«Und du merkst: ‹Mist, die Front zieht ja gar nicht weiter›»

Ein Unwetter überrascht Deutschland brutal. Haben die Meteorologen versagt? Dazu SRF-Mann Thomas Bucheli.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Die schlimmen Unwetter in Deutschland überraschten viele. Ein Versagen der Meteorologie?
Diese Unwetter sind ein Horror für Meteorologen. Bereits letzte Woche zeigten die Wetterkarten, dass Deftiges auf Deutschland zukommt. Subtropenluft, die sich entladen muss: Da ist das Unwetter eigentlich programmiert. Unmöglich vorhersehbar war, dass es sich auf so kleinem Raum entladen würde. Stationäre Fronten sind auch heute noch sehr schwierig einzuschätzen.

Was geht dem überraschten Meteorologen durch den Kopf?
Da siehst du als Meteorologe ein Gewitter vorbeiziehen, erwartest eine allmähliche Entladung. Und plötzlich merkst du: «Mist, die Front zieht ja gar nicht weiter, die entlädt sich gerade komplett!» Und in diesem Moment regnet es vor Ort bereits seit längerer Zeit, und zwar massiv.

Was fehlte zur exakteren Prognose?
Unter Idealbedingungen sind heute Wetterprognosen für ein Gebiet von einem Quadratkilometer möglich. Realistischer sind Einschätzungen von Flächen von vier Quadratkilometer. In den kommenden Jahren wird die Meteorologie weitere Fortschritte machen, dieses Feinmaschenmodell nochmals verfeinern. Dann können auch Unwetter wie dasjenige in Deutschland deutlich besser eingeschätzt werden, 24 Stunden vorher könnten solche Entladungen lokalisiert werden. In diesem Sinn kam das jetzige Unwetter leider ein paar Jahre zu früh.

Eine überflutete Strasse im schwäbischen Braunsbach. (Quelle: Youtube / SYS 65529)

Jörg Kachelmann meinte, Tote hätte vermieden werden können. Waren die Warnungen zu wenig vehement?
Wenn es derart gewittert, sind auch bei den besten Warnungen Tote zu befürchten. Aber Kachelmann hat schon recht – auch wenn detaillierte Gewittervorhersagen nur kurzfristig möglich sind, haben die Meteorologen schlecht informiert. Es war ein kollektives Versagen: Die Meteorologen formulierten zu unklar, die Behörden verpassten es, die Bevölkerung zu instruieren, und die Medien gewichteten die Unwetter zu lange zu wenig stark.

Die ARD meldete vorher: «Direkt über uns dreht ein Tief seine Kreise und verursacht teilweise unwetterartige Gewitter und Regenfälle.» Das sei eine «deutliche Warnung» gewesen, sagte sie danach.
Das ist keine deutliche Warnung. Sobald schwere Gewitter möglich sind, muss Klartext gesprochen werden. Da gibts keinen Platz mehr für Schönrednerei und Metaphern; die Warnung muss der Hinterste und Letzte sofort verstehen. Aber natürlich ist es nicht einfach, angemessen zu reagieren. Man kann die Bevölkerung nicht ständig warnen, und man darf ihr nicht Angst einjagen. Sonst rennen die Leute sehr schnell planlos durch die Gegend.

Was erwarten Sie für die Schweiz in den nächsten Tagen?
Die Gewittergefahr ist bei uns weiterhin hoch – und da kann lokal durchaus auch Starkregen auftreten. Vergleiche zu Deutschland wären jedoch vermessen. Aber wir leben nun mal nicht in einer idyllischen Oase, überraschende Gewitter und intensive Niederschläge gehören zum Leben nahe den Bergen. Und wegen des Klimawandels können bisher sehr seltene Ereignisse häufiger vorkommen, Tornados zum Beispiel.

Sollten uns die Ereignisse in Deutschland mehr Demut gegenüber der Natur lehren?
Wir sollten definitiv mehr Respekt vor der Natur haben. In unserer Freizeitgesellschaft haben ja viele das Gefühl, das Wetter sei kontrollierbar. Jetzt sehen wir einmal mehr, dass dem nicht so ist. Und das wird auch so bleiben. Egal, wie feinmaschig die Methoden von uns Meteorologen noch werden.

baz.ch/Newsnet

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