gefühle: Wenn Werner Stauffacher (Michael Neuenschwander) seine Leute überzeugt, sich gegen die Habsburger zur Wehr zu setzen, ballen wir im Geheimen die Fäuste.
SRF

«Was hat dich am meisten gefesselt in diesem Film, was ist dir geblieben?», frage ich Paula, eine meiner Töchter, nachdem wir gemeinsam die erste Episode der Serie des Schweizer Fernsehens über unsere Geschichte gesehen haben. «Ich fand cool, wie die drei Männer im Wald standen und die drei Finger in den Himmel streckten und schworen.» – «Warum fandest du das gut?» – «Weil man dann immer wieder daran denkt, wie cool unser Land ist.» Paula ist zwölf.

Tatsächlich ist auch mir diese Szene aufgefallen, wenn auch aus anderem Grund: Sie schien mir so unwirklich, fast surreal. Die Farben zu kräftig, der Wald wirkte wie frisch gestrichen, und die Felsbrocken, die herumlagen, sahen aus, als hätte ein Bühnenbildner sie sorgsam hingebüschelt. Als die drei Eidgenossen wie Kobolde die Schwurhand erhoben, fragte ich mich, ob das stimmen könnte? Warum sollten die drei schwören ohne Zeugen in einem abgelegenen Wald? Was ist ein solches Bündnis wert? – Und anders als meiner Tochter versperrte mir der Kopf den Blick auf das Wesentliche: Es sind starke Bilder, die uns das Schweizer Fernsehen vor Augen führt, vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie brennen sich ein, weil die Mythen – und die Fakten – unserer Geschichte stark sind. Welches andere Land glaubt denn, auf einer Zusammenkunft dreier Männer zu beruhen, die sich im Wald trafen, um eine künftige Zusammenarbeit abzumachen? Welcher Gründungsmythos ist so privat und so bürgerlich und so leicht zu verstehen? Paula hat das richtig gesehen.

Brecht scheitert

«Glotzt nicht so romantisch!» Um seinem Publikum jede Ergriffenheit im Theater abzugewöhnen, liess Bertolt Brecht seinerzeit im Zuschauerraum Plakate mit solchen Befehlen aufhängen. Ohne viel Erfolg. Amüsiert nahm man das zur Kenntnis – und gab sich trotzdem den perfekt erzählten Stücken hin. Man schunkelte mit, man summte vergnügt, wenn in der «Drei­groschenoper» die Moritat von Mackie Messer gegeben wurde. Die Aufforderung zum Zere­bralen verfing nicht. Wahrscheinlich glaubte Brecht selber nicht daran.

An diesen brechtschen Verfremdungseffekt musste ich denken, als das Schweizer Fernsehen gegen Ende des Films den Heidelberger Historiker Thomas Maissen auftreten liess, der etwas ­kryptisch darauf hinwies, wie schlecht es um die Quellenlage bestellt ist, wenn es darum geht, die Schlacht am Morgarten zu belegen. Zwar sagte Maissen das so nicht, doch der Zuschauer hörte bloss: Morgarten hat gar nicht stattgefunden. Er hörte es und – ähnlich wie bei Brechts ­Plakaten – die Botschaft versank im Morast von Morgarten. Zu lange, zu eingängig, zu schwelgerisch hatte das Schweizer Fernsehen zuvor Bilder gesendet, die das Gegenteil nahelegten.

Vielleicht die intensivste Szene des Films zeigt die Ankunft der Urner im Lager der Schwyzer kurz vor der Schlacht. Ohne noch auf sie zu hoffen, hatten sich die Schwyzer, niedergeschlagen und kleinlaut, darauf eingestellt, von allen Ver­bündeten im Stich gelassen zu werden und alleine gegen die Habsburger Kriegsmaschine antreten zu müssen. Im Ruderboot gegen den Flugzeugträger. Als aber die Urner auftauchen und man erkennt, wie mitten im Haufen der bärtigen, ungepflegten, wilden Krieger die gelbe Fahne mit dem schwarzen Uristier flattert, durchfuhr auch mich jenes kollektive Schauern, das man heute erlebt, wenn die eigene Fussballmannschaft im Stadion einzieht. Masse und Macht. Individuum und Nation.

Konservative Wende

Denn darum geht es hier: Dem Schweizer Fern­sehen, das lange nicht an erster Stelle bekannt dafür war, geistige Landesverteidigung als Teil seines Service public aufzufassen, ist eine Art ­Neuauflage nationaler Geschichtsschreibung geglückt – wenn auch wohl unbeabsichtigt, was den Vorgang umso bemerkenswerter macht. Wenn es in diesem Land je eine konservative Wende gegeben hat, wofür einiges spricht, dann ist die Serie «Die Schweizer», wie sie ironischerweise in Anlehnung an ein deutsches Vorbild heisst, Ausdruck davon. Selbst in Leutschenbach, so macht es den Anschein, ist der Revisionismus angekommen.

Als Student hatte ich in den Neunzigerjahren an den Universitäten noch die Epoche der historischen Dekonstruktion erlebt, als alles, was im Ansatz an den sogenannten Historismus erinnerte, zerlegt wurde. In Bielefeld, wo ich unter anderem studierte, hatte sich die deutsche ­Sozialgeschichte etabliert, die respektvoll als ­Bielefelder Schule bezeichnet wurde, wo man vor allem Strukturen untersuchte – nicht grosse Männer. Politikgeschichte besonders galt als ­überholt: Man kümmerte sich stattdessen um die Wirtschaft, die sozialen Klassen, die Konjunktur oder die Zyklen der wiederkehrenden Hungersnöte. Ebenso dubios erschien eine nationale ­Perspektive, will sagen, was in einem Gebiet, das zufällig einem Nationalstaat entsprach, vorfiel, musste zwingend mit anderen Regionen ver­glichen werden. Was ist deutsch, was ist ­schweizerisch? Handelt es sich nicht um eine grandiose Illusion?

Alles, was nach einer Vorliebe für die nationale Erfahrung und Geschichte roch, stank nach Schwefel. In der Hölle schmorten jene grossen deutschen Historiker wie Leopold von Ranke, die einst, im 19. Jahrhundert, den Aufstieg Preussens als unvermeidlich gefeiert und als Verwirklichung allen nationalen Strebens betrachtet hatten. Auch ihre wissenschaftliche Zuversicht, herauszufinden, «wie es gewesen war», wurde im besten Fall als Verwirrung älterer Herren belächelt, meistens aber verdammt. Fakten sind relativ.

Was in den Siebzigerjahren in der Bundes­republik begonnen hatte, verbreitete sich mit ­helvetischer Verspätung auch in der Schweiz. Im Rückblick erwiesen sich viele der damals neuen Gedanken als fruchtbar – ich möchte sie keineswegs missen – dennoch übertrieb man. Und man irrte sich.

Auf einzelne Personen kommt es an – Strukturen hin oder her –, auch der Zufall regiert viel öfter, als die Theorie vorgibt, und Fakten sind real, auch in der Geschichte, nicht alles ist Konstrukt, nicht alles Diskurs. Krieg, Diplomatie, Politik: Ihnen ist eine überragende Bedeutung nicht abzusprechen. Darüber hinaus hat sich der Nationalstaat und dessen Vorläufer im Mittelalter als so wirkungsmächtiger Rahmen menschlicher Existenz in Europa herausgestellt, dass ein Historiker schlicht nichts erkennt, der sich in den transnationalen Nebel begibt.

Kraft der Erzählung

Wenn Werner Stauffacher seine Leute beschwört, ja nicht das Kloster Einsiedeln zu überfallen, und diese es dennoch tun, dann leiden wir mit, als fürchteten wir um unsere eigenen Hütten; wenn er sie überzeugt, sich gegen die Habsburger zur Wehr zu setzen, dann ballen wir im Geheimen die Faust und wollen es diesen pompösen Rittern mit ihrem lächerlichen Federschmuck zeigen, als ob Peer Steinbrück sich unter einer der Rüstungen verborgen hätte. Der Film erzeugt ganz spezifisch schweizerische Gefühle – und bestätigt auf eine geradezu subversive Art all unsere nationalen Selbstbeschreibungen: Wir reden nur in ab­­gehackten Sätzen, wir rotten uns zusammen, jeder gibt seinen Senf dazu. Ja, und wir sind ­mässige Schauspieler.

Revisionistisch – und ich lobe das ausdrücklich – ist diese Serie, weil sie die nationale Geschichte ernst nimmt, weil sie versucht, uns selbst zu ­erklären, woher wir kommen – und warum wir nicht überall hingehen können. Es treten auf: grosse Persönlichkeiten, ja, vornehmlich Männer, was in dieser Ausschliesslichkeit nicht nötig ­gewesen wäre – aber eben auch der historischen Realität entspricht, sofern man sich auf Krieg und Politik konzentriert.

Was aber den wichtigsten Vorzug darstellt: Dieser Film macht Lust auf die eigene Geschichte – und ich spreche hier als Vater, der beobachtet hat, wie meine Kinder mit gebanntem Blick das Treiben, das Leben und Sterben im alpinen Afghanistan des 14. Jahrhunderts mitverfolgt haben. Keiner stand auf. Keiner schlief ein. Werner Stauffacher Superstar.

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